Der rasende Pastor

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Venezolaner Maldonado gewinnt sensationell das Formel-1-Rennen in Barcelona. Vettel Sechster, Schumacher im Kies

Barcelona. Die Formel-1-Saison 2012 bleibt ein Rätsel. Im fünften Rennen, beim Großen Preis von Spanien in Barcelona, gab es bereits den fünften verschiedenen Sieger. Und dieser war der bislang überraschendste: Pastor Maldonado aus Venezuela, von vielen lange Zeit als Bezahlfahrer mit freundlicher Unterstützung der venezolanischen Ölindustrie verkannt, lieferte auf dem Circuit de Catalunya in Montmelo sein Meisterstück ab. Ferrari-Star Fernando Alonso als Zweiter und Lotus-Pilot Kimi Räikkönen, der Dritte, nahmen den Sensationssieger auf dem Podest auf ihre Schultern.

"Ein wunderbarer Tag", sagte der 27-Jährige, der dem britischen Traditionsrennstall Williams das erste Erfolgserlebnis seit 2004 bescherte. "Es ist viel zu lange her seit dem letzten Grand-Prix-Sieg", sagte Teamchef Frank Williams, der seit einem Verkehrsunfall vor 26 Jahren im Rollstuhl sitzt, wenige Wochen nach seinem 70. Geburtstag. "Aber wir haben nie aufgehört, an uns selbst zu glauben." Sieben Fahrer- und neun Konstrukteurstitel hatte Williams in den 80er- und 90er-Jahren geholt. Seither war es bergab gegangen. Erst in diesem Jahr hat Williams wieder ein konkurrenzfähiges Auto. Gestern aber war Maldonado vom besten Startplatz aus ins Rennen gegangen, weil der Trainingsschnellste Lewis Hamilton wegen eines falsch betankten Autos ans Ende des Feldes verbannt wurde.

Warum aber der Williams in Barcelona plötzlich so schnell fuhr, blieb auch den Experten unklar. "Williams war vor zwei Wochen im Nirgendwo und ist diesmal allen um die Ohren gefahren, das ist schwer zu verstehen", sagte Weltmeister Sebastian Vettel, der diesmal als Sechster Schadensbegrenzung betrieb und aus einem verkorksten Rennen noch das Maximum herausholte. Mit 61 Punkten führt der Titelverteidiger weiterhin die Gesamtwertung an, punktgleich mit Alonso und acht Punkte vor Hamilton.

Auch Nico Rosberg, der in China gewonnen hatte und diesmal als unauffälliger Siebter das Ziel erreichte, grübelte über die verrückte Formel 1: "Es ist unglaublich, vor zwei Rennen hatten wir absolut das stärkste Auto, und nun sind wir so weit hinten."

Vettel, der das letzte Rennen in Bahrain gewonnen hatte, war diesmal weit vom Podium entfernt. "Es war ein drunter und drüber", sagte der Heppenheimer. Weil er das mangelhafte Potenzial seines Red-Bull-Rennwagens schon im Training erkannt hatte, verzichtete er im dritten Durchgang der Qualifikation auf die Zeitenjagd und sparte so frische Reifensätze.

Dass es im Rennen nicht weiter voranging, hatte er ausgerechnet seinem alten Vorbild Michael Schumacher zu verdanken. Der Altmeister war in der 13. Runde nach einem Auffahrunfall ins Kiesbett gerauscht. Beim Anbremsen kollidierte der Silberpfeil mit dem Williams des Brasilianers Bruno Senna. "Ich weiß, dass es auf den Fernsehbildern nur schwierig zu erkennen war, aber Bruno zog nach rechts, um die Innenseite zu verteidigen. Dann kam er kurz vor dem Bremspunkt plötzlich wieder nach links."

Aus dem Cockpit hatte Schumacher noch das Autofahrerkosewort "Idiot" gefunkt. Senna sah das anders: "Er wird natürlich nie sagen, dass es sein Fehler war." Schumacher ließ nach dem Getriebeschaden in Australien und der Reifenwechselpanne in China zum dritten Mal in diesem Jahr wertvolle Punkte auf der Piste liegen. Die Sportkommissare bestraften allerdings Schumacher: Er muss in Monaco fünf Plätze weiter hinten starten.

Vettel wiederum soll nach den Wirren des Unfalls die gelben Flaggen missachtet haben und musste zur Strafe einmal durch die Boxengasse fahren. "Ich habe aus Sicht der Stewards irgendwo zu viel Gas gegeben, ich kann es nicht verstehen", sagte der Weltmeister.

Nach dem Rennen wurden durch einen Brand in der Boxengarage des Williams-Teams 16 Personen verletzt, auch vom benachbarten Caterham-Team. Ein Mechaniker erlitt Brandverletzungen an Armen und Beinen. Nach ersten Informationen soll es eine Explosion in einer Betankungsanlage gegeben haben.

( (HA) )