Neue Wanderlust

Menschen gehen in Corona-Krise mehr zu Fuß

Bertram Weisshaar erforscht Spaziergänge.

Bertram Weisshaar erforscht Spaziergänge.

Foto: Thomas Eichler/ Bastei/ Lübbe

Der Spaziergangforscher Bertram Weisshaar über die Corona-Krise und die neue Lust der Menschen auf Bewegung.

Hamburg. Bertram Weisshaar (58) hat Landschaftsplanung studiert und arbeitet freiberuflich als Spaziergangforscher und Fotograf in Leipzig. Er schreibt Bücher über das Wandern und Spazierengehen und gestaltet geführte Wanderungen und Landpartien.

Herr Weisshaar, Sie sind Spaziergangforscher. Haben Sie gerade Hochkonjunktur, weil die Menschen wegen der Corona-Krise plötzlich wieder mehr Zeit haben, um spazieren zu gehen anstatt ins Fitnesscenter zu laufen?

Bertram Weisshaar Das ist auch meine Beobachtung und die von sehr vielen anderen, mit denen ich Kontakt habe, dass die Menschen jetzt wieder mehr zu Fuß unterwegs sind als zuvor. Und zum Glück ist das in Deutschland, anders als in Spanien, Frankreich oder Italien, auch die ganze Zeit möglich gewesen.

Könnte man sagen, dass die Menschen manchmal also zu ihrem Glück gezwungen werden müssen?

Man könnte auf diese Idee kommen. Denn es ist in der Tat ein Glück spazieren zu gehen.

Was passiert mit uns beim Spazierengehen, was haben Sie als Spaziergangforscher herausgefunden?

Spazierengehen macht wirklich glücklicher. Das Gehen ist eine Entlastung für die Psyche und wird ja deshalb zum Beispiel auch in der Psychiatrie als Therapie erfolgreich angewendet. Spazierengehen bietet die Chance, die Welt mit allen Sinnen zu entdecken. Sich aktiv zu bewegen, aber sich eben nicht zu überfordern. Bewegungen auszuführen, die uns angeboren sind und die unserem Körper, unserer Natur entsprechen. Beim Spaziergang passiert es auch, dass wir ganz zufällig auf Dinge aufmerksam werden. Vielleicht einem Tier begegnen, irgendwann die Sonne auf die Haut bekommen, einen schönen Duft oder eine Blüte bemerken. Ein Spaziergang beschert uns sofort ein sinnliches Erlebnis. Vor allem jetzt im Frühjahr, wenn sich die Natur von Tag zu Tag in einem rasenden Tempo verändert. Und man kommt aus Gedankenkreisen raus. Das ist sehr befreiend. Genau wie sich zu sagen: Ich bin jetzt mal nicht funktionierend, die Arbeit bleibt jetzt mal liegen.

Wie lange sollte ein Spaziergang dauern?

Man sollte vorher keine Zeit festlegen. Aber je länger er dauert, desto mehr kommt man in einen Modus, bei dem festgehakte Gedanken oder schwere Nachrichten irgendwann nicht mehr so bedrückend sind. Dann trifft man vielleicht auch andere Spaziergänger, kann sich zulächeln ...

… es sei denn, die tragen eine Maske ...

… das stimmt leider. Ich finde, dort wo viele Menschen auf engem Raum zusammen kommen, ist ein Mundschutz derzeit sinnvoll. Im Wald oder in Parks finde ich Gesichtsmasken nicht notwendig, weil es uns und unsere Psyche ja auch etwas einengt. Auch kann man nicht mehr so frei durchatmen. Insbesondere aber auch, weil man sich eben nicht mehr zulächeln kann.

Müssen die Menschen das Spazierengehen erst wieder lernen?

Lernen nicht, denn das Gehen kann man nicht verlernen. Aber viele haben es vielleicht lange nicht mehr gemacht, weil es heute so viele andere Freizeitmöglichkeiten gibt. Wenn die jetzt aber wegen Corona eine Zeit lang wegfallen, machen die Menschen vielleicht die Erfahrung, dass das Spazierengehen auch so eine Art Befreiung sein kann. Und diese Erfahrung wird bleiben. Der eine oder die andere wird sich auch nach der Corona-Krise daran erinnern, dass es ganz schön ist, manche Wege einfach mal wieder zu Fuß zurückzulegen.

Weil das Gehen gesund ist?

