Norddeutschland

Nächster Halt Husum – eine Liebeserklärung an Storms Stadt

Am Markttag ist die Atmosphäre in Husum besonders fröhlich – vor allem bei gutem Wetter

Foto: picture alliance

Am Markttag ist die Atmosphäre in Husum besonders fröhlich – vor allem bei gutem Wetter

Für die Hamburgerin Hilke Maunder ist die „graue Stadt am Meer“ bunt und einen Besuch wert. Was es mit den Krokussen auf sich hat.

Schon als kleines Mädchen ahnte ich: Husum, das muss etwas Besonderes sein. Einmal jährlich, meist im Frühjahr, nahm sich mein Vater eine Auszeit von der Familie und entschwand mit Freunden übers Wochenende. Pünktlich am Sonntagabend kehrte er zurück. Schnaubend hielt die Dampflok im Altonaer Bahnhof, heraus stieg mein Vater, um Jahre verjüngt. Seine Augen leuchteten, und seine Haut roch nach Salz.

Papa, nimm mich mit! "Später", sagte er. Später. Dazu kam es nicht. Ich machte Abitur, studierte, war im Prüfungsstress, wurde Redakteurin, entdeckte die Welt. Und kam nie nach Husum. Doch eines Tages, mitten in einer privaten Krise, beschloss ich zum Erstaunen aller: Ich mache Urlaub. In Husum. An der Nordsee. Am Altonaer Bahnhof war der Dampf dem Diesel gewichen, doch der Zug ein „Silberling“ geblieben, mit Plastiksitzen, ausgesessen seit Jahrzehnten. Elmshorn, Itzehoe, Heide, Nordfriesland! Auf den Weiden der Köge grasen Schwarzbunte. Hier und da erheben sich wuchtige Haubarge, Großbauernhöfe, die zum Schutz vor Hochwasser auf Warften erbaut wurden. Flach und weit ist das Land, duckt sich unter dem hohen Himmel. Der Westwind bläst, lässt die Flügel der Windräder rotieren. Zu Hunderten stehen sie hier – und verraten mir: „Nächster Halt Husum“. Angekommen.

Das erste Mal wohnte ich in der Jugendherberge, drei Kilometer außerhalb an der Straße nach Nordstrand. Punkt zehn Uhr war Zapfenstreich. Heute selbst ein wenig in die Jahre gekommen, liebe ich dieses Kleinod: das „Alte Gymnasium“. In der einstigen Gelehrtenschule hatte schon Theodor Storm die Schulbank gedrückt. 1994 bis 1996 erfüllte sich der Hamburger Geschäftsmann Johann Max Böttcher einen Lebenstraum und baute das bis 1974 von der Hermann-Tast-Schule genutzte Gebäude zu einem Hotel um. Wo heute ein opulentes Frühstücksbüfett einen guten Start in den Tag verspricht, standen einst die Apfelbäume des Rektors.

Husum ist voller Geschichte

Von der alten Schule sind meine Sehnsuchtsorte nur wenige Schritte entfernt. Zum Beispiel der Schlossgarten. Jetzt im Sommer findet sich ein schattiges Plätzchen, die Erinnerungen gehören dem Frühjahr: Dannleuchten fünf Millionen Krokusse unter den alten Eichen, schmücken den Boden mit einem Teppich aus Lila. Das Naturschauspiel rund um die ehemalige Residenz des Herzogs Adolf von Gottorf verdankt seinen Ursprung einem Irrtum: Die „Grauen Mönche“, deren Kloster sich im 15. Jahrhundert unweit des heutigen Schlosses befand, haben vermutlich die ersten Krokusse gepflanzt – in der Hoffnung, aus den getrockneten Narben wertvollen Safran zum Färben ihrer liturgischen Gewänder zu gewinnen.

Andere Quellen meinen, Herzogin Marie Elisabeth habe um 1650 Krokusse angesiedelt – als Safranquelle für ihre berühmten Zuckerbäckereien. Beide jedoch hatten mit dem Crocus napolitanus die falsche Pflanze gewählt – Safran lässt sich nur aus dem Crocus sativus gewinnen. Husum ist voller Geschichten. Die schönsten hat Theodor Storm erzählt. 1817 in einem Haus am Markt geboren, verfasste der Amtsrichter allein in der Wasserreihe 31 innerhalb von 14 Jahren 20 Novellen. Auf Schritt und Tritt ist das erzählerische Erbe in Husum präsent. In der Süderstraße war Pole Poppenspäler daheim, irgendwo hinter den Deichen lebte der Schimmelreiter. Heute sei Storms graue Stadt „ganz bunt“, verkünden die Husumer Kaufleute auf Plakaten und Stickern. Am Donnerstag vibriert die Stadt mit Leben, wenn sich die Obst- und Gemüsestände, Blumenfrauen, Fischmänner und Geflügelhändler vor der in gelbem Backstein aufgeführten Marienkirche drängen. Ihre klassizistische Architektur versetzt mich für einen Augenblick in die Neuenglandstaaten.

