Handball: Hamburg Kiel 33:34 (15:15)

HSV verliert in letzter Sekunde

Das Gipfeltreffen der Handball-Bundesliga war ein Spiel voller Spannung und Klasse. 13.170 Zuschauer in der ausverkauften Color-Linie-Arena bejubelten den HSV am Ende trotz der unglücklichen Niederlage.

Hamburg. Dem THW Kiel darf zur 15. deutschen Handball-Meisterschaft gratuliert werden. Nach dem 34:33-(15:15)-Erfolg beim Verfolger HSV hat der Tabellenführer jetzt schon zehn Minuspunkte Vorsprung auf den ärgsten Konkurrenten aus Hamburg. Es war der 23. Sieg der Kieler in der Bundesliga in Folge und die erste Heimniederlage des HSV in der Bundesliga seit 25 Spielen. "Ich gratuliere meiner Mannschaft zu dieser herausragenden Leistung", sagte Kiels Trainer Alfred Gislason.

Vor dem Spiel hatte Bundesspielleiter Uwe Stemberg die beiden Trainer, Kiels Alfred Gislason und Hamburgs Martin Schwalb, zu einer kurzen Besprechung mit den Schiedsrichtern Lars Geipel und Marcus Helbig gebeten. Die beiden waren erst am Freitagabend für diese Begegnung angesetzt worden, weil jetzt auch das deutsche Topduo Frank Lemme und Bernd aus Magdeburg unter Bestechungsverdacht geraten ist. Die beiden sollen das zweite Europapokalfinale der Pokalsieger am 29. April 2006, Medwedi Tschechow gegen BM Valladolid (Spanien), für 50.000 Dollar zugunsten der Russen verschoben haben. Lemme/Ulrich, beide 46 Jahre alt, bestreiten die Vorwürfe.

Stemberg jedenfalls bat angesichts der derzeit heiklen Situation um die Schiedsrichter beide Trainer beim Coachen um Zurückhalten, um die Stimmung gegen die Unparteiischen nicht weiter anzuheizen. Beide Trainer versuchten sich an die Anweisung zu halten. Es gelang ihnen nicht immer. Dafür war das Spiel zwischen zwei der besten Handballmannschaften der Welt zu hektisch und emotionsgeladen. Die Antwort von den Rängen folgte prompt: "Ohne Schieris haben wir keine Chance", glaubten die HSV-Fans dann auch nach einigen strittigen Entscheidungen. Geipel/Helbig hinterließen allerdings in der Tat keinen souveränen Eindruck. Sie wurden nach dem Abpfiff mit einem Pfeifkonzert aus der Halle begleitet.

Es bleibt dabei: Der Handball hat ein massives Schiedsrichterproblem. Er ist für die Referees zu schnell und athletisch geworden. Die Hamburger gerieten schnell 2:5 in Rückstand (4. Minute). Die offensive 3-3-Abwehr, drei Mann am, drei an der Neunmeterlinie, harmonierte anfangs nicht. Erst als Schwalb Routinier Dimitri Torgowanow (37) für Blazenko Lackovic in die Deckung einwechselte, fanden die Kieler nicht mehr genügend Freiräume für ihre Angriffe. Die Folge: Der HSV konnte durch Linksaußen Torsten Jansen in der 13. Minute mit 8:7 erstmals in Führung gehen. Die Zuschauer tobten.

Und die Begeisterung steigerte sich noch, als der krebskranke Oleg Velyky in der 19. Minute sein Debüt für den HSV gab. Der 31-Jährige war im Januar 2008 für 200.000 Euro Ablöse von den Rhein-Neckar Löwen nach Hamburg gekommen und hatte wegen seiner Krebstherapie, die Krankheit war im Februar 2007 zurückgekehrt, bisher kein Spiel für den HSV bestreiten können. Im September 2003 hatten die Ärzte bei ihm Hautkrebs diagnostiziert. Sein Einsatz droht ein Hoffnungsschimmer zu bleiben. In der nächsten Woche muss sich Velyky wieder einer gründlichen ärztlichen Untersuchung unterziehen. "Es war mein größter Wunsch, einmal für den HSV aufzulaufen", sagte der gebürtige Ukrainer nach dem Spiel mit einem Lächeln im Gesicht. So entspannt hatte man ihn noch nie gesehen Der Spielmacher kam in der ersten Hälfte zu drei Kurzeinsätzen im Angriff. "Den Jubel der Zuschauer bei meiner Einwechslung habe ich genossen", sagte Velyky, der weitere Einsätze nicht ausschloss.