Richtig. Die Weltgesundheitsorganisation und auch die Krankenkassen plädieren ja seit Jahren dafür, dass wir jeden Tag etwa 10.000 Schritte gehen sollten. Als Vorbeugung gegen sogenannte Zivilisationskrankheiten wie etwa Bluthochdruck oder Gefäßerkrankungen. Und jetzt könnten wir uns überlegen, wie wir das auch in den nach der Corona-Krise wiederkehrenden Alltag einbauen, und es dann vielleicht sogar zu unserer neuen Gewohnheit machen.

Und wie?

Indem wir etwa mit dem Auto nicht mehr direkt zum Zielort fahren. Dort sind die Parkplätze ja eh meistens besetzt. Also kann man den Wagen auch 500 oder 1000 Meter vor dem Ziel parken und den Rest zu Fuß laufen. Das bietet die Chance, vom Verkehrsstress runterzukommen, und dann können die Gedanken auch gleichzeitig mit den Füßen ankommen.

Wie ist das, wenn man mit Kindern unterwegs ist, die finden Spazierengehen oft ziemlich langweilig?

Ich glaube, man muss dem Tempo und der Wahrnehmung des Kindes folgen, um Konflikte zu vermeiden. Kinder haben eine andere Geschwindigkeit und sind nicht so zielorientiert. Je mehr also die Erwachsenen auf ihr eigenes Tempo und ihr Ziel beharren, desto schwieriger wird es. In dem Zusammenhang ist es vielleicht auch mal interessant, in einer zugeparkten Straße in der Stadt in die Hocke zu gehen und die Perspektive eines fünfjährigen Kindes einzunehmen. Das ist eine schöne Übung, um den Blickwinkel zu verändern und auf Augenhöhe mit den Kindern zu kommen. Um zu begreifen, wie die Welt aus Kindersicht aussieht.

Verändert Corona auch den Blick auf die Mobilität in unseren Straßen?

Ich finde, seit Corona wirken die „Hausfrauenpanzer“, also die hochgradig überdimensionierten Geländefahrzeuge und ebenso die aufdringlich laut getunten „Spielzeugautos“ der Autoposer ganz besonders bizarr und befremdlich. Man kann gar nicht anders, also sich den Typ hinter dem Lenkrad sofort als besonders tiefbegabt zu denken. Insbesondere jetzt, wo quasi die ganze Gesellschaft, weitgehend wirklich jeder Mitmensch die eigenen Wünsche komplett zurückgestellt hat und zu Hause blieb, weil dies aus Vernunftgründen notwendig wurde. Da wirkt dieses Ausleben einer sehr fraglichen Art von Fahrspaß absolut daneben und völlig aus der Zeit gefallen. Das lange Warten darauf, bis die Regierung diesem Spuk denn nun endlich mal ein Ende bereiten will, ist angesichts der gerade eben erlebten Fähigkeit zu raschem und entschiedenen politischem Handeln unerträglich. Man fragt sich: Ist der Bundesverkehrsminister Scheuer eigentlich komplett taub oder hat der denn gar keine Augen im Kopf, dass er an dieser Stelle so untätig und völlig zahnlos bleibt?

In vielen Städten wird den Radfahrern zunehmend mehr Platz eingeräumt, wie verhält es sich mit den Gehwegen für die Fußgänger?

Es ist sehr zu begrüßen, dass derzeit vielerorts der Radverkehr in der Stadtplanung gefördert wird. Gerade durch Corona aber merken wir jetzt, dass Gehwege sehr häufig viel zu schmal und Parks und Grünanlagen zu klein sind. In manchen Straßen wurden in den zurückliegenden Jahren ja auch viele Gehwege per Beschilderung freigegeben zum Parken. Dies gilt es nun als erste rasche Maßnahme möglichst umgehend wieder aufzuheben und so den Fußgängern ihre Gehwege zumindest in der ursprünglichen Breite wieder zurückzugeben. Zugleich muss jetzt aber auch das Falschparken rigoros geahndet werden. Im europä­ischen Ausland sind die Bußgelder hierfür immer noch deutlich höher als in Deutschland. Wann, wenn nicht jetzt, verstehen die Leute, dass auch die Fußgänger ausreichend Platz in der Straße brauchen.

Sie haben einmal gesagt, die Menschen reisen eigentlich nicht mehr – sondern sie kommen nur noch irgendwo an. Liegt in der Corona-Krise vielleicht jetzt auch für die Menschen eine Chance, sich ganz neu „auf Reisen“ zu begeben?

