Metro

Mit der Linie 7 um die Welt - Reise mit der New York Subway

Die Subway 7 startet am Times Square in Manhattan und passiert 21 Stationen, 18 davon in Queens, bevor sie ihre Endstation im Stadtteil Flushing erreicht

Die Subway 7 startet am Times Square in Manhattan und passiert 21 Stationen, 18 davon in Queens, bevor sie ihre Endstation im Stadtteil Flushing erreicht

Foto: Birgit Reuther

Die legendäre New Yorker Subway streift auf ihrer Tour von Manhattan bis Flushing viele bunte Kulturen.

New York Times Square. An dieser Stelle ist der Sound der Stadt ständig zu spüren. Das Rauschen des Verkehrs, die Sirenen, die Energie. Jede der meterhohen Tafeln schreit grellbunt hinaus, wie superlativ New York ist. Ein bunter Fischschwarm fliegt vorüber, um für ein Mobiltelefon zu werben. Ein Model blickt von einem Plakat auf den Broadway. Am frühen Vormittag versuchen Touristen, Tickets für eine der Shows am Abend zu ergattern. Viele gehen von diesem Zentrum aus auf Erkundungstour durch Manhattan. Die Attraktionen liegen nah: Central Park, Museum of Modern Art, Tiffany’s. Doch der Times Square kann auch Startpunkt sein für eine Reise, die von der berühmten Insel einmal um den Globus führt. Und das an nur einem Tag. Der Eingang zur U-Bahn ist das Tor zur Welt. Und der Eintritt kostet nur einen „Swipe“ mit der Metro-Card durch das Drehkreuz. Die Nummer Sieben wird auf dieser Exkursion steter Begleiter sein. Das Emblem prangt auf jener Subway-Linie, die den Spitznamen „International Express“ trägt. Also: Einsteigen, bitte!

Der erste Stopp in „Little India“ entführt in die Welt der Gewürze

Mit einem Quietschen verlässt der Zug den unterirdisch gelegenen Bahnsteig. Nachdem die Subway den East River unterlaufen hat, schießt der Silberpfeil aus der Dunkelheit hinaus ins Helle. Die alten Lagerhäuser von Queens samt ihrer verrosteten Wassertanks gehen langsam über in eine Wohngegend mit Holzreihenhäusern. Bei gutem Wetter bietet sich ein fantastischer Blick zurück auf Manhattan mit seiner Steinschluchten-Skyline. Bis zur nördlichen Endstation im Stadtteil Flushing passiert der Zug 21 Stationen, 18 davon in Queens. Ein Bezirk, der wegen der noch halbwegs erschwinglichen Mieten nicht nur als Schlafzimmer New Yorks bekannt ist, sondern vor allem für seine ethnische Vielfalt. Die mehr als zwei Millionen Einwohner stammen aus über 100 Nationen. Nirgendwo sonst ist der viel zitierte „Melting Pot" New York ursprünglicher zu erleben als auf dieser Strecke der Subway 7, die vor fast 100 Jahren eingeweiht wurde.

Auf alten Stahltrassen rattert die Bahn über die Roosevelt Avenue hinweg, die Queens durchzieht wie ein Faden. Die Haltestelle 74th Street/Broadway im Viertel Jackson Heights empfiehlt sich für einen ersten Stopp. Es duftet nach Gewürzen, nach Curry. Rund um die Station erstreckt sich „Little India“. Wer in Fahrtrichtung links die Treppe von der Plattform hinab steigt, gelangt direkt in die 74th Street. Eine Straße, die glitzert. Sari-Salons wechseln sich mit Juwelieren ab. Ketten, Armreifen und Ringe glänzen in den Auslagen in warmen Goldtönen. Die Inhaber ködern ihre Kundschaft wesentlich dezenter als im Mutterland. Entspanntes Schlendern ist definitiv möglich.

Also hinein, zum Beispiel in Armaan’s Bridal, ein Geschäft für indische Brautmoden (37-54 74th St). Nur umschauen? „No Prrrobleeem“, schnurrt der Verkäufer, ein rundlicher Mann mit Bindi-Punkt auf der Stirn, der stolz vor seinem Angebot steht: üppige Gewänder, die mit Strass und Spiegeln bestickt sind. Und wer seine geplante Feier noch spirituell aufladen mag, der findet einige Meter weiter in Butala’s Emporium alles für den religiösen Bedarf (37-46 74th St). Für eine indische Party dürfen die Hits aus den neuesten Hindi-Filmen nicht fehlen. Also flugs zu Bollywood Music (37-11 74th St). Der Beat-lastige Sound plärrt bereits auf die Straße hinaus. Der Shop selbst ist übervoll gestopft mit CDs und DVDs.

