Kanalinsel Jersey

Britischer Charme aber viel mehr Geschmack

Amphibienfahrzeug, Elizabeth Castle, St. Helier, Jersey, Grossbritannien

Amphibienfahrzeug, Elizabeth Castle, St. Helier, Jersey, Grossbritannien

Foto: J. Kruse / picture alliance / Arco Images

Der Nähe zu Frankreich verdankt die Inselviel Kulinarisches. Die Lage bringt aber auch mit sich, dass man dort mal nasse Füße bekommt

Jersey. Wer im Urlaub gern gut essen möchte, denkt nicht gerade als Erstes an einen Trip nach Großbritannien. Die traditionelle Küche gilt als deftig und schwer, ungewöhnliche Kombinationen – wie Lamm und Minze – begeistern nicht jeden. Warum also Jersey?

Zum einen: Die Kanalinsel gehört nicht wirklich zu Großbritannien. Sie wird aus politischen Gründen oft dazu gezählt, ist auch Teil des Zollgebiets der Europäischen Union, verfügt jedoch über ein eigenes Parlament und ist lediglich Kronbesitz der Königin. Die rund 90.000 Einwohner singen „God save the Queen“, wenn die Nationalhymne gefragt ist, und zahlen mit bri­tischem Pfund – parallel zum Jersey-Pfund, das umgekehrt allerdings nicht in Großbritannien gilt.

Zum anderen: Jersey kann seine Nähe zur französischen Küste (24 Kilometer) und damit zur französischen Küche nicht verleugnen. Selbst Auszeichnungen der Restaurantführer ­Michelin und Gault-Millau findet man auf Jersey, zum Beispiel beim Ormer Restaurant, dem Bohemia Bar & Restaurant und dem Tassili – alle in der Hauptstadt St. Helier gelegen, im Süden der Insel an der St. Aubin’s Bay. Im Südwesten, in der Gemeinde St. Bré­lade, lockt The Atlantic Hotel and ­Ocean Restaurant mit seiner Gourmetküche. Insgesamt gibt es auf Jersey mehr als 200 Gastronomiebetriebe.

Bei Food Festival und Tennerfest werden die lokalen Spezialitäten gefeiert

Gerade was Gerichte aus Fisch und Meeresfrüchten angeht, sind die Kanalinseln, von denen Jersey mit 118 Quadratkilometern die größte ist, ein lohnendes, weil enorm vielfältiges Ziel. Statt Fish and Chips gibt es hier frische Muscheln, Austern, Krebse und Hummer zuhauf. Ebenso Wolfsbarsch, Seezunge, Dorsch, Pollack, Schwarze Meerbrassen und weitere Sorten.

Vickie, Tony, Doughy und ihre ­Kollegen von der Fresh Fish Company verkaufen sie in einem kleinen Laden am Pier von St. Helier. Vickies Bruder, Louis Jackson, ist der Inhaber. In ­großem Stil versorgt er die Restaurants der Insel – der eigene Betrieb zur Fisch- und Krabbenverarbeitung macht es möglich. Bis zu 500 Kilogramm Schalentiere liefern die Jersey-Fischer täglich bei ihm ab. Louis’ Arbeitstag beginnt um zwei Uhr in der Nacht. Private Kunden bekommen im Laden gleich noch ein paar lockere Sprüche zu hören, ebenso passende Rezepte und Tipps – für Fisch und anderes Getier, das die Fresh Fish Company im Angebot hat: Schnecken etwa. Man solle sie vier bis acht Minuten kochen, sagt Verkäufer Doughy einer Touristin, die sich nicht recht an die Zubereitung der Weichtiere herantraut. „Nur“, mahnt er. „20 Minuten, wie manche ­sagen, ist viel zu lang.“

Wer ein Ferienhaus oder Apartment während des Urlaubs sein Eigen nennen kann und über eine Küche verfügt, sollte sich einen Einkauf in den beiden Markhallen St. Heliers nicht entgehen lassen. Während der Fish Market in der Beresford Street eher nüchtern wirkt (im Inneren aber mit einer Riesenauswahl punktet), beeindruckt der 1883 erbaute Central Market gegenüber am Halkett Place schon von außen mit viktorianischem Stil.

Unter einem imposanten Glasdach und zahlreichen verzierten Stützpfeilern bieten die Händler Jersey-Waren und Spezialitäten in Hülle und Fülle: Obst, Gemüse, Fleisch, Backwaren, Blumen, Kunstgewerbe und Black Butter, eine Art Marmelade aus Cider, Äpfeln und Gewürzen, so gut wie alles ­lokal angebaut oder produziert. Beim Gemüse findet man eine hervorragende inseltypische Beilage zum frischen Fisch: die Jersey Royals, intensiv schmeckende Frühkartoffeln, die von den meisten der 55 Kartoffelbauern hier immer noch mit Seetang gedüngt werden, wie es schon Generationen vor ihnen taten. Sowohl Central- als auch Fish Market haben täglich außer sonntags geöffnet, immer ab 7.30 Uhr.

Die Insel feiert ihre lokalen Spezialitäten jährlich zweimal mit besonderen Veranstaltungen. Im Mai findet das Food Festival statt: Es gibt Betriebsführungen, Vorträge, Probierstände. Auch die Milchfarmer beteiligen sich regelmäßig daran und präsentieren ihre Produkte und Höfe. Das Jersey-Rind ist eine der ältesten Rinderrassen der Welt, unbeeinflusst durch Kreuzungen. „Wir können den Stammbaum unserer Tiere bis ins 19. Jahrhundert zurückverfolgen“, sagt stolz Paul Houzé von der Lodge Farm im Osten der Insel. 220 Milchkühe hat er im Stall stehen. In jüngerer Zeit haben ihn mehrfach asiatische Geschäftsleute besucht. Auch in China, das noch immer mit Nachwirkungen des Lebensmittelskandals um vergiftete Milchprodukte zu tun hat, seien sie an der Reinheit der Jersey-Produkte interessiert, erzählt er.

Im Herbst lockt Jersey mit einer weiteren Schlemmerveranstaltung: Jedes Jahr ab 1. Oktober läuft für sechs Wochen das Tennerfest. „Tenner“ sind Zehner. In dieser Zeit gibt es in vielen Restaurants, hochwertigen wie einfachen, besonders günstige Gerichte, in den hochklassigen Restaurants zum Beispiel komplette Drei-Gänge-Menüs – die dann allerdings nicht mehr für nur einen Zehner, doch immerhin für maximal 20 Pfund.

Was aber tun, um die überflüssigen Kalorien am nächsten Tag wieder loszuwerden? Am besten widmet man sich dem, wofür unzählige Reisende die Insel mit ihrer abwechslungsreichen Landschaft und dem milden Golfstrom-Klima lieben (allein 2014 kamen 15.000 deutsche Besucher): Wandern und Radfahren. Bei der Tourist Information am Busbahnhof von St. Helier versorgen die Mitarbeiter Gäste mit gut ausgearbeiteten, auch auf Deutsch verfügbaren (Rad-)Wanderführern.

Die Ale Trails führen von Pub zu Pub – am Ende gibt es für jeden ein T-Shirt

Besonders lustig wird es in passender Gesellschaft auf den Ale Trails: Auf sechs Routen wandert man von Pub zu Pub. Wer sich an jeder Station einen Stempel abholt, bekommt am Ende ein Ale-T-Shirt. Dass dabei nur Lokale einer großen, immerhin lokalen Kette aufgesucht werden, muss man dafür in Kauf nehmen.

Über sportliche und gesellige Freizeitbeschäftigungen hinaus hat Jersey auch kulturell und historisch interessierten Gourmets einiges zu bieten. So gibt es mehrere Burgen und Festungen, viele Museen und Ausstellungen – für Kunst ebenso wie für Anti-Kriegs-Mahnungen, etwa die Jersey War Tunnels, die sich mit der deutschen Besatzung von 1940 bis 1945 beschäftigen. Selbst Formel-1-Fans kommen auf ihre Kosten: Nigel Mansell, Weltmeister von 1992, stellt in der The Mansell Collection in St. Aubin seine Trophäen, Boliden und andere Erinnerungsstücke aus, lässt Fotos und Videos seiner Erfolge zeigen – und verkauft Autos.

Anreise Von April bis Oktober wird Jersey von einigen deutschen Flug­häfen aus angeflogen. So bieten zum Beispiel Germanwings, Lufthansa und Airberlin Verbindungen ab Hannover und München. Condor Ferries unterhält Fähren von St. Malo in Frankreich sowie in England von Portsmouth, Poole und Weymouth aus nach Jersey.

Ausflüge Der Busservice auf Jersey
ist bestens organisiert, von St. Helier aus werden fast alle Orte und alle ­Attraktionen der Insel angefahren, zum Beispiel der weiße Leuchtturm
La Corbière im Westen – bei Ebbe ist er quer durch Fels­formationen sogar zu Fuß erreichbar, wie auch das Elizabeth Castle direkt vor St. Helier. Ohnehin ist das Gezeitenspiel faszinierend, der extreme Tidenhub mindert aber mitunter den Badespaß.

(Die Reise fand mit Unterstützung von Visit Jersey statt.)