Tradition

„Bun Bang Fai“: In Thailand fliegen Raketen für den Regen

Viele Einheimische kommen, um das Schauspiel zu bewundern. Mittlerweile nehmen auch immer mehr Touristen an den Feierlichkeiten zu Beginn der Regensaison teil.

Viele Einheimische kommen, um das Schauspiel zu bewundern. Mittlerweile nehmen auch immer mehr Touristen an den Feierlichkeiten zu Beginn der Regensaison teil.

Foto: Taylor Weidman / Getty Images

Jedes Jahr im Mai wird im Norden Thailands das Fest „Bun Bang Fai“ gefeiert. Es soll die Götter daran erinnern, den Reis zu bewässern.

Yasothon.  Zum Bun Bang Fai steht Yasothon Kopf. Von allen Seiten strömen die Menschen zur Hauptstraße. In einer Seitenstraße bieten Imbissstände die komplette Bandbreite der Isan-Küche an: Klebreis, Nudeln, Fisch, Garnelen, Muscheln, Schwein, Rind, Hühnchen, Ente, Ge­müse oder Pilze in allen denkbaren ­Zubereitungsformen. Eine örtliche Spezialität sind kleine, hauch­dünne, frittierte Teigblättchen mit einem Klecks Zuckerschaum, verziert mit knallbuntem Sirup. Auf der Hauptstraße herrscht Gedränge. Ganz Yasothon ist auf den Beinen. Auf den Bühnen rechts und links zucken bunte Lichter, meterhohe Boxenwände beschallen die Zuschauer. Wie das Stromnetz der Kleinstadt das aushält – ein Rätsel.

Als ausländischer Besucher wird man auf der Festmeile ständig angesprochen und bekommt eher früher als später ungefragt einen Becher in die Hand gedrückt. Zwei Finger hoch Sura, Thai-Whisky, einige Eiswürfel und Sodawasser. Den Geldbeutel kann man stecken lassen, man ist eingeladen.

Parade mit riesigen Festwagen

Auf den meisten Bühnen tanzen jetzt Jung und Alt gemeinsam, auf den Straßen ebenso. Auf einer Bühne hämmert Techno aus den Boxen; vor der Bühne stehen aufgemotzte Pick-ups, die eher fahrbare Lautsprecherboxen sind; auf der Ladefläche tanzen junge Damen bauchfrei. Ausländer würdigen sie keines Blickes. Das hier ist keine Show für Touristen, hier feiern Thailänder mit­einander. Obwohl der Alkohol in Strömen fließt, ist die Stimmung fröhlich und locker. Alle haben Spaß, niemand will Ärger.

Am Sonnabend findet die große Parade statt. Wer dem Thai-Whisky am Vorabend zugesprochen hat, der sollte sich dennoch früh aus den Federn bequemen. Denn die Sitzplätze auf den Tribünen mit den großen Sonnensegeln sind begehrt; die besten sind direkt neben der Jury, die die Tanzdarbie­tungen bewertet. In der Sonne lässt es sich bei über 35 Grad, hoher Luftfeuchtigkeit und praller Sonne für Ausländer kaum aushalten.

Riesige Festwagen glitzern in der hoch stehenden Sonne, Götterstatuen an den Seiten erinnern daran, dass der Buddhismus aus Indien nach Thailand kam. Aus Lautsprecherboxen schallt laute Musik; jede Gruppe hat ihr eigenes Programm, meist hört man tra­di­tionelle thailändische Klänge. Die Gruppen sind sehr verschieden: Bauern aus der Umgebung zeigen, wie traditionell gefischt oder Reis gedroschen wird, Trommler bringen die Luft zum Vi­brieren, Transvestiten, hier Kathoeys genannt, zeigen Bein, Clowns bringen die Zuschauer zum Lachen.

Raketen mit 12 Kilogramm Schwarzpulver

Die Feier findet ihren Höhepunkt am Sonntag. Im Phaya-Thaen-Park am ­südlichen Stadtrand donnern selbst gebaute Raketen in den Himmel und hinterlassen eine breite Rauchspur. Der Wind trägt den Geruch von verbranntem Schwarzpulver zu den Zuschauern. Startplatz ist auf einer großen Wiese, an deren Rand hohe Holzgerüste aufgestellt sind. Niemand beachtet das Sperrschild auf Thai und Englisch, das den Platz zur Gefahrenzone erklärt.

