Mehr Komfort in der Billigbude

Europäische Hostels rüsten auf: Gut ausgestattete Zimmer und Suiten für bis zu sechs Personen sollen anspruchsvolle Reisende mit wenig Budget anlocken

Wer auf einem Städtetrip lieber 120 Euro in ein Paar Turnschuhe investiert als in ein Hotelzimmer, schont das Budget dank der Unterkunft im Hostel – in Häusern, die Mehrbettzimmer zu günstigen Preisen anbieten. Groß im Geschäft mit kleinen Preisen ist die Generator-Gruppe. In neun europäischen Städten gibt es die britischen Hostel-Großbuden schon. So auch im quirligen Gràcia-Quartier von Barcelona. Der Klassiker dort ist die Buchung im Sechserzimmer, wo die Nacht im Etagenbett ab 12,50 Euro zu haben ist.

Doch die Generator-Planer ­haben nicht nur das Budget-Segment im ­Visier. Wo es geht, richten sie auch Suiten ein. Wie in Barce­lona. Hotelmanagerin Esther fährt hoch mit uns zum Zimmer 801. Tatsächlich: Für eine Billigbude wirkt das 56 Quadratmeter große Penthouse Apartment wie eine feudale Suite, von der Terrasse schweift der Blick zum Tibidabo, dem Hausberg Barcelonas. Kitchenette, Sound­system, grosser Flatscreen-Bildschirm, kosten­lose Softdrinks aus der Minibar – als Mehrbettzimmer-geprüfter Traveller fühlt man sich, als würde man im Flugzeug vom Sardinenabteil in die Firstclass geführt. Auf den günstigen Generator-Etagen teilt man sich Toilette und Dusche, in der 801 machen sich Gäste im privaten Badezimmer breit, Blick auf die Sagrada Familia inklusive. Ein King- und ein Queensize-Bett bietet die Suite, für vier Gäste ist genügend Platz.

Mit etwas gutem Willen und zwei Freiwilligen, die ihre Schlafplätze auf dem Ausziehsofa beziehen, passen sechs Traveller rein. Was sich im Preis niederschlägt. Je nach Saison ist das Penthouseapartment für 150 bis 400 Euro zu haben. Im besten Fall kommt hier also ein munteres Sextett für 25 Euro pro Kopf unter. Ein Erlebnis, das vor allem Gäste suchen, die nicht mehr zu den Allerjüngsten zählen, weiß Esther: „Die Suite ist sehr beliebt für Junggesellenabschiede; Familien buchen sie ebenfalls oft.“ Auch die ­Generator-Hostels in Amsterdam und Venedig bieten ein Erlebnis, das im üblichen Traveller-Leben als ­Luxus gelten mag. „Sky-Suiten“ nennt man dort die abgehobene Unterkunftsvariante, die ab 100 Euro buchbar ist. (www.generatorhostels.com)

Kultstatus in der Szene der Billigreisenden genießt die Rockstar-Suite der Superbude St. Pauli in Hamburg. Sechs Kerls (und/oder Girls) passen auf der Panoramapritsche nebeneinander ins 42 Quadrat­meter große Gemach, das mit Bühne, Bose-Surroundsystem, Playstation und (gefülltem) Kühlschrank ausgestattet ist. Zu einem Zimmerpreis, der bei 199 Euro beginnt. (www.superbude.de) „Mehr und mehr Hostels beginnen, Suiten anzubieten“, sagt Blogger Kash Bhattacharya, der die weltweite Günstigszene verfolgt und im Internet eine Liste der „luxuriösen Hostels“ ­veröffentlicht. Vielleicht sehen die Traveller die gehobene Variante der Unterkunft als eine Art „Airbnb light“: Man ­logiert wie in einer Wohnung, ­genießt dabei aber Sicherheit, Service und Dienstleistungen eines Hostels. Bhattacharya schwärmt für das Independente Hostel & Suites in Lissabon, das einst als Sitz des Schweizer Botschafters diente.

Apropos Schweiz: Als Reto Gurtner, Chef der Weissen Arena, 2001 den Riders Palace in Laax GR eröffnete, ließ er neben Mehrbettzimmern auch vier Suiten einbauen. Die Edelgemächer samt Badezimmerinterieur von Philippe Starck, Surroundsoundsystem, Playstation und Riesenfernseher gibt es auch 15 Jahre später noch. Der Preis: 280 bis 360 Franken (entspricht 260/330 Euro) pro Nacht. Immerhin wusste Gurtner bei der Eröffnung schon: „Um immer vorne dabeizubleiben, mussten wir einen Schritt weitergehen, die Snowboard-Community ist schließlich auch älter geworden.“