Der Mann mit der Maske

Skispringen: Nach seinem Erfolg in Innsbruck steht Janne Ahonen vor dem Gesamtsieg bei der Vierschanzentournee. Ein Lächeln fällt ihm trotzdem schwer

Innsbruck. Als er beim Training in Oberstdorf auf dem Vorbau landete, der Sprung also richtig mies war, zeigte Janne Ahonen seine Zähne. Es soll wohl ein Grinsen gewesen sein. Verkehrte Welt. Wenn er schlecht springt, stimmt ihn das augenscheinlich fröhlich.

Der vor dem finalen Springen der Vierschanzentournee in der Gesamtwertung Führende ist anders als die meisten Springer im Weltcup. Er ist schwer zu begreifen, schwer zu verstehen. Manche halten ihn für melancholisch und für nachdenklich. Andere sagen, er hat die Ironie für sich gepachtet. Ob so jemand wie Janne Ahonen in der medialen Skisprung-Welt von RTL und "Bravo" eine Chance hätte? Wohl kaum. Janne Ahonen (25) zählt seit vielen Jahren zu den Besten seines Faches. Und doch weiß man von ihm eigentlich nur so viel: Er ist schweigsam, lächelt fast nie, und über seine Siege scheint er sich so zu freuen, als würde man zu Weihnachten eine Katze geschenkt bekommen und Tierhaarallergie haben.

"Der Janne Ahonen", so ein gängiger Scherz im deutschen Skisprung-Team, "geht zum Lachen in den Keller." Auf Fragen in Pressekonferenzen antwortet er spärlich, zuweilen gar nicht. Sein Standardsatz nach erfolgreichen Wettbewerben lautet: "I'm very satisfied with these jumps." Das muss reichen, mehr sagt er nicht. Selbst ein Günther Jauch hätte wohl Mühe, dem Finnen ein Lächeln oder eine humorvolle Antwort zu entlocken.

Die bunte Show-Welt des Skispringens ist die seine nicht. "Ich bin hier, um zu springen, und nicht um zu grinsen", hat Ahonen einmal gesagt.

Die Maske beim Sprung war sein Markenzeichen. Doch in dieser Saison springt er ohne Gesichtsschutz, da er den Helmausrüster gewechselt hat. Maskengleich wirkt sein Gesicht jedoch noch immer.

Wenn sich ein Gespräch aber um seine kleine Familie - Freundin Tiina Jakobsson und den 14 Monate alte Sohn Mico - dreht, taut Ahonen sichtbar auf. Das heißt, er sagt keine genuschelten Wortfetzen mehr, sondern erklärt: "Mein Sohn ist mein Lebensmittelpunkt. Durch die Familie bin ich zu einem erwachsenen Menschen geworden."

Schon mit 15 gehörte er dem finnischen Weltcup-Team an, gewann in der Saison 1993/94 seinen ersten Weltcup. Mit dem Team wurde er 1995 Weltmeister, zwei Jahre später holte er im Einzelwettbewerb WM-Gold. Die schmerzhafteste Niederlage erlitt Ahonen wohl bei der nordischen Ski-WM 2001 in seiner Heimatstadt Lahti. Dort, vor seinem Publikum und auf seinen Trainingsschanzen, wollte er Gold, seine ganze Saisonvorbereitung hatte er auf die WM ausgerichtet. Doch er musste sich mit zwei Silbermedaillen und einer aus Bronze begnügen.

Seinem Ehrgeiz hat es nicht geschadet. Ahonen plant, seine Karriere mindestens bis zu den Olympischen Winterspielen 2006 fortzusetzen. Als Hobbys in seiner Freizeit gibt der gelernte Mechaniker Malen und Motorradfahren an. "In Finnland kennen mich viele Leute. Trotzdem werde ich in meinem Privatleben in Ruhe gelassen. Ich kann unbehelligt in ein Pub gehen und mein Bier trinken", sagt Ahonen.

1998/99 hat er schon einmal die Vierschanzentournee gewonnen, übrigens ohne Einzelsieg. Große Sympathien in Deutschland hat ihm das nicht eingebracht, hieß doch damals der Favorit Martin Schmitt. Doch der strauchelte, und ausgerechnet jener schweigsame, blasse Finne war am Ende ganz vorn. Nun zählt er wieder zu den Favoriten. Diesmal könnte er Deutschlands zweiten Skisprung-Darling, Sven Hannawald, der mit rund 15 Metern Rückstand auf Rang zwei des Gesamtklassements liegt, schlagen. Ahonen wird, so ist zu vermuten, in diesem Falle nicht jubeln. Wieso auch? Ein Janne Ahonen genießt still. Und er kann sich sicher sein: RTL und "Bravo" werden ihn in Ruhe lassen.

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