Reisen in Graubünden

Die Faszination Schwingen in der Schweiz

| Lesedauer: 10 Minuten
Henrik Jacobs

Davos ist bekannt für modernen Skitourismus und den Weltwirtschaftsgipfel. Dabei bietet die Region noch viele Traditionen.

Davos. Der Regen prasselt seit Stunden ins Sertigtal. Die Wolken hängen tief in den Bündner Bergen. Mitten auf einer großen Wiese sitzen Hunderte Zuschauer wie angegossen auf alten Holztribünen. Sie sind fast vollständig in Planen eingehüllt, ihre Schlapphüte tief in die Gesichter gezogen. Nahezu regungslos verfolgen sie, was auf der Wiese passiert. Genauer gesagt auf der Sägespäne. Auf zwei Feldern halten sich jeweils zwei Männer an den kurzen Lederhosen fest und versuchen sich mit den Armen gegenseitig auf den Rücken zu drücken. Für einen Moment fühlt man sich an den Ort eines spätmittelalterlichen Ringkampfs zurückversetzt. Willkommen beim Schwingen in der Schweiz.

„Exit“, ruft schließlich ein Ringrichter, als die Runde entschieden ist. Im Publikum regt sich endlich etwas. Applaus für den Sieger, der dem Verlierer die Späne vom Rücken putzt, ehe beide das Feld verlassen und sich in den traditionellen Holzbecken mit frischem Quellwasser waschen.

Seit 19. Jahrhundert offizieller Nationalsport

Erwin Plump steht vor einem Strohballen am Rande der Wettkampffläche und guckt zufrieden – trotz des Dauerregens. Noch bis Ende Oktober finden hier in Graubünden die Freiluftwettkämpfe statt. „Das Wetter gehört dazu. Der Sport findet eben draußen statt“, sagt Plump. Der 50-Jährige ist Technischer Leiter des Schwing-Verbandes Ostschweiz und verantwortlich für den Nachwuchs eines Sports, den es nur in der Schweiz gibt.

Schwingen heißt das Freistilringen, das seit dem frühen 19. Jahrhundert ein offizieller Nationalsport ist. Frühere Darstellungen gehen sogar auf das 13. Jahrhundert zurück, als der sogenannte Hosenlupf in der Zentralschweiz und im Mittelland zum festen Bestandteil der Festkultur gehörte. Damals wurde auf den ursprünglichen Alp- und Wirtshausfesten noch um Schafe geschwungen. Wichtiger als der Preis aber war der Ruhm.

Ursprünglich geht es heute aber auch noch im idyllischen Sertigtal zu, auch wenn die Schafe nur am Rande der Wiese grasen. Es ist Sonntagmittag und am Fuße des Jakobhorns läuft eines der traditionellen Schwingfeste, wie man sie eben nur hier findet. Bündner Fleisch und gezapftes Bier, ein bisschen Musik durch die Alphorn-Gruppen und dazu die schwingenden Ringer – mehr Unterhaltung brauchen die Besucher nicht.

Noch vor dem Hornussen und dem Steinstoßen ist das Schwingen der beliebteste traditionelle Nationalsport der Schweiz. Und hier in Graubünden ist er zu Hause. „Es ist ein sehr spezieller Sport, der in dieser Form sicher einzigartig ist“, sagt Erwin Plump, einst selbst jahrelang als Schwinger aktiv. Heute sucht er nach jungen Talenten, die eine Leidenschaft entwickeln, um die Tradition dieses ungewöhnlichen Sports zu erhalten.

Neben den schwergewichtigen Männern kämpfen auch Jugendliche auf der Sägespäne und lernen die Rituale aus früheren Jahrhunderten. „Das Interesse ist auch bei den jungen Leuten sehr groß“, sagt Plump und fasst sich an seinen Ziegenbart. Er wirkt ein wenig nachdenklich. „Das Problem ist die Altersgruppe zwischen 14 und 17. Wenn wir in dieser Phase das Interesse halten, machen sie auch weiter. Das ist nicht einfach, schon gar nicht in dieser Umgebung. Die Sportvielfalt ist hier sehr groß“, sagt Plump.

Wenn der Schweizer vom Hier spricht, dann meint er die ganze Region rund um das Wintersportdomizil Davos. Eine Gemeinde, die vor allem als Skiressort und die jährliche Weltumweltkonferenz bekannt geworden ist. Wer begreifen will, dass dieser Touristenort einmal ein romantisches Bergdorf war, der sollte ins Sertigtal fahren und die ursprünglichen Schwingfeste besuchen oder auf die vielen Wanderwege in Richtung der umliegenden Gipfel abbiegen. Dann bekommt die Sportvielfalt, von der Erwin Plump spricht, sehr schnell eine andere Bedeutung.

Es braucht von Davos Platz nur eine fünfminütige Fahrt mit der Zahnbahn hinauf zur Schatzalp, ehe man auf 2000 Meter Höhe alles hinter sich lässt und einem Paradies für Wanderer und Mountainbiker entgegenblickt. Der Thomas-Mann-Weg verbindet hier die Hauptschauplätze des weltbekannten Romans „Der Zauberberg“. Wer noch weiter aufwärts Richtung Strelapass wandert, wird allerdings weniger an Thomas Mann erinnert, sondern an die Kulisse aus den Heidi-Filmen. Hier kann man auf dem Weg zum Gipfel einem Hüttenbewohner mit seinem Hund begegnen, der genauso gut die Rolle von Heidis Alm-Öhi übernehmen könnte.