Velykys symbolischer Einstand schien seinen Kollegen dennoch zusätzlichen Motivationsschub gegeben zu haben. Sie kämpften um jeden Ball, und selbst in Unterzahl erlaubten sie den Kielern nur selten, ihr Kombinationsspiel aufzuziehen. Allein fünf Mal (Kiel: einmal) hatten sich die Hamburger in der ersten Halbzeit mit einem Mann weniger den Kieler entgegenstemmen müssen, und sie taten es mit Bravour und Geschick. In der 22. Minute führte der HSV nach einem Treffer des starken Rechtsaußen Stefan Schröder mit 13:11, vier Minuten später nutzten die Kieler ihre Überzahl und warfen sich mit 15:13 in Front. Nikola Karabatic, den die HSV-Deckung zunächst gut im Griff hatte (bis zur 30. Minute), steuerte in dieser Phase zwei Treffer bei. Doch bis zur Halbzeit glichen Bertrand Gille und Pascal Hens zum 15:15 aus.

Im zweiten Durchgang wechselte die Führung anfangs ständig, wobei die Angriffsaktionen der Kieler strukturierter wirkten. Kein Wunder, fehlten beim HSV doch mit den verletzten Lijewski-Brüdern Marcin (Meniskus) und Krzysztof (Sprunggelenk) zwei Weltklasse-Linkshänder im rechten Rückraum. Zudem musste Arne Niemeyer Spielmacher Guillaume Gille (Muskelfaserriss in der linken Wade) ersetzen. Niemeyer überzeugte, wenn ihm auch die letzte Sicherheit und manchmal auch das nötige Selbstbewusstsein fehlte. Bei den Hamburgern waren es dann vor allem die überragenden Pascal Hens und Blazenko Lackovic, die mit ihren Treffern die Spannung im Spiel hielten.

Weil Kiels Weltstar Nikola Karabatic in der zweiten Halbzeit dann immer öfter traf, mussten die Hamburger wiederholt zwei Tote Rückstand aufholen. "Das hat sehr viel Energie gekostet. Meine Mannschaft hat aber einen fantastischen Einsatz gezeigt. Es ist ein unglaubliches Team, das diese unglückliche Niederlage nicht verdient hat", sagte Martin Schwalb hinterher. Als aber Arne Niemeyer den HSV in der 50. Minute mit 27:26 nach langer Zeit wieder in Führung warf und Pascal Hens eine Minute später auf 29:27 erhöhte, hatte vor allem Schwalb noch genügend Kraft, vor Freude die Seitenlinie entlang zu hüpfen.

In dieser Phase hatten die Kieler in HSV-Torhüter Johannes Bitter ihren größten Widersacher. Die deutsche Nummer eins hielt, was zu halten war, und noch ein bisschen mehr. Schwalb: "Das war eine Weltklasse-Leistung." Sie sollte nicht belohnt werden, weil die Hamburger im Angriff am Ende zu überhastet agierten. In letzter Sekunde erzielte Kiel schließlich den Siegtreffer. Flip Jicha verwandelte von der Siebenmeterlinie zum 34:33 für den deutschen Rekordmeister. Die Fans feierten ihren HSV trotzdem. Und sie hatten recht damit.

Statistik: Tore: Hamburg: Hens 10, Lackovic 6, Niemeyer 5, B. Gille 4, Schröder 4, Jansen 3, Lindberg 1 (1 Siebenmeter); Kiel: Karabatic 12 (3), Jicha 7 (3), Zeitz 5, Andersson 4, Ahlm 3, Klein 2, Lövgren 1. - Schiedsrichter: Geipel/Helbig (Steuden/Landsberg). Zuschauer: 13.170 (ausverkauft). Zeitstrafen: 7; 4.