Kleine Fluchten

Ostfriesische Krimi-Kulisse im Stadthotel „Smutje“

Das Stadthotel „Smutje“ ist eine Institution in Norden

Das Stadthotel „Smutje“ ist eine Institution in Norden

Foto: Michael Pasdzior

Wer in dem Hotel in Norden übernachtet, taucht ein in die Welt der Bücher von Klaus-Peter Wolf. Mottoabende in regelmäßigen Abständen.

„I love Norden“ steht auf der Kappe des Besuchers. Das tut wohl so mancher, aber hier gemeint ist die Stadt Norden in Ostfriesland. Der Weg vom Bahnhof zum Stadthotel ist nicht weit und führt schnurstracks vorbei an dem neu erbauten, aber leider nicht sehr gelungenen Einkaufszentrum „Norder Tor Center“. Dieses wird rechts und links flankiert von den beiden knapp 30 Meter hohen Mühlen. Die überdimensionierte Doornkaat-Flasche am Wegesrand erinnert daran, dass an diesem Ort bereits seit 1801 hochprozentiger Korn gebrannt wird. Das Stadthotel „Smutje“ liegt nicht weit entfernt an der langgestreckten Straße Neuer Weg, die von vielen schönen Häusern aus verschiedenen Epochen gesäumt ist. Hier reiht sich Geschäft an Geschäft, viele im typisch friesischen Stil, in denen das Stöbern richtig Spaß macht und es zudem weitaus geruhsamer vor sich geht, als in der hektischen Großstadt.

Ein Abstecher in die Nebenstrassen lohnt sich ebenfalls, findet man dort doch einige kleine Kunstläden.Hotelchefin Melanie Weiß Die lebensfrohe Ostfriesin Melanie Weiß ist in Aurich geboren und erlernte den Beruf der Bürokauffrau. Mit ihrer herzlichen Art verbreitet sie viel gute Laune. Dadurch ist das Betriebsklima sehr angenehm, die Mitarbeiter sind hoch motiviert. „Darf ich heute Nachmittag im Service helfen?“ fragt plötzlich eine Schülerin, die wohl ihr Taschengeld aufbessern möchte. Ein gutes Zeichen für die Beliebtheit der Chefin; Es herrscht eine geradezu familiäre Atmosphäre. „Wir halten als Smutje-Crew zusammen, egal was kommt“, sagt sie und schwört auf den Verlass ihrer Angestellten. Als fachkundige Besitzerin eines „Zertifikats für ostfriesische Teezeremonie“ weist sie Ortsfremde auch gern in diese Kunst ein.

Das Haus, in dem sich heute das Stadthotel „Smutje“ befindet, wurde 1743 erbaut und diente als Wohnhaus. Später befanden sich darin eine Apotheke und vorübergehend auch eine Kohlenhandlung. Vor 35 Jahren wurde ein Neubau an das bestehende Gebäude im hinteren Bereich errichtet. Zeitweilig beherbergte es die Institution „Arbeitslose kochen für Arbeitslose“, in der auch Melanies Mutter arbeitete. 2006 wurde es von den jetzigen Besitzern gekauft und „von der Fußleiste bis zur Decke erneuert“, wie Melanie Weiß betont. Ihr Ehemann Frank ist gelernter Koch und bietet in seinem nach eigenem Geschmack behaglich eingerichtetem Restaurant eine gutbürgerliche Küche mit Pfiff, wie er sie selbst beschreibt. Soll heißen, er mag das Traditionelle, begeistert sich aber auch für das Moderne.

Den Gästen stehen acht Zimmer und eine Ferienwohnung zur Verfügung

Auch der bekannte Krimiautor Klaus-Peter Wolf ist ein Fan dieser Küche und schwärmt von der Atmosphäre im Gastraum des Norder Stadthotels. Deshalb lässt er seine fiktive Heldin, die Kommissarin Anne Kathrin Klaasen, ihre Verhöre mit Verdächtigen gern hier auf Omas altem Plüschsofa führen. Es ist vor allem dieser Lokalkolorit, der die Geschichten lebendig macht, was die Leser zu schätzen wissen. Dem preisgekrönten Schriftsteller zu Ehren gibt es sogar ein nach ihm benanntes Menü, das ein Hummerschaumsüppchen mit Nordseekrabben und frischen Kräutern, Nordsee-Seezunge „Müllerin“ mit Sanddornsenfsauce, Blattspinat und Meersalzkartoffeln sowie Crêpes gefüllt mit Apfelkompott an Vanille-Schaum beinhaltet. Heiß geliebt und kalt getrunken wird dieses Mahl natürlich mit einem Doornkaat beendet.

Übernachten kann man in einem der acht Zimmer, die alle schlicht, aber bequem eingerichtet sind. Auch eine Ferienwohnung und zwei behindertengerechte Doppelzimmer stehen zur Verfügung. Die Chefin bemüht sich auch um kulturelle Veranstaltungen im Haus. So finden in regelmäßigen Abständen Mottoabende statt. Dazu gehören Krimi-Dinner, Musik- und Magieveranstaltungen oder erotische Märchenabende. „Da waren viele Einheimische zunächst etwas entsetzt, aber die Lesungen waren zumeist am besten besucht“, erzählt sie schmunzelnd.Im Souterrain des Hauses befindet sich außerdem ein Vogelmuseum, das vom Vorsitzenden des „Singharmonievereins“, Heinz Block, geleitet wird, der den Unkundigen in die aufregenden Geheimnisse der Vogelwelt einweist.

Stolz blickt die Stadt Norden auf 750 Jahre zurück. „Wat den Eenen sin Uhl, is den Annern sin Nachtigall“, und so bescherten ihr die verheerenden Sturmfluten des 14. Jahrhunderts kurioserweise einen großen Vorteil. Denn durch den Zugang zum Meer entwickelte sich Norden zu einem bedeutenden Handelsort. Der Seehafen brachte der Stadt für lange Zeit eine wirtschaftliche Blüte. Ein Rundgang durch den gemütlichen Hauptort der historischen Landschaft Norderland lohnt sich. Schnell ist man an einem der größten Marktplätze Deutschlands angelangt. Hier spielt sich jeden Montag und Sonnabend das Leben ab und wird der Einkauf zum Freizeiterlebnis.

Der riesige Platz ist umgeben von vielen schönen Amtsgebäuden und Wohnhäusern. Der alte Friedhof an der Kirche ähnelt mit seinem Baum­bestand und den wenigen Gräbern eher einem Park; eine grüne Oase mitten in der Stadt. Ein Besuch der mittelalterlichen Ludgeri-Kirche mit der berühmten Arp-Schnitger-Orgel, der größten Ostfrieslands, gehört auf jeden Fall zum Besichtigungsprogramm. Orgelliebhaber wissen den edlen und farbenreichen Klang der 46 Register mit insgesamt 3110 Pfeifen besonders zu schätzen.

Tee gehört zu Ostfriesland wie das Amen in der Kirche. Logisch, dass es auch ein Museum über die beliebte Pflanze gibt, in dem man viel Wissenswertes darüber erfahren kann. Wer dann eine Stärkung benötigt, kann ins „Tortenhaus Stroh“ einkehren. Dort hat der Gast die Qual der Wahl, gibt es doch 20 verschiedene Sorten zur Auswahl. Darunter findet bestimmt jeder sein Lieblingsstück. Und die Traditionsgaststätte „Mittelhaus“ wirbt mit „original friesischen Apfelstrudel von geklauten Äpfeln“. Humor ist auch hier angesagt.