Davos bietet eine große Auswahl an Sportevents

Alpine Sportler haben in der Region Davos eine fast grenzenlose Auswahl an attraktiven Bergaktivitäten – im Sommer sogar noch mehr als im Winter. Im Hintergrund der Ortschaften erkennt man gleich mehrere 3000-er-Gipfel wie das Flucht- oder das Schwarzhorn. Wer vom idyllischen Klosters Dorf mit dem Lift zum Schlappiner Joch fährt, kann auf 2202 Meter Höhe über die Grenze nach Österreich gehen oder einfach nur hinüberwinken. Auf den verlassenen Wegen begegnen den Wanderern Heilkräutergärten und einheimisches Steinwild.

Alleine die Fahrt mit der Bergbahn von Landquart hinauf nach Klosters ist ein Naturerlebnis. Und wer Schweizer Käse mag, der kann auf dem Weg rund um das Jakobshorn in der Schaukäserei der Clavadeler Alp beobachten, wie aus der Kuhmilch frischer Käse gerührt wird. Wanderer und Mountainbiker kommen von hier aus auch schnell wieder ins Dorf.

Während die Schwinger in dieser Region ihre Traditionen leben, sind in den vergangenen Jahren aber auch neue, moderne Sportveranstaltungen hinzugekommen. Der jedes Jahr im Juli stattfindende Swiss Alpine Marathon etwa ist der höchstgelegene Ultramarathon Europas. Seit 2013 ist Davos zudem Zielort des Swiss Irontrail. Die Strecke dieses querfeldeinen Gebirgslaufs führt vorbei an Schweinen, Pferden, entlang der Gletscher und im wahrsten Sinne des Wortes über Stock und Stein hinab ins Sertigtal. Es kann passieren, dass sich die Bergläufer und die Schwinger bei ihren Wettkämpfen direkt begegnen.

Um die Geschichte des Sports in Graubünden zu erschließen, geht man aber am besten zum Schwingfest. Die Schweizer achten streng darauf, dass ihr Traditionssport nicht kommerzialisiert wird. Was gar nicht so leicht ist, schließlich hat das Schwingen seit einiger Zeit auch die großen Städte erreicht, in denen die Wettkämpfe in Hallen ausgetragen werden.

Doch der historische Hirtensport, der laut Geschichtsbüchern einst bei den Bauern auf der Alp begann, gehört in die Berge. Im 16. und 17. Jahrhundert soll er aufgrund der strengen Sittengesetzgebung sogar verboten worden sein. Später, vor allem im 18. Jahrhundert, war das Schwingen dann Teil der Schweizer Volksspiele – zusammen mit Stöckeln, Häkeln, Alphornblasen und dem Jodeln.

Schwingen wird auch bei Frauen beliebter

Erwin Plump hofft, dass der Nationalsport auch in der Zukunft noch eine bedeutende Rolle in der Schweiz spielt. Es sind die Rituale der Schwinger, die diesen Ort auch für Touristen besonders machen, die mit dem Sport nur wenig anfangen können. Auch wenn sich das Schwingen in den vergangenen Jahren verändert hat. Die Zeiten, in denen es vor allem schwergewichtige Männer waren, die hier in der Spähne gegeneinander gekämpft haben, sind vorbei. Auch Frauen stehen sich immer häufiger im Freiluftring gegenüber. „Früher war es ein Sport für schwere Jungs. Heute ist das Schwingen viel athletischer geworden“, sagt Plump.

Die großen Schwingfeste ziehen mitunter mehr als 20.000 Zuschauer an, so wie etwa in Appenzell im Süden von St. Gallen. Dann erinnern die Wettkämpfe vor den großen Rängen tatsächlich an griechisch-römische Ringturniere aus der Antike. Doch die Corona-Pandemie hat auch vor den Schwingern nicht Halt gemacht. Gerade erst musste das Jubiläumsfest zum 125. Geburtstag des Eidgenössischen Schwingerverbandes abgesagt werden.

In den kleinen Tälern wie dem Sertig bei Davos ist der Andrang nicht ganz so groß. Seit sieben Stunden schon sitzen die Zuschauer im teilweise strömenden Regen und beobachten die Sportler, die immer wieder in der Luft liegen, bevor sie erfolgreich zu Boden geworfen werden. Mehrfach müssen die Sanitäter die Sportler wegen Beulen und Wunden behandeln. Aber auch die Schmerzen gehören hier zur Tradition. Warum das Schwingen so beliebt ist? „Es ist heimelig“, sagt Erwin Plump und lächelt.

Das Schwingen ist das, was Davos und seine Region von anderen Berglandschaften unterscheidet. Ob bei Sonne oder Regen – das spielt bei den Schweizern hier keine Rolle.

Tipps und Infos

Anreise: zum Beispiel mit Swiss Air nach Zürich. Von dort mit dem Regionalexpress über Landquart nach Davos Platz. Ab Klosters Serneus geht es hinauf durch die Bündner Berge mit tollen Aussichten.

Ausflüge: Auf der Clavadeler Alp können Sie in der Schaukäserei täglich beobachten, wie die frische Kuhmilch zu Alpkäse verarbeitet wird. Vor allem für Kinder ein Erlebnis.

Unterkünfte: in Davos Klosters zum Beispiel im Hotel Ameron (ab 100 Euro pro Nacht) oder in Sertig Dorf im Hotel Walserhuus (ab 170 Euro).

Online: Weitere Informationen bieten die örtlichen Tourismusverbände unter der Internetadresse www.davos.ch oder www.kloster.ch

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