Kleine Fluchten

Schlafen auf einem ehemaligen Rittergut

Von 2006 bis 2010 haben die Inhaber das einst fast verfallene Gebäude liebevoll und denkmalgerecht instand gesetzt

Von 2006 bis 2010 haben die Inhaber das einst fast verfallene Gebäude liebevoll und denkmalgerecht instand gesetzt

Foto: PR

Zwischen Stralsund und Greifswald liegt inmitten eines 16.000 Quadratmeter großen Areals der frisch restaurierte Gutshof Falkenhagen

Ein Ausflug ins Mecklenburgische ist immer wieder lohnend und spannend, vor allem, wenn man die Hauptstraßen verlässt und sich auf Nebenstrecken begibt, auf denen es viel zu entdecken gibt. Dann wird man häufig mit spektakulären Blicken auf die abwechslungsreiche Landschaft belohnt. Dabei findet der neugierige Besucher oftmals versteckte Unterkünfte, die noch echte Geheimtipps sind.

So passiert auf der Bundesstraße zwischen Stralsund und Greifswald bei einem Abstecher ins Dorf Reinberg, um dort die sehenswerte Kirche mit der über 1000-jährigen Linde davor anzuschauen. Am Weg stand ein Schild mit der Aufschrift „Gutshof Falkenhagen“. 25 Jahre nach der Wende und unzähligen Besuchen in „Meck-Pomm“ glaubte ich, alle Schlösser, Guts- und Herrenhäuser zu kennen, aber von diesem hatte ich noch nie gehört. Auch ein Blick auf die Karte machte mich nicht schlauer; es war nicht verzeichnet.

Folgt man der Ausschilderung, gelangt man nach kurzer Zeit an ein beeindruckendes Herrenhaus in einer gepflegten Anlage. Da glaubt man, schon am Ziel zu sein. Aber nein – denn das Schloss wird ausschließlich privat genutzt. Die Fahrt geht noch einen Kilometer weiter, bis das erwünschte Ziel erreicht wird. Der Gutshof ist nicht so groß und seine Fassade weit weniger verziert. Davor breitet sich eine große Rasenfläche mit einem Spielplatz und Liegestühlen aus. Die Auffahrt mit dem Kopfsteinpflaster und die nostalgisch anmutenden Lampen erinnern an frühere Zeiten.

Das ehemalige Rittergut mit dem Herrenhaus Falkenhagen und dem dazugehörigen Park wurde 1320 erstmalig urkundlich erwähnt, und der erste Besitzer war Jesper von Hagen. Nach dem Dreißigjährigen Krieg wurde es 1648 vom Fürsten zu Putbus dem schwedischen Königshaus übergeben und blieb bis 1770 in deren Besitz. Danach wurde die Familie von Wolffradt neuer Eigentümer und blieb durch Heirat und Erbfolge bis 1945 Familienbesitz. Die Errichtung des Gutshofs wird auf 1830-1860 geschätzt. Ausschließlich hier fand das Arbeitsleben des Gutshofes statt. Nach dem 2. Weltkrieg wurde es als Aussiedlerheim genutzt und 1952 in eine landwirtschaftliche Produktionsgenossenschaft umgewandelt, wobei das Haus als Verwaltungsgebäude, Studentenwohnheim und Wohngebäude genutzt wurde. Ab 1992 ist es immer mehr verfallen.

Der aus einem Bergdorf im Vogt­land stammende Rüdiger Heckel und seine Partnerin Bianka Grundmann hatten den Mut, die Ruine des Gutshofes, von dem fast nur noch die Grundmauern standen, 1999 zu ersteigern. „Alle meine Vorfahren waren bis in die fünfte Generation Tischler, und da habe ich natürlich auch diesen Beruf erlernt“, erzählt er. Später wurde er noch zu DDR-Zeiten Bauingenieur und war im Wohnungsbau tätig. Nach der Wende wäre er fast in der Politik gelandet, da er zu den ersten Mitgliedern der Ost-SPD gehörte. Doch enttäuscht von der Entwicklung wagte er den Weg in die Selbständigkeit. Seine handwerklichen und gestalterischen Fähigkeiten setzte er erfolgreich an seinem Gutshof ein. „Wenn ich Beton rieche, geht mein Herz auf und es reizte mich, hier ein Objekt ganz nach meinen persönlichen Vorstellungen zu gestalten“, sagt der sympathische Besitzer lachend in breitem Sächsisch. Von 2006 bis 2010 hat er die Restaurierung größtenteils selber vorgenommen und das Gebäude denkmalgerecht wieder in Stand gesetzt.

