Reise

St. Petersburg: So schön ist Russlands Schönste

Die Auferstehungskirche, auch Bluterlöserkirche genannt, gehört zu den schönsten Gotteshäusern der Welt

Die Auferstehungskirche, auch Bluterlöserkirche genannt, gehört zu den schönsten Gotteshäusern der Welt

Foto: Alexei Danichev / picture alliance / dpa

Denkmäler, Wahrzeichen, Erinnerungen an glanzvolle und traurige Zeiten: St. Petersburg glänzt selbst bei Nieselregen.

Winter in St. Petersburg, an einem Vormittag, wie er seit dem Klimawandel auch für die prächtigste aller russischen Metropolen ­typisch oder zumindest nicht selten geworden ist: Es ist nasskalt und nieselig. Die Stadt der weißen Nächte kann im Dezember durchaus zur Stadt der trüben Tage werden. Wo ist er geblieben, der Schiwago-Traum von der Schlittenfahrt durch die glitzernde Zarenpracht, ­alles Schnee von gestern? Abwarten und Tee trinken, aus dem Samowar, versteht sich …

Denkmäler, Wahrzeichen, Symbole, Erinnerungen an glanzvolle und an traurige Zeiten, an Zaren und Revolutionäre, an Literaten und Komponisten – so viele, dass ein Städtetrip von drei oder vier Tagen nicht ausreicht, um auch nur die wichtigsten, die eindrucksvollsten zu sehen. Und was für Kontraste: hier die russisch-barocke Opulenz, von italienischen Baumeistern inspiriert und realisiert, daneben die eher strenge Eleganz des Klassizismus, von Katharina der Großen angestoßen und von Alexander I. und seinen Architekten zu monumentaler Größe vollendet.

Die ganze Stadt, unstrittig eine der schönsten der Welt, gilt Kunstliebhabern, Ballett- und Theaterfreunden, Nostalgikern auf den Spuren von Dostojewski, Puschkin oder Tschaikowsky, als eine schier unglaublich üppig gefüllte Schatztruhe. Aber da tobt, und nicht nur nebenbei, auch noch das pralle Leben von heute: einerseits Luxus und Lifestyle auf dem Newski-Prospekt, dem fast fünf Kilometer ­langen Prachtboulevard im Herzen der Fünfmillionenmetropole; andererseits der Alltag der kleinen Leute, Lebens- und Überlebenskünstler, schließlich und nicht zuletzt die ­viel zitierte russische Seele.

Die große Kutsche (Zarenkutsche) in der prachtvollen Eremitage des Katharinenpalastes Getty Images / Peter Bischoff

Dicke Nobelkarossen, protziger Reichtum und die Internationale der jungen, eiligen „Biznes“-Typen mit dem Kaffeebecher in der Hand. ­Direkt daneben ein Mütterchen mit Kopftuch, das ein paar Blumen verkauft oder Zwiebeln, und Väterchen Frost, der russische Weihnachtsmann, der sich noch von seinem Auftritt am 6. Januar erholt, als die orthodoxe Welt das Christfest gefeiert hat.

Stadtbummel mit Nataly, im Hauptberuf Reiseleiterin, im Nebenberuf Optimistin. Am ehernen Reiter, dem Denkmal Peters des Großen, dem Namensgeber der Siedlung, die 1703 von ihm gegründet wurde, stimmt sie ihre Reisegruppe auf die Stationen unseres ersten, noch sehr grauen Tages ein, und auf das Wetter: „Der Schnee wird kommen, alles wird gut …“ Und dabei deutet sie auf Zar Peter, der hier auf dem Senatsplatz beherzt und ­zukunftsweisend die Zügel seines Bronzegauls in der Hand hält.

Die imposante Figur hat schon Alexander Puschkin schwer beeindruckt. Nataly, warmherzig und resolut, zitiert eine der vielen Übersetzungen des in Petersburg bis heute hochverehrten Dichter-Hitzkopfes: „Wie ehern ist des Reiters Stirn, wie machtvoll ­seiner Hand Gebärde, was für Gedanken wälzt dies Hirn, und welche Kraft steckt in dem Pferde …“ Und, passend für die Hochzeits­paare, die sich hier traditionell zum Kussfoto treffen, bevor sie rasch wieder vor dem Regen in eine XXXL-Limousine flüchten: „Sag, wohin sprengst du, Ross voll Mut, wo senkst du deine Hufe morgen?“

Mit dem Highlight beginnen und sich dann langsam steigern – das hat Nataly zum Motto ihres Programms gemacht. Also ab zur Eremitage, ein paar Schritte nur vom ehernen Reiter entfernt. Am Westeingang, parallel zum Newa-Fluss, hat sich eine lange Schlange gebildet. Die Menschen stehen an, um eine der bedeutendsten Kunstsammlungen der Welt zu sehen, umfangreicher als der Prado, bewegender als der Louvre, 1000 Säle, 100 Treppen.

In diesen Tagen dauert es selten mehr als 20 Minuten, bis die Besucher die Kontrollen überstanden haben und den Atem anhalten im prächtigsten Stiegenhaus Russlands. Sie haben womöglich Bücher gelesen und Bilder gesehen über dieses prunkvolle Entree ins Zarenreich. Nataly hat uns schon im Bus und dann noch einmal während der kurzen Wartezeit über Mikrofon und Kopfhörer vorbereitet. Aber vor Ort, auf der Paradetreppe, will denn doch so viel Glanz auf einmal, so viel Schönheit auf einmal „verdaut“ werden.

