Reise

Mallorca verändert sich und passt sich an

Cala Santanyi

Cala Santanyi

Foto: Konrad Wothe / getty

Die Insel ist ganz anders, als selbst Stammgäste glauben. Denn sie spielt mit ihren Klischees, erfüllt sie alle – und am Ende kein einziges.

Das erste Mal bin ich aus Witz nach Mallorca geflogen. Oder, wie wir damals zu sagen pflegten: aus Scheiß. Es war ja eine ironische Zeit, Oma-Kneipen, Toast Hawaii, Schlagerpartys, das waren alles so Dinge, die man mal machte, aber auf ironische Weise. Und so war auch meine Erwartung an Mallorca: Ballermann, deutsche Aussteiger-Spießer, Bettenburgen und Schickimicki. Das wollte ich mir mal ansehen, um darüber lächeln zu können – okay, wir machen Malle!

Die Warteschlange am Condor-Schalter vorm Abflug schien all meine Vorurteile auf fast anheimelnde Weise zu bestätigen: vor uns ein Junggesellenabschied, dessen Mitglieder in etwa so viel getankt hatten wie das Charterflugzeug; Familien, bei denen nicht nur die Kinder schon hier in Flip-Flops und bunten Shorts standen; und zufällig eine Kollegin aus dem Marketing, die „um diese Jahreszeit immer nach Alcúdia zum Golfen“ flog. Ich stellte mir unter Mallorca eine Art Mittelmeer-Disneyland vor, eine Aneinanderreihung von Klischees, die man nur ertragen kann, indem man sich ohne Hemmungen hineinstürzt und ein Teil davon wird.

Die Insel verändert sich und passt sich einem an, je nachdem, was man will

Natürlich kam alles ganz anders. Mallorca trifft einen in dem Moment, wo man im Mietwagen vom Flughafen rollt, mit einer Realität, die alle Bilder, die man im Kopf hatte, sofort verdrängt: Niemand hatte mir je gesagt, wie die Luft nach Palmen, Mandeln, Salz und Oleander riecht, wie das Licht fast zähflüssig und klar zugleich ist, angemischt aus dem lehmigen Rot der Erde, dem unruhigen Blauweiß des Himmels, dem scheinbar jahrtausendealten Beige der Steinmauern am Rande der Landstraßen.

Niemand hatte mir genau erklärt, wie einfach und schmerzlos es ist, eine halbe Stunde vom Flughafen alles zu finden, was man sucht, sei es Lieblichkeit, Einsamkeit, Party, Weite oder die fantastische Fischtheke eines Eroski-Supermarkts. All das gefiel mir auf Anhieb und verwandelte mich. Fortan würde ich immer, wenn jemand wegen der Klischees über mein Reiseziel lachte, eifrig und beschützend sagen: Nein, nein, Mallorca ist ganz anders!

Das ist zwar kein Geheimnis, aber eine Erkenntnis, die sich ein Leben lang anhand bestimmter biografischer Stationen immer wieder neu auflädt. Mallorca ist eine Insel, die einen über Jahre, Jahrzehnte begleitet, und dabei erlebt man viele Mallorcas. Vielleicht, wenn man jung und ungebunden ist, das Ballermann-Mallorca: morgens mit dem Junggesellenabschied hin, am nächsten Tag zurück. Dann, zu zweit, verliebt, aber noch ohne Kinder, das Mallorca der edlen Restaurants und der Wanderungen auf Eselspfaden irgendwo zwischen Deià und Sóller. Dann mit Kindern das Mallorca der Familienbuchten und Krabbelstrände im Südosten. Und immer kann man sich fragen: Welches Mallorca kommt als Nächstes? Denn die Insel ist nie immer nur eins, nie nur ein Bild, ein Klischee: Sie verändert sich und passt sich einem an, je nachdem, was man von ihr will oder braucht.

Eine Woche dauerte unser erster Mallorca-Urlaub. Lang genug, um ein Gefühl zu bekommen, aber doch zu kurz: Ich verließ die Insel mit einer Sehnsucht nach ihr. Vielleicht wird man zu Mallorca bekehrt, vielleicht gibt es ein Erweckungserlebnis. Ich weiß nicht, ob meins eine der winzigen Felsbuchten im Nordwesten war, wo man umso mehr allein sein kann, je beschwerlicher der Abstieg ist, Beschaulichkeit und Einsamkeit mitten im Massentourismus, und man denkt: Meine Güte, das gibt es wirklich?

Vielleicht war es aber auch etwas an sich ganz Banales: die Effizienz und Freundlichkeit der Mitarbeiter bei der Autovermietung. Sagen wir ruhig, dass es „Hasso“ war, und wenn man das erste Mal auf Mallorca ist, bringt diese auf der Insel scheinbar allgegenwärtige Autovermietung irgendwie perfekt einen ganzen Teil dessen auf den Punkt, was man an Klischees über Mallorca im Kopf hat: so fest in der Hand einer bestimmten Art von Deutschen, dass selbst die Autovermietung heißt wie ein reinrassiger 60er-Jahre-Schäferhund.

Die Begegnung mit den Mallorquinern jedoch, die dort hinterm Schalter standen, ließ mich sofort einen alten Vorsatz über den Haufen werfen, nämlich den, keine pauschalen Urteile über die Bevölkerung ganzer Regionen zu fällen. Also, ausnahmsweise: Die Mallorquiner sind eher verbindlich als freundlich, auf sehr erwachsene und doch lässige Weise signalisieren sie einem, dass wir hier alle das gleiche Ziel haben, nämlich einander möglichst reibungslos eine gute Zeit zu ermöglichen, ich ihnen, indem ich ein bisschen mehr zahle als auf dem Festland oder in meiner Heimat, und sie mir, indem sie die abgefragte touristische Dienstleistung professionell, zuverlässig und mit einer gewissen Heiterkeit abwickeln.