„Wenn man in ein Gebäude kommt, muss man seinen Charakter wahrnehmen“, ist die Prämisse der Inhaber. Das Gutshaus verfügt über neun komfortabel eingerichtete Apartments, einen Frühstücks- und Veranstaltungsraum für 20 Personen und eine Bibliothek. Im Erdgeschoss sind die geräumigen Wohnungen klassisch eingerichtet, während die Apartments im oberen Stock eher schlicht und modern möbliert sind.Ein interessanter Blickfang sind die vielen Bilder unterschiedlicher Art der Berliner Künstlerin Martina Strahl.

Der Frühstücksraum im Untergeschoss ist in zarten Grüntönen bestuhlt. Auch das urige Backsteingewölbe wurde restauriert und wird effektvoll beleuchtet. Mit Kamin, Ledersessel und Couch hat es einen gemütlichen Lounge-Charakter bekommen. Im unteren Gebäudetrakt wird bis Mai ein Wellnessbereich mit finnischer und Biosauna sowie einem Fitnessraum fertiggestellt. Auch der soll gleichzeitig ein optisches Erlebnis sein, wie es die Apartments schon sind.

Obwohl die topmoderne Kücheneinrichtung zur Selbstverpflegung einlädt, denn im Haus gibt es am Abend keine Speisenangebote, sollte man unbedingt das Restaurant „De Fischer un sin Fru“ in Gristow ausprobieren.Zwar trifft der Restaurantname nicht mehr ganz zu, denn der Fischer ist vor vier Jahren verstorben, aber zum Glück führt der Sohn diesen Beruf weiter aus, worüber seine Mutter sehr froh ist. Hier kommt abends alles auf den Teller, was tagsüber gefischt wurde – Frischer kann Fisch nicht sein, und das schmeckt man. Heute steht Hornfisch als Spezialität auf dem Speiseplan. Kannten wir bisher noch nicht, also probieren wir ihn. Und sind angenehm überrascht. Ungewöhnlich im Geschmack eine willkommene Abwechslung und Entdeckung. Den fangfrischen Fisch gibt es immer,solange der Vorrat reicht. Viele Plätze gibt es in der kleinen Stube nicht. Deshalb ist frühes Kommen angeraten; noch besser ist es, zu reservieren. Sonst könnte es schwierig werden, hier einen der beliebten Plätze zu ergattern. Das Ambiente mit den vielen witzigen Figuren und den maritimen Accessoires ist urig.

Nach dem Essen bietet sich ein Spaziergang um die Kirche an, die umrahmt ist von hohen Bäumen. Das Kirchengebäude existiert bereits seit 1280, als der kleine Ort noch „Cristogh“ hieß. Oder man geht auf der Deichkrone entlang und genießt den Fernblick auf die Boddenlandschaft mit Inseln, Buchten und schilfgesäumten Uferzonen.

Die Umgebung lockt mit prächtigen Alleen, die mancherorts mit dem Fahrrad oder zu Fuß befahr- oder begehbar sind. Im drei Kilometer entfernten Dorf Tremt befindet sich an der Küste ein kleiner Sandstrand. Das Baden für Kinder ist hier angesichts des flachen und seichten Wassers bestens geeignet. Zuweilen sieht man viele Angler, bis zur Brust im Wasser stehend, beim Fliegenfischen. Gleichermaßen erlebnisreich ist ein Besuch des nahegelegenen Landwerthofs, einem riesigen Biolandbetrieb. Hier lernt man eine Menge über die hiesige Landwirtschaft und über gesunde Ernährung.