Was für ein Palast, was für ein Gesamtkunstwerk. Alle Epochen, alle großen Meister sind vertreten, von Leonardo da Vinci bis ­Picasso, das Gold der Skythen glänzt, die Schätze aus dem alten Rom und aus den Ländern des Fernen Ostens machen sprachlos. 70 Jahre, so heißt es, sind notwendig, wolle man alles sehen, was in den Sälen und Kellern ­gehütet und gehortet wird, vorausgesetzt, man widme jedem Werk nur eine Minute.

Nach fast vier Stunden Kunst sehnen wir uns ins reale Leben zurück; zurück auf den Newski-Prospekt, rein ins Kaufhaus Gostiny Dwor. Das heißt übersetzt Gasthof, denn Kaufleute und Kunden wurden im alten Russland gern Gäste genannt. Heute ist es ein Einkaufszentrum mit viel Patina, in dem mehr als 200 Geschäfte mit ihrer Vielfalt das Zarenreich, Relikte aus der Sowjetunion und den neuen Reichtum nebeneinander spiegeln.

So wie der Gostiny Dwor ist auch Sewer, das wohl traditionsreichste Café, angesagt bei Einheimischen und Gästen, die gern auf Nostalgiepfaden wandeln. Gut möglich, dass man Besucher, die in dieser plüschigen Umgebung ihre Buttercremetorte genießen, am Abend im Mariinsky-Theater trifft: Russlandliebhaber mit Sehnsucht nach der alten Zeit, die nie gut war, aber trotzdem oder eben deshalb gern verklärt wird. Und wirklich: Wer hier, wo alle großen Stars des russischen Balletts getanzt haben, um die Weihnachtszeit herum Tschaikowskys Version vom „Nussknacker und dem Mausekönig“ sieht, 1892 an dieser Stelle ur­aufgeführt, wird den Zauber der Stadt noch besser verstehen.

Nataly, immer bemüht, alle Facetten ihrer Stadt anzusprechen, mag noch so viel von der neuen Clubszene erzählen, von der Alternativkultur, die nirgendwo im Lande so lebendig sei wie hier. Ihre Gäste sind mehrheitlich auf der Suche nach Puschkins Metropole, nach Dostojewskis Orten, nach Katharina der Großen und jenen Adelspalästen, die sie ihren Liebhabern und sich, schließlich und endlich der ganzen Welt geschenkt hat.

Als wir nach drei Stunden selig aus dem Balletttheater in die Nacht stolpern, tauchen die alten Laternen den Theaterplatz in ein mattgelbes Licht, vom Nebel gedimmt. Es wirkt, als ob David Lean, der geniale Regisseur des Schiwago-Films, für uns noch einmal die Kulissen ausgeleuchtet hat. Wir entscheiden uns, den Abend individuell und mit einem Kontrastprogramm ausklingen zu lassen, laut und fröhlich: Im Kultclub Datscha, von der Hamburgerin Anna-Christin Albers wie eine Kiezkneipe in der Heimat geführt, gönnen wir uns erst einen Wodka auf Eis, dann noch einen, und dann schauen wir zu, wie Jung-Petersburg buchstäblich auf den Tischen tanzt, hinreißend, mitreißend.

Schnee beschert das russische Wintermärchen

Mit Abstechern nach Zarskoje Selo, zu Katharinas Märchenschloss vor den Toren der Stadt, und nach Pawlowsk, zum Palast ihres Sohnes Paul, sollte eigentlich eine Schlittenfahrt durch tief verschneite Wälder verbunden sein. Aber Regenschleier hängen auch hier zwischen Birken und Tannen. Nataly hat Kutschen organisiert, mit Reifen statt mit Kufen. Die Pferde wirken müde, auch die alten Männer, die in nasse Decken gehüllt vorne auf dem Bock ­sitzen, ­lassen erst dann die Gäule traben, als Nataly allen die zweite Runde Wodka spendiert hat.

Zurück in der Stadt, vierter Tag. Erinnerungen an die Blockade Leningrads, bei der 1942/1943 deutsche Truppen die Bevölkerung über 900 ­Tage und Nächte aushungerte. Mehr als eine Million Menschen starben elendig, es gilt bis heute als eines der schlimmsten Verbrechen des Zweiten Weltkriegs. Noch immer erinnern Einschusslöcher in den Nebenstraßen vom Newski-Prospekt daran. Nataly geht behutsam auf diesegrauenhafte Zeit ein, ­erzählt, schlicht und deshalb ergreifend, wie ihre Eltern sie erlebt haben.

Es ist der vorletzte Tag. Mittlerweile ist es heller geworden, unsere Reiseleiterin bietet Wetten an, dass es bald schneien wird. Wir setzen uns zum stilvollen Abschluss ins Foyer des Grandhotels Europe, wo schon die Romanows und Rasputin, Gorki und Tschaikowsky ihren Tee eingenommen haben. Dort summt der Samowar, ­alte Herren spielen Schach, junge Pärchen wärmen sich bei einem Soljanka-Süppchen auf. Und dann beginnt es doch plötzlich zu schneien, heftig und in dicken Flocken. Das erwünschte Wintermärchen ist nun doch noch wahr geworden. Nur eine halbe Stunde später gleitet vor dem Eingang des Hotel tatsächlich ein Pferdeschlitten durch die immer weißer werdende Pracht. Nataly hat recht behalten – und Puschkin damit natürlich auch: „Ziehn die Wolken schwer und dunkel, flockt der Schnee und stürmt’s mit Macht … vorwärts Kutscher …!“