Setouchi

Auf den Spuren von Gerhard Richter in Japan

Seit 2016 steht auf Toyoshima mitten in einem Bambuswald ein moderner Designer-Holzpavillon in der Dimension eines größeren Gartenhauses.

Seit 2016 steht auf Toyoshima mitten in einem Bambuswald ein moderner Designer-Holzpavillon in der Dimension eines größeren Gartenhauses.

Foto: Henrik Jacobs

Der berühmte deutsche Maler hat dazu beigetragen, dass auf den Inseln im Seto-Binnenmeer eine faszinierende Kunstszene entstanden ist.

Takamatsu. Es war im Sommer 2011, als Kensuke Onishi eine Idee hatte. Eine außerordentlich ambitionierte Idee. Auf einer kleinen Insel im großen japanischen Seto-Binnenmeer wollte der Gründer der „NPO organization winds japan“ ein Museum bauen. Nicht irgendein Museum. Ein Gerhard-Richter-Museum sollte es sein. Onishis Plan: In einem eigens für Richter entworfenen Bau sollten auf zwei Etagen seine berühmten Bilder ausgestellt werden. Das Problem: Auf der kleinen Insel Toyoshima gab es keine Infrastruktur, keinen Strom oder fließend Wasser. Der Fischertourismus war lange weg, die wenigen kleinen Häuser zerfallen. So wie auf so vielen der 3000 Inseln im Seto-Binnenmeer.

Doch Onishi war besessen von seiner Idee, auf diesen Inseln wieder kulturelles Leben zu schaffen. Und so nahm er Kontakt zu Deutschlands derzeit bedeutendstem Maler auf. Acht Jahre später steht auf Toyoshima tatsächlich ein kleines Richter-Museum. Und nicht nur das. In der gesamten Region Setouchi ist eine faszinierende Kunstszene entstanden, die jährlich eine Million Besucher anzieht. Wie hat Onishi das geschafft?

Dass Gerhard Richter kein eigenes Museum eröffnen will, hat der Künstler schon häufig betont. Doch die Idee, einen architektonischen Entwurf für einen Ausstellungspavillon zu entwickeln, gefiel ihm. „Mich hat das gereizt, die Entwürfe zu machen. Das macht richtig Spaß. Ein Häuschen zu entwerfen, ist wie ein Hobby für mich“, sagte Richter damals in einem Interview mit dem Deutschlandfunk. Heute weiß man: Er sollte das Häuschen tatsächlich entwerfen.

Seit 2016 steht auf Toyoshima mitten in einem Bambuswald ein moderner Designer-Holzpavillon in der Dimension eines größeren Gartenhauses. „14 Panes of Glass“ heißt die minimalistische Ausstellung, bei der sich 14 symmetrisch angeordnete Glasscheiben zu einem Gesamtkunstwerk formieren. Wer diesen besonderen Raum betritt, kann sich nicht nur von der Glaskonstruktion, sondern auch vom Blick auf die Seto-Inlandssee inspirieren lassen.

Minimalistik der Komposition macht den Ort besonders

In der Weite dieses Meeres stößt man noch auf viele andere Inseln, die eine ähnliche Geschichte erzählen wie die des Gerhard Richter auf Toyoshima. Von der Präfektur Ehima ist es nicht weit bis zur Präfektur Kagawa. Hier fahren Boote von der Hafenmetropole Takamatsu zu mehreren Kulturinseln. Das Lieblingsmuseum vieler Kunsttouristen liegt auf einem Berg auf der Insel Teshima. Umgeben von Reisfeldern, hat der Architekt Ryue Nishizawa hier zusammen mit dem Künstler Rei Naito ein raumschiffgleiches Museum entworfen, das in seiner Form wohl einmalig ist.

Auf einer freien Fläche bewegen sich durch eine spezielle Konstruktion Wassertropfen durch den Raum. Die Besucher legen oder setzen sich irgendwo auf den weißen Boden und beobachten die Bewegung des Wassers oder schließen einfach die Augen und lauschen den Klängen der Tropfen oder des Windes, der durch das offene Dach zieht. Es ist die Minimalistik der Komposition, die diesen Ort so besonders macht.

Deutlich mehr Farben und künstlerische Vielfalt hält dagegen die benachbarte Insel Ogijima bereit. Hier läuft man einen Panoramaweg entlang an verschiedenen Ateliers und Ausstellungsräumen. Der Künstler Haruki Takahashi hat dort etwa eine Art Spinnennetz aus kompliziert konstruierten Keramikfäden installiert. Der Designer Yoshifumi Oshima entwirft hier bunte Onbas. Kreativ gestaltete Rollatoren, die nicht nur von alten Menschen genutzt werden.