Erst ein Krabbenbrötchen, dann ans Meer

Das Fischermädchen lässt sich vom Rummel nicht stören. Die bronzene Brunnenfigur ist das Wahrzeichen der Stadt, Symbol für die See, die Seele der Stadt. Alle sechs Stunden wechseln die Gezeiten, lassen die Kutter im Binnenhafen trockenfallen. Am Kai verkaufen Fischer fangfrische Makrelen und Aale. An der Brücke zum Außenhafen hat ein Fischlokal den schönsten Aussichtsplatz eingenommen. Drinnen sitzen die Schönwetterurlauber, draußen die echten Nordseefans, meint Helge hinter der Theke, schiebt seine Papiermütze in den Nacken und sagt: „Moin! Wieder mal Krabben?“ Ich nicke, beiße in die Schrippe und ziehe tief die salzige Nordseeluft durch die Nase ein. Eine Möwe nutzt meine Tagträumerei und schnappt sich eine Krabbe vom Brötchen. „Helge, machst du mir noch eins? Ich muss noch ans Meer!“

Denn ohne Abstecher zum Blanken Hans ist keine Husum-Fahrt komplett. Der Tidenkalender entscheidet über mein Programm. Ist Flut, wandere ich auf dem Deich entlang oder mache einen Ausflug zum Eidersperrwerk oder lasse mich an Bord eines historischen Segelschiffs die Husumer Bucht umherschippern. Bei Ebbe kenne ich nur eins: hinaus ins Watt! Wie Spaghetti aus Sand kitzeln die Exkremente der Wattwürmer die Fußsohlen. In tausend Strahlen tanzt die Sonne in den Wasserlöchern und Rinnsalen. Wolkenberge jagen sich am Himmel ...

Jetzt ist sie wieder da, diese Sehnsucht nach Husum. Und kein freies Wochenende in Sicht. Was nun? Ich klicke auf www.husum-tourismus.de. Drei ­Live-Cams übertragen im Internet das Husumer Leben ins Hamburger Büro. Auf dem Marktplatz herrscht reges Treiben, bei der Slipanlage ist kein Boot zusehen, aber im Binnenhafen hockt ein Mann auf einem Poller und angelt. Jetzt fehlt nur noch die frische, salzige Brise!

Tipps und Informationen

Anreise Mit dem eigenen Fahrzeug geht es von ­Hamburg über die A 23 und B 5 nach Husum. Mit der Bahn ist die schleswig-holsteinische Kreisstadt mit dem IC ab Hamburg-Hauptbahnhof, mit Regionalzügen ab Hamburg-Altona zu erreichen. Für alle, die mit dem Boot anreisen, gibt es Gastliegeplätze in drei Häfen. Radurlauber erreichen Husum auf dem Nordseeküsten-Radweg; auch vom Eider-Treene-Sorge-Radweg ist es nur ein kleiner Schlenker bis nach Husum.

Schlafen Genießer-Hotel Altes Gymnasium: Einzelzimmer ab 119 Euro, Doppelzimmer ab 195 Euro; 53 Zimmer mit extralangen Betten (2,10 m) – davon 23 im historischen Schulgebäude von 1867, die anderen im Gartenhaus. Die einstige Turnhalle birgt heute ein Schwimmbad , Spa und Fitnessraum. Süderstr. 2–10, 25813 Husum, Tel. 04841/ 83 30, http://geniesserhotel-altes-gymnasium.de. Thomas-Hotel: Doppelzimmer Ü/F ab 109 Euro; Lifestyle-Haus mit Bar, Lounge und Spa. Angebot „It’s Tee Time“: 2 Übernachtungen mit HP und 2 x Greenfee Golfclub Husumer Bucht. „Grasshopper“: 3 Übernachtungen, 2 Abendmenüs, je ein Greenfee im Golfclub Husumer Bucht, Nordsee-Golfclub St. Peter-Ording, Golfclub an der Schlei. Tel. 04841/66 20-0, www.thomas-hotel.de

Essen und Trinken Kuchen wie bei Oma, nostalgisches Ambiente, bester Kaffee und sehr freundlicher Service im Café von Jacqueline Werth zwischen Marktplatz und Schlosspark. Schlossgang 10, Tel. 04841/55 53, www.jacquelines-cafe.de. Hausgemachtes Labskaus oder hausgemachtes Sauerfleisch in Dragseth’s Gasthof, Husums ältestem Gasthof aus dem 16. Jahrhundert, Tel. 04841/77 99 95, www.dragseths-gasthof.de Auskunft Tourismus- und Stadtmarketing Husum GmbH, Großstraße 27, 25813 Husum, Tel. 04841/898 70, www.husum-tourismus.de

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