Reise

Wandern durch den karibischen Regenwald

Aussicht vom Waitukubuli National Trail bei L‘Escalier Tête Chien

Aussicht vom Waitukubuli National Trail bei L‘Escalier Tête Chien

Foto: Jens Kuhr

Dominica ist mit 14 Bananensorten und 55 Orchideenarten, neun Vulkanen, Flüssen und Bergseen ein Urlaubsziel fernab vom Massentourismus.

Angelo Orman blickt hinunter auf Roseau. Dorthin, wo der gleichnamige Fluss ein riesiges Delta in das Karibische Meer geschoben hat. Doch nicht die Häuser der Hauptstadt im Südwesten Dominicas beherrschen das Bild. Es ist das Kreuzfahrtschiff mit über 3000 Passagieren, das sich im Hafen der Stadt auftürmt. Keiner der Passagiere wird sich nach hier oben verirren, in Ormans kleinen Laden, der selbst gemachten Rum, einheimisches Kubuli-Bier und frisch frittierten Fisch für seine Kunden bereithält. „Die Kreuzfahrttouristen interessieren sich nicht für uns, und sie geben hier auch kein Geld aus“, so der Kleinunternehmer. Sein Laden steht am höchsten Punkt, auf halber Strecke zwischen Roseau und Grand Bay. Richtung Osten geht der Blick zwischen niedrig hängenden Wolkenfetzen zum Atlantik, über eine mit haushohen Farnen, Palmen und tropischen Baumriesen dicht bestandene, wild zerklüftete Berglandschaft.

Die Insel Dominica liegt zwischen Guadeloupe und Martinique und gehört zu den kleinen Antillen. Mit 749 Quadratkilometern ist sie ­etwa so groß wie Hamburg, doch auf dieser Fläche gedeihen 14 Bananensorten und 55 Orchideenarten. Außerdem gibt es neun Vulkane, ­unzählige Flüsse, Wasserfälle, Bergseen und natürliche Dschungelpools. Das Kronjuwel der Insel ist der ­ursprünglichste tropische Regenwald der Karibik mit dem Morne Trois Pitons Nationalpark, Unesco-Weltnaturerbe seit 1997. Gerne lassen sich Filmstars in ihrem Urlaub vor dieser Kulisse sehen, Tom Cruise etwa oder Johnny Depp. Auch Mick Jagger verbrachte für eine kreative Pause ein paar Tage im Papillote Wilderness Retreat, einer Garten­anlage mit heißen Quellen und Vogelbeobachtungsplatz, um den herum sich morgens und abends viele der mehr als 150 heimischen Vogelarten einfinden.

Disney drehte hier den zweiten Teil von „Fluch der Karibik“

„The Nature Island“ heißt der Slogan, den die Regierung erfunden hat, um der Insel den touristisch perfekten Schliff zu geben. Die Regierung setzt auf Nischen: Im touristischen Masterplan stehen „Wandern“ und „Wellness“ ganz oben. Massentourismus soll es nicht geben. Dafür besitzt Dominica auch gar nicht die Infrastruktur. Als Disney vor einigen Jahren den zweiten Teil von „Fluch der Karibik“ auf der Insel drehte, wurde es eng.

„Die Disney-Leute hatten fast sämtliche Betten der Insel gebucht“, erzählt der Farmer Leonard Lauville. Zu seiner Farm auf einem Plateau nordwestlich von Grand Bay geht es nur zu Fuß, zwei Stunden durch ein feuchtes Flusstal, in dem sich orangene Flusskrebse tummeln. Zusammen mit seiner Frau und den beiden Kindern bewirtschaftet Lauville eine von steilen Nebelwaldhängen gesäumte Idylle. Elektrizität gibt es keine. In der Gartenapotheke erklärt er, welche Gewächse gegen Augenkrankheiten, Diabetes oder Prostatabeschwerden helfen und welche den Blutdruck senken oder Mücken vertreiben. Selbst Geburtsbeschleuniger und Trinkwasserreiniger gedeihen hier prächtig. Fast ebenso vielfältig wie ihre Wirkung sind die Zubereitungsmöglichkeiten der Pflanzen. Manche wirken als Tee, Saft oder Paste, andere als Soße, Salat, Salbe oder Öl, und einige landen als Belag auf der Pizza.

Gesunde Ernährung und Bewegung übersetzt Lauville mit Wellness und beides ist für ihn die Erklärung dafür, dass auf der Insel prozentual zur Bevölkerung die meisten über 100-jährigen Menschen der Welt ­leben. ine Dominicanerin war einst auch älteste Frau der Welt: Als Elisabeth Israel 2003 starb, war sie 127. Lauville will, dass auch seine Insel lange gesund bleibt. Kreuzfahrtschiffe mag er nicht. „Davon profitieren wir nicht.“ Kritisch sieht er auch einige US-Investoren, die den Tourismus auf der Insel zunehmend an der Bevölkerung vorbei entwickeln mit Luxus-Resorts, welche die Gäste nicht verlassen. „Dabei könnten Besucher und Einheimische viel voneinander lernen, wenn sie respektvoll miteinander umgehen“, so der Farmer.

Zumindest Hotelketten soll es nach dem Willen des Dominicanischen Fremdenverkehrsbüros auch künftig nicht geben. Der Kreuzfahrttourismus dagegen sei eine so wichtige Einnahmequelle für die Geschäfte Ro­seaus, ür örtliche Fuhrunternehmer und das Kunsthandwerkdass geplant sei, das Ausflugsangebot für Kreuzfahrer auszubauen und weitere Kreuzfahrtschiffe nach Dominica zu bringen. Im Jahr 2014 kamen fast 290.000 Kreuzfahrer und mehr als 80.000 Übernachtungsgäste. Die Kreuzfahrtbesucher ließen 2014 umgerechnet rund 8,64 Millionen Euro auf der Insel, bei den Übernachtungsgästen waren es rund 107,6 Millionen Euro.