Auf der Nachbarinsel Naoshima sind die surrealistischen Kürbisse der Künstlerin Yayoi Kusama zu sehen. Sie ist bekannt als japanische Queen of Pop. All diese Ausstellungen sind Teil der Setouchi Triennale, ein Kunsfestival, das hier alle drei Jahre stattfindet. Auf zwölf Inseln können Besucher ein vielfältiges Kunstprogramm entdecken. Vom 28. September bis zum 4. November läuft der letzte Teil des diesjährigen Festivals.

In Setouchi wird die japanische Tradition gelebt

Aber auch ohne die Setouchi Triennale lohnt sich ein Besuch der Inseln und der Region. „Es handelt sich um abgelegene Orte. Der Transport ist daher nicht ganz praktisch, die exquisite Schönheit der Inseln machen sie aber zu einem Muss-Besuch“, sagt Tomohiro Muraki, Marketingchef von Setouchi Tourismus. Für den Verband sind die Künstler ein zentraler Baustein, um die Inseln im Seto-Binnenmeer wieder mit Leben zu wecken. Und dabei spielte Gerhard Richter eine entscheidende Rolle. „Die Künstler haben die Inseln zu ganz neuen Zielen gemacht. Für den Tourismus in der Region war es von hoher Bedeutung, dass ein weltbekannter Künstler wie Gerhard Richter hier seine Spuren hinterlassen hat”, sagt Muraki.

Die noch eher unbekannte Region hat allerdings noch deutlich mehr zu bieten als nur ihre Inseln. Wer sich in den Höhlen von Akiyoshidai, im Pottery Museum der kleinen Hafenstadt Hagi, im Töpferatelier von Mr. Kaneko, bei der Künstlerfamilie Miwa oder im Ritsurin Park der Millionenmetropole Takamatsu bewegt, der lernt das authentische und traditionelle Japan kennen, das dem extrovertierten Straßentrubel von Tokio nicht konträrer gegenüber stehen könnte. Setouchi überzeugt durch eine charmante Langsamkeit. Die Region im Süden Japans umfasst dabei insgesamt sieben Präfekturen: Hyogo, Okayma, Hiroshima, Yamaguchi, Tokushima, Kagawa und Ehime.

Was Setouchi auszeichnet, sind aber weniger die Metropolen, sondern die kleinen Orte, in denen die japanischen Traditionen gelebt werden. Dazu gehört auch und vor allem das Essen, die Sake-Brauereien oder der Matcha-Tee, den man hier in den vielen Teehäusern gereicht bekommt. Und auch wer Fisch mag, wird Setouchi lieben. Der Kugelfisch ist die Spezialität der Region. Wer in einem echten Ryokan-Bett schlafen will, kann das am Fuße der Ruinen der Takeda Burg, auch bekannt als Japans Machu Picchu, machen.

Der absolute Geheimtipp für eine Übernachtung liegt aber erneut auf der Richter-Insel Toyoshima. In der Villa Kaze-no-oto schläft man zwar nicht in einem Ryokan, dafür kann man auf der Terrasse in einem traditionellen Onsen, einem japanischen Thermalpool, baden und auf das Meer schauen. Auch Gerhard Richter dürfte dieser Ort erneut verzaubern, wenn er eines Tages nach Toyoshima zurückkehren sollte.

Wissenswertes

Ab Hamburg mit ANA über Wien nach Tokio Haneda und weiter nach Yamaguchi. Oder mit Japan Airlines über London und Tokio nach Takamatsu.

Übernachten zum Beispiel im traditionellen Matsudaya Ryokan Hotel (Doppelzimmer ab 80 Euro) in Yamaguchi. In Nagato zum Beispiel im Luxushotel Bettei Otozure (Doppelzimmer ab 500 Euro). In Takamatsu zum Beispiel im Royal Park (Doppelzimmer ab 95 Euro).

Ein Dreitagespass für die Setouchi Triennale (inklusive Fähren) für die Inseln Naoshima, Teshima, Megijima, Ogijima und Shodoshima kostet 20 Euro (www.setouchi-artfest.jp).

(Die Reise erfolgte mit Unterstützung durch Setouchi Tourismus).