Auf jeden Fall. Viele Menschen werden in diesem Jahr nicht in andere Länder fliegen können, was vorher selbstverständlich war. Ich frage mich schon länger, was eigentlich so toll daran ist, erst zum Flughafen zu fahren, dann einzuchecken, am Gepäckband in der Schlange zu stehen, anschließend zwei Stunden auf den Abflug zu warten und dann in den engen Sitzen im Flieger zu hocken. Am Urlaubsort selbst ist es oft auch wie jedes Jahr: das Hotelzimmer, das Buffet, der Pool, der Strand. Alles eingeübte Rituale, die sich von Pauschalreise zu Pauschalreise mitunter wenig unterscheiden. Dabei geht es im Urlaub eigentlich um den Wunsch einer Differenz-Erfahrung. Mal eine andere Rolle einzunehmen, einen anderen Alltag zu erleben, einen anderen Blickwinkel zuzulassen. Warum also in diesem Jahr den Urlaub nicht mal mit einer Wanderung direkt vor der eigenen Haustür beginnen? Dann fangen die Ferien nämlich wirklich mit dem ersten Schritt an. Vielleicht führt uns das Wandern in der Nähe ja viel weiter weg als eine Fernreise mit dem Flugzeug. Dieser Idee folgt auch die Akademie LandPartie, bei welcher Stadtmenschen mit Menschen aus dem ländlichen Raum gemeinsam wandern gehen. Meine Prognose ist: Viele werden in diesem Jahr wieder die ländlichen Regionen entdecken, das Unbekannte um die Ecke. Das ist auch eine große Chance für die Regionen - und für das Weltklima.

Das Virus als Chance?

Um nicht missverstanden zu werden: Das Coronavirus ist furchtbar, und wir hatten ja auch vor dem Virus die Möglichkeit, unser Verhalten, unsere Mobilität und unser Reisen zu verändern. Aber weil wir es eben nicht getan haben, darum spitzt sich die Lage jetzt zu. Die Gehwege waren auch letztes Jahr schon zu schmal. Aber da ging es in der öffentlichen Diskussion meist nur um angeblich zu wenig Parkplätze, Verkehrsstaus und die grüne Welle für Autos. Die Fußgänger hingegen fanden einfach kaum Beachtung.

Haben Sie Tipps für (ent-)spannende Spaziergänge?

Zum einen der rund 800 Kilometer lange Denk-Weg von Aachen bis Zittau, den ich vor fünf Jahren erstmals gewandert bin. Also einmal quer durch das eigene Land zu gehen, von A bis Z auf einem um-weltlichen Pilgerweg. Und in Hamburg fällt mir der Energieberg in Georgswerder ein. Eine tolle Landschaftsarchitektur, aber eben auch eine Problemlandschaft, die daran erinnert, dass in den kommenden 1000 Jahren alle Generationen dafür sorgen müssen, die darin versteckten giftigen Altlasten nicht wieder hervortreten zu lassen.

Gehen Sie als Spaziergangforscher eigentlich jede Strecke zu Fuß?

Früher bin ich auch viel mit dem Fahrrad gefahren. Aber sobald man irgendein Fahrzeug benutzt, das ist zumindest meine Erfahrung, hat man es meistens immer eilig. Das ist zu Fuß ganz anders. Man ist viel weniger vom Verkehrsgeschehen gefordert – und viel mehr bei sich.

Der Grüne Ring rund um Hamburg:

  • Die Vielfalt der grünen Stadt am Wasser mit ihren Parks, Grünanlagen, Kleingärten und Straßenbäumen lässt sich wunderbar auf dem Grünen Ring rund um Hamburg erkunden. Als 100 Kilometer lange Freizeitroute hat die Umweltbehörde insgesamt acht Touren für Spaziergänger und Fahrradfahrer zusammengestellt.
  • Die einzelnen Strecken sind zwischen neun und 15 Kilometer lang und führen durch Wald- und Naturschutzgebiete, Kulturlandschaften der Geest und Marsch, vorbei an Seen und über Flüsse. Dabei werden Sie wunderschöne und idyllische Ecken Hamburgs entdecken, die ihnen bisher verborgen geblieben sind.
  • Zu jeder Tour sind in den einzelnen Broschüren neben dem genauen Streckenverlauf außerdem noch verschiedene Highlights sowie attraktive Abstecher aufgeführt. Gekennzeichnet ist der Grüne Ring durch die Beschilderung der Route 11. Sämtliche acht Touren finden Sie auch im Internet unter: www.hamburg.de/wandern-im-gruenen.