Reise

Herzhaft: Schneeschuhwandern in den Karpaten

Guide Helena auf
dem Weg hoch ins
Gorce-Gebirge
mit
einem weiten Blick
auf die Hohe Tatra

Guide Helena auf dem Weg hoch ins Gorce-Gebirge mit einem weiten Blick auf die Hohe Tatra

Foto: Sascha Rettig

Wer im Süden Polens Winterurlaub macht, braucht einiges an Kondition – und einen gesunden Appetit für die Landküche der Region.

Schon auf dem Teller sieht das alles reichlich verwegen aus. Es ist so etwas wie ein riesiger Reibekuchen, den der Kellner im Szlachtowska-Restaurant da gebracht hat: nach Art des Hauses ausgebacken, bestreut mit Käse und so viel Soße darauf, dass sie das Fleisch und den zweiten kleineren Puffer unter sich versteckt. Man kann nur scheitern, denkt man sich bereits vor dem ersten Bissen. Und obwohl es schmeckt, ist das tatsächlich selbst für gute Esser kaum zu schaffen, was beim Abendessen kurz nach der Ankunft im Dörfchen Jaworki auf den Tisch kommt.

Nicht nur bei diesem Gericht zeigt die polnische Landküche hier ihre sehr reichhaltige Seite. Da hilft es dem un­geübten Magen auch nur bedingt, dass nach dem Essen noch ein, zwei, drei Gläser des hausgemachten Wodkas zum Aufräumen nachgeschüttet werden. Stattdessen müssen es also die Schneeschuhwanderungen richten, und die sind ja auch der Hauptanlass für diese Winterreise in die Karpaten im Süden von Polen, nördlich der Hohen Tatra und ganz nah an der Grenze zur Slowakei.

Die Holzkirchen der Karpaten gehören zum Weltkulturerbe

Der bekannte und bei Skifahrern sehr beliebte Wintersportort Zakopane liegt nur knapp anderthalb Stunden weiter westlich. Das bergige Gebiet um den Pieninen-Nationalpark ist noch nicht so starkvom Tourismus vereinnahmt. „In den vergangenen Jahren wurde jedoch zunehmend entdeckt, wie schön diese Gegend ist“, sagt Marcin Kowalczyk, als sich alle kurz hinter dem Dorfausgang die Schneeschuhe unterschnallen. Klack, klack, geht es los, und die kleine Gruppe klackert querfeldein über den Schnee mit den großen Kunststofflatschen hinterher. Während der Schnee sich in den tieferen Lagen zurückgezogen hat, pudert er die Landschaft der sogenannten Kleinen Pieninen noch ordentlich ein. Es ist eine sehr dünn besiedelte Gegend, so Marcin, in der Luchse, Wölfe und Bären nichts Ungewöhnliches seien.Heute haben lediglich ein paar Hirsche und kleinere Tiere ihre Spuren hinterlassen, auf die der drahtige Guide immer wieder hinweist.

Plötzlich zieht Nebel auf und verwandelt die Landschaft in ein Rundherumweiß, in dem die Umrisse der hoch aufragenden Tannen wie Tintenklecksmuster eines Rohrschachtests wirken.. Die wenigen anderen Wanderer, die unterwegs sind, bleiben dunkelgraue Silhouetten, bis sie direkt vorbeiziehen. So entsteht eine geheimnisvolle Atmosphäre, auf spannende Weise unwirklich, die noch verstärkt wird, als die Gruppe an den Fundamenten eines jahrhundertealten Dorfes vorbeistapft.

Irgendwann stoppt Marcin. „Wisst ihr, wo ihr jetzt gerade steht?“, fragt der 35-Jährige. Alle schütteln den Kopf. „Mit einem Fuß in der Slowakei“, fügt er grinsendhinzu. Nur der Grenzstein ist nicht zu sehen, weil er unter dem tiefen Schnee begraben ist. Marcin schaufelt ihn ein bisschen frei – für eine kurze Fotopause an der weißen Grenze, die auch zum Verschnaufen genutzt wird. Zum Ende des Tages geht es schließlich noch durch die fotogene, felsig zerklüftete Homole-Schlucht, die das Produkt der letzten Eiszeit ist, dann wieder zurück nach Jaworki, vorbei an den typischen, verzierten Holzhäusern, und gleich weiter in die kleine Pension Mos.

Dort steht Teresa in der Küche und bereitet das Abend­essen vor: Pilzsuppe, gefülltes Huhn, rote Beete, Apfelkuchen als Nachtisch und Fruchtpunsch dazu. Währenddessen hat ihr Mann Andrej schon das Pferd vor die Schlittenkutsche gespannt – für den abendlichen Ausflug nach dem Essen. Der Schimmel trabt ruhig vor sich hin. Ein Bach plätschert. Und unter einem dicken Fell verpackt und in frischer Abendluft sieht man dabei die idyllische Winterlandschaft vorbeiziehen, die sich durch den hell reflektierenden Schnee in der Dunkelheit abzeichnet. Als die Gruppe nach einer Stunde wieder zurück auf dem Hof ist, tun schließlich ­alle so, als hätte es das Abendessen gar nicht gegeben: Erst wird Sliwowitz ausgeschenkt – so hochprozentig, dass man sich selbst als Nichtkatholik vor dem Trinken am liebsten bekreuzigen würde. Der brennt dann auch so, als hätte man etwas von dem Feuer geschluckt, auf dem auch noch dicke, polnische Würste braten, die kurze Zeit später auf dem Teller landen.

