Deutschland-Schweiz

Testspiel-Schlappe: Wie die Schweizer das DFB-Team vorführten

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Von Gregor Derichs und Ulf Zimmermann

Nach zwei Wochen Trainingsarbeit auf Sardinien und in Südfrankreich kassierte das Team von Bundestrainer Joachim Löw mit dem 3:5 (1:2) im EM-Testspiel in Basel gegen die Schweiz die Partie mit den meisten Gegentoren seit acht Jahren.

Basel. Zwei Wochen vor dem ersten Gruppenspiel bei der Europameisterschaft haben die Titelhoffnungen der deutschen Fußball-Nationalmannschaft einen herben Dämpfer erlitten. Nach zwei Wochen Trainingsarbeit auf Sardinien und in Südfrankreich kassierte das Team von Bundestrainer Joachim Löw mit dem 3:5 (1:2) im EM-Testspiel in Basel gegen die Schweiz die Partie mit den meisten Gegentoren seit acht Jahren. Die Schlappe erhielt auch historische Züge dadurch, dass es die erste Niederlage gegen die Eidgenossen seit 56 Jahren war.

Das „kleine Holland“, wie Bundestrainer Joachim Löw die Mannschaft des früheren Dortmunder und Münchner Trainers Ottmar Hitzfeld bezeichnet hatte, war an diesem Abend eine Nummer zu groß für den vermeintlichen EM-Favoriten. Seit dem 1:5 in Rumänien im April 2004 hatte die deutsche Mannschaft nicht mehr fünf oder mehr Gegentore einstecken müssen.

„Das Ergebnis war natürlich ärgerlich“, sagte Löw, „wir wussten, dass es nach der Trainingsphase nicht einfach würde, aber das soll auch nicht als Ausrede gelten.“ Aber die vollkommen verdiente Niederlage empfand er nicht als Euphoriebremse. „Die ganze Defensivarbeit war nicht berauschend, aber wir werden wieder in die Spur kommen.“ Der Schweizer Nationaltrainer Hitzfeld freute sich über den Coup gegen seine deutschen Landsleute. „Dass wir in dem in der zweiten Halbzeit dramatischen Spiel immer zurückschlagen konnten, war fantastisch. Damit habe ich nicht gerechnet, das war sensationell.“

Vor 27.381 Zuschauern erzielten der Dortmunder Mats Hummels kurz vor der Pause per Kopf (45. Minute), der Leverkusener Andre Schürrle (64.) und der nach seiner Einwechslung beste Deutsche Marco Reus aus Gladbach (72.) die Treffer des DFB-Teams. Der künftig für Hoffenheim stürmende Eren Derdiyok traf dreimal gegen den Gladbacher Marc-Andre ter Stegen, der sein Debüt im Tor des Deutschen Fußball-Bundes (DFB) gab (21., 23., 50.). Stephan Lichtsteiner traf, begünstigt von einem Fehler von ter Stegen, per Kopf zum 4:2 (67.). Das 5:3 erzielte Admir Mehmedi (76.). Derdiyok hatte Trost parat für seine deutschen Bundesliga-Kollegen: „Ich weiß, wie es ist, mit schweren Beinen aus dem Trainingslager zu kommen. Wir waren einfach frischer“, sagte der Stürmer, der bei seinen 38 Länderspieleinsätzen zuvor nur viermal getroffen hatte. „Die Deutschen sollen sich keinen Kopf machen. Sie bleiben mit Spanien EM-Favorit.“

DFB-Elf mit Sommerfußball und schweren Beinen

„Es waren überall Fehler zu erkennen, die man vermeiden sollte. Das war keine eingespielte Mannschaft“, erklärte Hummels. Stürmer Miroslav Klose sagte: „Die Beine sind schwer, aber wir müssen uns da überwinden. Wir haben nicht gut gestanden in der Abwehr.“

Es war Sommerfußball, den das DFB-Team bot. Acht Spieler des FC Bayern, von denen fünf normalerweise den Stamm der Elf bilden, fehlten. Es war nur ein Test – der zweite und zugleich letzte vor der EM folgt am Donnerstag in Leipzig gegen Israel -, aber mehr durfte vom Vize-Europameister erwartet werden. Löw überraschte aber auch mit seiner Personalauswahl. Mario Götze spielte von Beginn an, auf einer ungewohnten Position zwischen einer „Sechs“ und einer „Acht“. Er enttäuschte wie auch Mesut Özil. Ter Stegen durfte erstmals ins Tor und bekam als erster Torwart seit Oliver Kahn 2001 (1:5 gegen England) fünf Tore eingeschenkt. Klose spürte seine Rückenprobleme offenbar nicht mehr, blieb aber wirkungslos.

Löws Mannschaft erlebte ihr blaues Wunder. Es waren die beiden Leverkusener, die die DFB-Abwehr auseinandernahmen. Tranquillo Barnetta, der erstmals seit fast einem Jahr nach langer Verletzungspause wieder für die Eidgenossen spielte, und Derdiyok liefen zu großer Form auf. Derdiyok sagte, der bevorstehende Wechsel sei ein Neuanfang für ihn, der ihn befreit habe. Erleichtert wurde ihm die Arbeit durch die Stellungsfehler von Per Mertesacker, der in seinem ersten Spiel seit dem 11. Februar sehr weit von seiner Bestform entfernt war. 7:1 Ecken hatte die deutsche Elf zu Beginn erspielt dann kassierte sie das 0:1 und 0:2.

Benedikt Höwedes fand kein Mittel gegen Barnetta, in der Mitte passte die Abstimmung zwischen Mertesacker und Hummels überhaupt nicht, Marcel Schmelzer auf links hatte keine Möglichkeit zum Eingreifen. Nach der Pause brachte Löw für die Madrilenen Özil und Sami Khedira den Gladbacher Reus, der das Spiel etwas belebte, und den Dortmunder Ilkay Gündogan. Die Leistung entsprach nie einem Spitzenteam. Das 1:3 war fast logisch. Höwedes (55.) und Götze (57.) hatten Torchancen zum Anschlusstreffer. Löw brachte mit Julian Draxler für Lukas Podolski den zweiten Neuling (62.). Aber die Eidgenossen mit dem Wolfsburger Diego Benaglio, der beim Schürrle-Tor patzte, dem starken Derdiyok und Inler als Mittelfeld-Chef schafften den Sieg und bereiteten Löw heftige Denksportaufgaben für die nächsten Tage.

(dapd)