Um Wanderer auf die Insel zu holen, sind in den vergangenen Jahren eine Reihe von Wanderwegen ­angelegt worden. Wer möchte, kann an einem Tag durch ein halbes Dutzend unterschiedliche Vegetationszonen gehen. Wem es nach mehr verlangt, der kann die Insel von Süden nach Norden auf dem 184 Kilometer langen Waitukubuli National Trail überqueren. Viele Passagen benutzten die Einheimischen, die Kalinago, schon vor der Ankunft von Kolumbus. Der hat die Insel zwar nie betreten, segelte aber am 3. November 1493 an ihr vorbei. Es war ein Sonntag, auf Spanisch Domingo, und die Insel hatte ihren Namen. Jahrhunderte vorher hatten die Kalinago das Eiland erreicht und es Waitukubuli getauft, was „von hoher Gestalt“ bedeutet.

Die Nachkommen dieser Ureinwohner sind die letzten, die in der Karibik überlebt haben. Rund 3500 von ihnen leben im Nordosten Dominicas, im Kalinago Territory, das in vielen Reiseführern und Broschüren noch Carib Territory heißt. Charles Williams ist Chef der Kalinago. Er sitzt in einer der für Besucher auf dem zentralen Platz des Kulturzentrums Barana Aute im Ort Crayfish River errichteten offenen Hütten. Nebenan flechten Frauen Topfuntersetzer und Obstschalen. Sie werden sie später an Touristen verkaufen. Williams: „Carib war der europäische Name für Kannibalismus. Der Begriff hat uns stigmatisiert, das wollten wir nicht. Vor wenigen Wochen dann endlich die Umbenennung.“

Ein Klassiker ist die Tour durch den grünen Dschungel zum Boiling Lake

Besucher können im Territory übernachten und mit den Menschen zusammen kochen, Einbäume bauen oder fischen. Auf Wunsch mit Familienanschluss. Angst, dass diese Vermarktung seine Kultur zerstören könnte, hat der Kalinago-Chef nicht. Das Geld aus den Übernachtungen und dem Verkauf von Körben, Figuren und Schmuck helfe der Kultur, zu überleben, zumal von der Regierung keine nennenswerte Förderung komme. Auf folkloristischen Schnickschnack wird bei den sogenannten Homestays verzichtet. Um das Geschäft weiter zu beleben, organisiert das Kulturzentrum geführte Wanderungen. Körperlich etwas anspruchsvoller ist der Abschnitt sechs auf dem Waitukubuli National Trail, eher ein Spaziergang der Rundweg um das Kulturzentrum. Williams empfiehlt den Weg zur L‘Escalier Tête Chien. Der Legende nach ist auf dieser natürlichen Treppe eine riesige Boa constrictor aus dem Atlantik emporgestiegen, hinauf auf den Morne Diablotins, dem mit 1447 Meter höchsten Berg Dominicas. Das „Teufelchen“ zu besteigen, ist sehr beschwerlich. Und oft hängt der Gipfel in Wolken.

Einfacher zu gehen ist ein Klassiker unter den Wanderungen auf ­Dominica, die Tour zum Boiling Lake. Sie gehört zum Abschnitt vier des Waitukubuli National Trail. Hierher begleitet der Wanderführer Jeffrey Akwasi Asiedu seine Wandergruppen. „Auf Dominica gibt es keine ­gefährlichen Tiere und giftigen Pflanzen“, erklärt Asiedu am frühen Morgen den elf Teilnehmern der Wanderung am Treffpunkt Titou Gorge, „wir werden mindestens sechs Stunden unterwegs sein – reine Gehzeit.“

Wenig später bricht die Sonne durch den Nebel und setzt die kräftig grünen Farnbäume in Szene, die den Pfad aus dem tief eingeschnittenen Flusstal säumen. Asiedu zeigt auf ein paar Orchideen, die sich die Äste eines ansonsten mit dickem Moos überzogenen Baumes erobert haben. „Aufsitzerpflanzen“, nennt er das. Als dann noch der durchdringende Schrei einer Kaiseramazone aus dem dichten Grün tönt, ist das Dschungelerlebnis perfekt. Zu Gesicht bekommt den Papagei allerdings niemand. Als der Hurrikan „David“ 1979 mit bis zu 240 Stundenkilometern durch Dominicas Berge fegte, zerstörte er nicht nur weite Teile des Regenwaldes. Fast alle der sensiblen Kaiseramazonen fielen dem Sturm zum Opfer. „Die Papageien sind sehr treu. Stirbt ein Partner, ist der Übriggebliebene kurze Zeit später meist auch tot“, erklärt Asiedu.

Vom höchsten Punkt der Wanderung, dem Morne Nicholls, führt ein in den roten Boden eingegrabener Pfad steil hinunter ins Valley of Desolation. Hier wachsen keine Pflanzen mehr. Die Sonne brennt auf der Haut. Aus den Rissen und Löchern im Boden blubbert, dampft und zischt es. Fumarolen blasen Gas in die Atmosphäre. Schlammtöpfe kochen über. Es stinkt nach faulen Eiern. Der Vulkan ist bei der Arbeit. Dann der Boiling Lake, mit rund 70 Meter Durchmesser der zweitgrößte kochende See der Erde. Auf dem Rückweg wird die Stimmung noch besser, als Asiedu zum Baden lädt. Im Schatten der Dschungelvegetation liegt ein natürlicher Pool. Das Wasser stammt aus einer heißen Quelle oberhalb und hat sich auf seinem Weg hierher so sehr abgekühlt, dass es nicht angenehmer sein könnte. Balsam für die Seele.