Vielleicht also war es diese verbindliche Klarheit der Einwohner, die mich für die Insel erweckt hat. Oder, um mal nicht all die offensichtlichen Details der Insel-Schönheit aufzuzählen, ihre perfekte Größe. Mallorca ist so klein, dass man schnell das Gefühl hat, man hätte sich die Insel erschlossen, und zugleich so groß, dass man nie einen Insel-Koller bekommt, jene Mischung aus Überdruss, Klaustrophobie und Fluchtreflex, die einen nach etwa zwei Wochen pausenloser Inselgewissheit befällt, verursacht dadurch, dass man von fast überall das Wasser sieht.

Nein, ich kenne Leute, die sind vom Flughafen auf eine Finca ins Hinterland von Manacor gefahren und haben ihren festen Plan, hin und wieder eine der Buchten an der Ostküste aufzusuchen, komplett vergessen. „Es war wie Toskana mit Tapas“, lautete ihr unpräzises, aber sicher nicht unzutreffendes Urteil über den mallorquinischen Inlandsurlaub.

Zwar verließ ich Mallorca das erste Mal mit Rückkehr-Sehnsucht, fand dann aber beim zweiten Mal eine andere, für mich plötzlich passendere Insel. Weil wir inzwischen ein Krabbelkind hatten. Mit diesem und dann dem zweiten begannen sieben, acht Mallorca-Jahre, in denen an Bergwanderungen und Gourmetrestaurants, geschweige denn Nachtleben außerhalb der eigenen Wände nicht zu denken war. Jetzt entdeckten wir die Cala Santanyí und ihre Nachbarstrände, eine Welt, die völlig auf die Bedürfnisse zugeschnitten ist von Kindern, die sich im Sand und in der milden Brandung wälzen wollen, und von Eltern, die das von der angrenzenden Gastronomie oder schön bei einem kalten Cruzcampo aus der Dose im Felsschatten mit einem Auge überwachen möchten.

Inzwischen sind die Kinder groß genug zum Schnorcheln, für Radtouren und anderen Aktivkram, für den wir uns bei Decathlon am Autobahnring von Palma eindecken: wieder eine neue Art Urlaub. Aber immer noch zählen die Kinder die Windmühlen auf dem Weg vom Flughafen zum Quartier, grün, blau und rot, und wer die erste sieht, hat ein bisschen gewonnen, aber die anderen auch, denn mit jeder einzelnen der Mühlen wächst die Freude, da zu sein. Ein paar Konstanten hat es jedoch gegeben in den zwölf, 15 Jahren: Longdrinks und Club-Sandwiches auf der Terrasse vom Restaurant des Museums Es Baluard in Palma, und im „L’Arcada“ an der Promenade von Cala Figuera der mallorquinische Sommersalat namens Trempo und die mit Hackfleisch gefüllten Tintenfische. Dazu der Haus-Rosado aus der Karaffe, der vielleicht dazu beiträgt, dass mein Essen mir die Insel perfekt zu versinnbildlichen scheint: Hack und Sepia, das spricht für sich selbst, es mag zwar ein jahrhundertealter Klassiker der mallorquinischen Küche sein, aber es scheint , die perfekte Ehe deutscher und balearischer Einflüsse die sich hier kontrastreich und bereichernd vermählen. Und der Trempo-Salat besteht aus einfachen Zutaten, Gemüsezwiebeln, Tomaten und grünen Paprikaschoten, doch ihr Zusammenklang beschert mir zuverlässig ein Vergnügen, das mich jedes Mal überrascht. Wie jenes, das auf spezielle Weise auf Mallorca immer wieder aus den einfachen Zutaten Meer, Felsen und Kreisverkehr entsteht.

Die Verkehrskreisel gehören zu meinen geheimen Höhepunkten der Insel. Jeder Weg führt durch eine Vielzahl davon, und wer sich die Reihen­folge und Ausfahrten irgendwann gemerkt hat, fühlt sich wie angekommen, und zugleich weiß man: Man könnte sowieso nie so richtig falsch abbiegen, denn man kommt ja immer nur wieder an einen Kreisel, alles dreht sich, und wenn man ein paar Mal da war, findet man sowieso fast alles schön. Mallorca lädt ein zu einer gewissen Vergnügtheit: Dadurch, dass die Insel so von Klischees überlagert ist, muss man sich immer wieder in Beziehung zu diesen setzen – und erkennt an seinem eigenen Verhalten je nach Lebensphase immer etwas wieder, das man früher belächelt hat. Guck mal, wir sind jetzt auch richtige Schickis mit unserem 50-Euro-Rioja am Pool. Guck mal, am Strand sind nur Eltern, und alle sehen aus wie wir. Guck mal, irgendwie gehen wir immer in die gleichen Läden und bestellen gern auf Deutsch oder sind super stolz auf unsere fünf Brocken Katalanisch.

Individuell, unberührt und im strengen Sinne authentisch ist das alles nicht. Aber dafür verhilft Mallorca einem zu Selbstironie und heiterer Selbsterkenntnis: Wir sind genau wie alle anderen, und es ist auch mal gut so.

Dieser Text entstammt der neuen Ausgabe der Zeitschrift "Merian"