Austausch: Drei Koreaner versuchen beim HSV Fuß zu fassen

Abenteuer in einer anderen Welt

Son Heung Min, Kim Min Hyeok und Kim Jong Pil machen auf ihrem langen Weg zum Profi Station in Hamburg.

Norderstedt. Wie von HSV-Pädagoge Oliver Spincke organisiert, sitzen Kim Min Hyeok, Kim Jong Pil und Son Heung Min in Freizeit-Klamotten und Badelatschen im Hinterzimmer der Berlitz-Sprachschule Norderstedt Mitte. Gerade eben ist ihr privater Deutschunterricht zu Ende gegangen.

Zur Freude der drei 16-Jährigen werden sie heute von Spincke zurück ins Internat gefahren und müssen nicht zu Fuß gehen. Eigenständig Busfahren trauen sie sich noch nicht zu, und auch Spincke hat noch kein gutes Gefühl dabei, die koreanischen Gäste einfach ihrem Schicksal zu überlassen: "Vor dem Internat fahren verschiedene Busse - nach Poppenbüttel, Garstedt und Norderstedt Mitte. Und ich habe keine Lust, die Jungs im Nirgendwo abholen zu müssen." Und da nicht nur die deutsche Sprache an sich fremd ist, sondern die drei auch mit den Buchstaben nicht vertraut sind, werden selbst solche alltäglichen Aufgaben zur Herausforderung. "Sie wissen, wo die Sprachschule ist, wo sie wohnen und wo das Herold Center ist. Nach und nach sollen sie jetzt noch mehr kennen lernen."

Kim Jong Pil, Son Heung Min und Kim Min Hyeok hat es im Rahmen einer Kooperation zwischen dem HSV und dem Koreanischen Fußball-Verband (KFA) in die Hansestadt verschlagen. Eine Reise in eine andere Welt...

Die DFB-Jacke, die Heung Min trägt, hat er in Korea gekauft, Min Hyeok und Jong Pil haben ihre HSV-Jacken an. Ausgelassen unterhalten sie sich mit Jin Woo Kim (29), den der HSV extra als Dolmetscher engagiert hat. Jin Woo, der an der Universität Hamburg Kunst studiert, erklärt ihnen, dass sie gemeinsam mit anderen Bewohnern des HSV-Internats in eine öffentliche deutsche Schule gehen sollen, um so näher an das Leben eines deutschen Jugendlichen herangeführt zu werden. In ihren Gesichtern zeichnet sich blankes Entsetzen ab, denn es ist für sie unvorstellbar, voneinander getrennt unterwegs zu sein - obwohl sie sich vor ihrem Europa-Abenteuer nicht kannten.

Durch ein Sichtungstraining von Spielervermittler Thies Bliemeister konnten sie sich für das Kooperationsprojekt empfehlen. "Unsere Eltern haben gesagt, dass wir unbedingt nach Deutschland gehen müssen", berichten alle drei unisono. Der Weg nach Europa - für die Koreaner eine riesige Chance. Sie sind froh, nun in Deutschland zu sein und beim HSV eine neue fußballerische Heimat gefunden zu haben: "Ich war gelangweilt vom Fußball in Korea, hier gibt es viel bessere Voraussetzungen", sagt Heung Min und erzählt: "Wir haben nur einmal am Tag, aber dafür drei bis vier Stunden trainiert, und alles war viel strenger als hier." Der Alltag in Hamburg sieht anders aus: Individualtraining, Internatstraining, Mannschaftstraining, Trainingspläne, Ernährungspläne, Fitnesstests und vor allem Eigenverantwortung. Ein Eindruck, was Professionalität im Jugendbereich in Deutschland bedeutet. "Hier ist alles besser. Am liebsten würde ich für immer in Deutschland bleiben", meint Heung Min und erntet die Zustimmung seiner beiden Mitstreiter.

Doch nicht nur fußballerisch ist Deutschland eine neue Erfahrung. "Als wir ihre Zimmer eingerichtet haben, wollten wir zusammen Möbel aufbauen", erzählt Oliver Spincke, "aber die Jungs hatten noch nie einen Schraubenschlüssel gesehen."

Auch wenn die Sprachbarriere riesig ist und das gegenseitige Kennenlernen erschwert, klappt es mit der Kommunikation auf dem Platz, wie Mitspieler Shkodran Mustafi erklärt: "Die Jungs sind keine so schlechten Fußballer und wissen schon einiges, da versteht man sich automatisch. Und wenn wir versuchen, ihnen etwas zu erklären, konzentrieren sie sich und geben sich Mühe, es zu verstehen." Dass er Min Hyeok mit in die Schule nehmen soll, bereitet dem 16-Jährigen keine Sorgen: "Das ist zwar etwas kompliziert, aber es ist eine Herausforderung - und ich nehme Herausforderungen gerne an."

Nach bürokratischen Problemen bezüglich ihrer Aufenthaltserlaubnis sind die drei nun fest beim HSV angekommen und haben seit einigen Tagen auch eine Spielerlaubnis für die B-Junioren. Min Hyeok und Jong Pil kamen am 6. Spieltag gegen den SC Concordia bereits zum Einsatz, Heung Min muss sich noch gedulden. Er ist noch bis Mitte Oktober mit der südkoreanischen Junioren-Nationalelf bei einem Turnier in Usbekistan.

Den Weg nach Deutschland haben sie bereits geschafft, doch nun gilt es für die Asiaten, positiv in Erscheinung zu treten. Damit der große Traum in Erfüllung geht: Profi-Fußballer in Europa.

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