Shopping macht hungrig. Wie gut, dass The Jackson Diner direkt die Straße hinab liegt (37-47 74th St). Eine Institution im Viertel. Das Ambiente entführt den Gast in vergangene Zeiten. Ein perfekter Platz für eine der New Yorker Lieblingsbeschäftigungen: people watching. Ein Hipster mit Bart und Brille hockt im Fenster. Zwei junge Frauen mit Kopftüchern tippen auf ihren Smartphones. Eine Chinesin isst alleine. Eine Gruppe Inder plaudert beim Tee. Bis 16.30 Uhr nehmen eigentlich alle das nordindisch geprägte All-You-Can-Eat-Buffet zum unschlagbaren Preis von 9,95 Dollar.

Und wer nach diesem Mahl noch Appetit auf Nachtisch verspürt, der sollte einen Abstecher zu Shaheen Sweets machen (72-09 Broadway). Diese 1973 eröffnete Konditorei liegt auf dem Broadway in Queens, der wesentlich weniger glamourös ist als der berühmte Namensvetter in Manhattan. Vom eher schmucklosen Äußeren des Ladens sollten sich Naschkatzen jedoch nicht abhalten lassen. Am Tresen warten exotische Happen aus Nüssen, Schmalzgebäck, Sirup und Früchten auf Abnehmer. Ein Pfund für sieben Dollar.

Täglich fahren Millionen Menschen auf 26 Linien über 1400 Kilometer Gleise

Bestens gestärkt geht es zu Fuß weiter die Roosevelt Avenue entlang. Ab der 75. Straße scheint es, als habe jemand den Vorhang zu einer ganz anderen Welt aufgezogen. Die Sprache: Spanisch. 99-Cent-Shops und Straßenhändler versuchen sich gegenseitig mit günstigen Angeboten auszustechen. Anwälte preisen in kleinen Büros ihre Kompetenz in Sachen Scheidungs- und Einwanderungsfragen an. Restaurants bieten Tacos und Empanadas, lateinamerikanische Lieder tönen aus den Radios.

Bei der Station 90 Street/Elmhurst Avenue geht es zurück in die Subway 7, zurück in eine der Haupt-Lebensadern des pulsierenden Subway-Systems. Fast fünf Millionen Menschen pro Tag fahren in New York auf 26 Linien über rund 1400 Kilometer Gleise. Das viertgrößte Netz der Welt nach Peking, Shanghai und London. Und während der Fahrt Richtung Endstation in Flushing zeigt sich beim Blick nach rechts, warum die Linie 7 neben ihren multilingualen Nachbarschaften zusätzlich den Namen „International Express“ trägt. In den Jahren 1964 und 1965 transportierte die Bahn viele der mehr als 51 Millionen Menschen, die damals die Weltausstellung im Flushing Meadows Park erleben wollten. Noch heute überragt die Erdkugel „Unisphere“, eine 42 Meter hohe Stahl-Konstruktion, das Gelände und kündet vom nach wie vor aktuellen Motto: „Peace Through Understanding“ (Frieden durch Verständnis). Die Tennis-Anlagen zur Rechten sowie das Stadion der New York Mets zur Linken sind zudem Gründe, warum auf der Strecke zusätzlich eingesetzte Züge keine Seltenheit sind.

Doch die Gedanken an amerikanische Sportarten wie Baseball rücken rasch in den Hintergrund, steigt der Großstadt-Reisende in Flushing aus und tritt auf die Kreuzung Roosevelt Avenue/Main Street. Shops und Schilder mit chinesischen und koreanischen Schriftzeichen stapeln sich wie waghalsig gebaute Lego-Türme. Von den Straßenständen zieht der Duft von Bratnudeln und gedämpften Teigtaschen vorüber. 55 Prozent der Bewohner in „New Chinatown“ sind asiatische Amerikaner. Ein Stück ferner Osten mitten im Westen.

Inmitten dieses bonbonbunten Treibens wirkt die St. Georges Church, als sei ein grau-steinernes Zeitreise-Objekt gelandet (135-32 38th St). Die kirchlichen Aktivitäten an dieser Stelle reichen mehr als 300 Jahre zurück. Und wer dann, gerade noch den neuesten Pop-Hit aus Korea im Ohr, das Glockengeläut in der Melodie des Londoner Big Ben hört, ist absolut amüsiert. Und verwirrt. Ein Zustand, der anhält. Erst recht beim Besuch einer der Shopping Malls. Die modernste und mit Abstand größte Anlage dieser Art ist die New World Mall (4021 Main St).

Der Food Court im Untergeschoss ist der ultimative Hotspot für Teenager, die von Bubble Tea über scharfe Suppen bis zu handgezogenen Nudeln an Dutzenden Ständen ihr Essen wählen und sich dann an einem der Tische in der Mitte niederlassen, um zu quatschen, zu kichern und sich für Selfies mit dem Handy in Pose zu werfen. Spannend ist neben den Boutiquen im ersten Stock vor allem der J-Mart im Erdgeschoss, ein riesiger Supermarkt.

Wen nach all den Eindrücken jetzt der große Appetit packt, der findet in der ruhigeren Prince Street zwischen Roosevelt und 38th Avenue eine Auswahl sehr guter Restaurants, von Thailändisch über Taiwanesisch bis zu Vietnamesisch und Malaysisch. