Frauenhandball-Bundesliga

Das Trauma des Buxtehuder SV vom Titel

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Achim Leoni

Im Finalrückspiel um die Meisterschaft wollen die BSV-Handballerinnen den Schock aus dem Vorjahr gegen Thüringen überwinden.

Buxtehude. Ein paar Tage ließ Josephine Techert diese letzte Szene nicht mehr los: Freiwurf fünf Sekunden vor Spielschluss, Isabell Klein passt ihr den Ball zu. Ein Tor würde das 29:23 bedeuten und den Buxtehuder SV trotz der 29:34-Heimniederlage im Finalhinspiel gegen den Thüringer Handball-Club zum Sensationsmeister machen. Doch Techerts Wurf kann Torfrau Maike März an den Pfosten lenken. Thüringen gewinnt aufgrund der höheren Zahl an Auswärtstoren den Titel.

Ein Jahr später stellt sich Techert, 26, längst nicht mehr die Frage, warum sie den Ball nicht in die andere Ecke geworfen hat: "In einem Handballspiel gibt es so viele entscheidende Situationen, dass es falsch wäre, alles auf einen Wurf zu reduzieren." Einen Vorwurf hat der Halblinken ohnehin niemand gemacht. "Josi musste diesen Wurf nehmen", sagt Trainer Dirk Leun, "und sie hatte zuvor drei reingemacht." Man habe seinerzeit weitaus gravierendere Fehler gemacht als diesen einen. Und am Ende hielt sich der Schmerz auch deshalb in Grenzen, weil ernsthaft niemand mit dem Titel gerechnet hätte.

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Das zumindest lässt sich nun nicht mehr behaupten. An diesem Sonnabend kommt es in Bad Langensalza erneut zum Entscheidungsspiel zwischen den beiden besten Mannschaften der Frauen-Bundesliga (15 Uhr). Diesmal bringen die Buxtehuderinnen sogar ein Tor Vorsprung aus dem Hinspiel mit (26:25), vor allem aber sehr viel mehr Selbstvertrauen. "Wir glauben an uns, das ist der große Unterschied zum letzten Jahr", sagt Torhüterin Jana Krause.

Als ihre Mannschaft damals fünfeinhalb Minuten vor Schluss gegen den Favoriten mit 28:19 in Führung ging, schien sie plötzlich Angst vor dem Gewinnen zu bekommen: Dazu besteht inzwischen kein Anlass mehr. Von vier Vergleichen mit Thüringen in dieser Saison hat Buxtehude drei gewonnen. "Letztes Jahr waren wir das Überraschungsteam", sagt Techert, "jetzt unterschätzt uns sicher niemand mehr."

Leun macht die Entwicklung zu einer Spitzenmannschaft an Details fest. Das Angriffsspiel sei einen Tick schneller geworden, einige Abläufe hätten sich automatisiert: "Da sind viele Kleinigkeiten zusammengekommen." Der Fortschritt sei auch der Champions League zu verdanken, in der man zwar keine Punkte, aber viel Erfahrung sammeln konnte. Auch darum geht es ja in diesem Spiel: Nur der deutsche Meister hat einen Startplatz in der Vorrundesicher. Als Vizemeister müsste sich Buxtehude im September erst wieder durch ein Qualifikationsturnier beißen.

Vor allem aber geht es darum, sich für eine tolle Saison mit dem ersten nationalen Titel der Vereinsgeschichte zu belohnen. Im Pokal ging dieses Vorhaben schief, obschon man den Thüringer HC selbst im Achtelfinale aus dem Weg geräumt hatte. Buxtehude war plötzlich Favorit - und scheiterte im Halbfinale an Leverkusen. "Das war eine wichtige Lebenserfahrung", sagt Leun, "wirwaren mental nicht auf diese Situation eingestellt." Um diesbezüglich sicherzugehen, hat er Mentalcoach Thoralf Rapsch zum Abschlusstraining am Freitag eingeladen. Leun geht es darum, den Spielerinnen einige Kleinigkeiten bewusst zu machen. "Aber wir brauchen sicher kein Motivationsseminar."

Eines Tages können die Buxtehuderinnen nach ihren Erfahrungen dieser Saison vielleicht selbst Seminare geben. Zum Beispiel: "Wie man Unmögliches möglich macht" - im Halbfinale gegen Leipzig holte man acht Tore Rückstand auf. Oder: "Wie man als Team zusammenfindet".

Buxtehudes Mannschaftsgeist sei der beste in der Liga, davon ist nicht nur Josephine Techert überzeugt. Sollte er sich auch an diesem Sonnabend durchsetzen, böte sich ein weiterer Seminarstoff an: "Wie man Rückschläge erfolgreich verarbeitet".