Auch Stargeiger Nigel Kennedy hat dort ein Haus und tritt im Musikklub auf

Die Tage, an denen nicht mit Schneeschuhen losgewandert wird, ­gehören der Entdeckung in der Region: Dem Kurort Bad Krynica etwa mit dem alten Kurhaus im Neorenaissancestil und seinen verschiedenenKurwassern, zu denen auch das gewöhnungsbedürftige Zuber-Wasser gehört – das stärkste Heilwasser der Welt, sagt jedenfalls Marcin. Oder den alten Holzkirchen wie der einst orthodoxen Kirche St. Jakobus der Jüngere in Powroznik, die zusammen mit einigen anderen hölzernen Gotteshäusern seit zwei Jahren zum Unesco-Weltkulturerbe zählt und niemals von einem Feuer zerstört wurde. Aufgebaut wurde die älteste Kirche in den polnischen Karpaten um 1600 ohne einen einzigen Nagel und größtenteils mit Fichtenholz aus den Bergen. Die Wände der Sakristei sind reich verziert mit Malereien. „Die sind alle noch original aus dem 17. Jahrhundert“, erklärt Pawel Konski, der sich um die Kirche aufgeschlossen hat und sich um siekümmert.„Die Dachschindeln müssen allerdings alle drei Jahre erneuert werden.“

Auch wenn man abends wieder zurückkehrt nach Jaworki, in diesen kleinen Ort am Rande des Nirgendwo, werden nicht zwangsläufig mit dem ­Sonnenuntergang die Bürgersteige hochgeklappt. Für kulturelle Abwechslung muss man nur ein paar Schritte von der Pension in Jaworki ­laufen, um auf eine Musikinstitution zu stoßen. Warum der Klub Muzyczna Owczarnia ausgerechnet hier eröffnet wurde? „Warum nicht“, ist die lapidare Antwort des Betreibers Wieńczysław Kołodziejski, der dann kurz sein rauchiges Lachen lacht. Auch die Einheimischen hatten einst Zweifel, weil das Dorf viel zu klein und viel zu weit weg von allem sei. Seit 16 Jahren lebt Kołodziejski jetzt hier; 100 Konzerte veranstaltet er im Jahr, und die Besucher kommen aus ganz Polen, manchmal sogar aus dem Ausland. Heute Abend steht Stargeiger Nigel Kennedy auf der Bühne des ehemaligen Schafstalls. Der hat sogar ein Haus in der Nachbarschaft und entsprechend häufiger einen Auftritt hier. In der intimen Atmosphäre des mit Tannenzweigen abgehängten Saals bearbeitet er noch seine Violine, als es Zeit ist, in die Pension zurückzukehren.

Der nächste Tag wird anstrengend. Die zweite Schneeschuhwanderung geht schließlich weiter nach oben als die ­Erste, durch dichte Tannenwälder und vorbei an Schäferhütten hoch auf den Turbacz, den mit 1310 Metern höchsten Punkt im Gorce-Gebirge. Vom Rotwild bis zum Specht leben viele Tierarten hier. Der Schutz des Auerhahns war aber einst der Grund, warum ein Nationalpark gegründet wurde. Wappentier ist trotzdem der Feuersalamander. „Und manchmal sind auch Bären in den Bergen, die aus der Tatra emigrieren“, erklärt Helena Gasienica-Roj, die Marcin als Guide heute ablöst.Die lassen sich aber glücklicherweise nicht blicken – ebenso wenig wie die anderen Tiere.

Im Gegensatz zur Wanderung durch die Pieninen wird diese Tour mehr zur sportlichen Herausforderung. Die Panoramen sind mit Schweiß, Steigung und Ausdauer hart verdient, aber lohnenswert: Vor allem weiter oben auf dem Bergkamm, wo die Sonne durch die aufbrechenden Wolken beinah sakral die Spitzen der Hohen Tatra erleuchtet. Die letzten Kilometer, noch einige Hundert Meter allerdings ziehen sich. Es wird dunkel, die Stirnlampe angeknipst und jede weitere Anhöhe zur kleinen Qual. Doch dann ist es geschafft. Nach fast 900 überwundenen Höhenmetern erreicht die Gruppe die Hütte, die eigentlicheher an eine Herbergsburg aus sozialistischen Zeiten erinnert. Heute Abend sind Schnitzel, Kroketten und Sauerkraut gerade reichhaltig genug. Wahrscheinlich hätte man es diesmal sogar geschafft, den Doppelpuffer mit Fleisch, Soße und darüber gestreutem Käse ganz aufzuessen.