Die kleinen Startrampen links sind für die Bang Fai Muen. Muen bedeutet „zehntausend“. Sie enthalten 12 Kilogramm Schwarzpulver als Treibstoff. Die großen Rampen in der Mitte sind für die Saen-Raketen. Saen bedeutet „hunderttausend“, also 120 Kilogramm Schwarzpulver als Treibstoff. Rechts ist ein einzelner Startturm für eine Lan- Rakete. Lan, eine Million, das wäre rund eine Tonne Schwarzpulver; ein Monster, das über zehn Kilometer hoch fliegen kann.

Doch in diesem Jahr zündet niemand eine Lan-Rakete. Als eine Gruppe junger Männer eine fast zehn Meter lange ­Saen-Rakete vorbeiträgt, bekommt man eine Ahnung, wie hoch in etwa der Aufwand ­für die größte Größe wäre. Die sechs Männer, die harte körperliche Arbeit gewohnt sind, schaffen es nur mit größter Anstrengung, die Rakete in ihre Startposition zu wuchten. Überall in dem Park stehen kleine Startvorrichtungen, immer wieder zünden Zuschauer Kleinfeuerwerke. ­Wobei „klein“ relativ zu sehen ist, in Deutschland würden solche Böller und Raketen vermutlich bereits einen ­Verstoß gegen das Sprengstoffgesetz darstellen. Immer wieder starten die kleinen Muen-Raketen, die sich mit wenigen Handgriffen von einem kleinen Team aufstellen lassen. Die großen Saen-­Raketen starten nur alle 15 Minuten, die aufwendigen und zeitraubenden Vorbereitungen lassen bei zwei Rampen keine dichte Start­folge zu.

Strafe für Fehlzündung ist Schlammpackung

Ganz ungefährlich ist der Spaß nicht. Im Jahr 1999 explodierte eine ­Saen-Rakete zwei Sekunden nach dem Start, ihre Splitter töteten fünf Zuschauer. Wer das persönliche Risiko gering halten will, bleibt darum besser außerhalb der markierten Sicherheitszone. Auch bei diesem Fes­tival gibt es ein Unglück. Es fällt eine Rakete auf, die eine zu flache Flugbahn in Richtung Stadt einschlägt und dann aus dem Blick gerät. Der Fehlgänger wird diskutiert, aber das Fest geht ohne Unterbrechung weiter. Am Abend melden die Fernsehnachrichten, dass ebendiese Rakete in einer Wohnung in der Stadt eingeschlagen ist, diese komplett zerstört und in Brand gesteckt hat. Die Bewohner waren glücklicherweise nicht zu Hause, als die Rakete gestartet wurde, der Veranstalter ist versichert.

Überall auf dem Gelände haben die Organisatoren Schlammkuhlen angelegt. Dort müssen unter großem Gelächter die Raketenbauer hinein, deren Feuerwerkskörper auf dem Startplatz einen Fehlzünder haben. Mit steigendem Alkoholpegel suhlen sich dort aber auch immer mehr Zuschauer, jung wie alt. Ausländischen Gästen gelingt es nur mit Mühe, viel ­Lächeln und ein wenig Sturheit, trocken und sauber zu bleiben.

In diesem Jahr findet das Raketenfest vom 9. bis zum 11. Mai statt. Organisierte Touren dorthin gibt es bisher nicht. Wer die Mühen der Anreise auf sich nimmt, den erwarten unverfälschte thailändische Kultur und Lebensfreude, authentisch laotisch-thailändische Küche und unvergessliche Bilder in einer knallbunten Kulisse.

Tipps & Information

• Anreise: Direktflüge nach Bangkok bieten Thai Airways und Lufthansa ab München und Frankfurt an. Yasothon ist nur per Bus oder Auto zu erreichen.

• Übernachtung: z. B. Green Park Grand, DZ plus Festivalaufschlag rund 30 Euro pro Nacht.

• Mietwagen: pro Tag ab 30 Euro. Ein internationaler Führerschein ist empfehlenswert, Vollkasko ein Muss.

• Auskunft: www.thailandtourismus.de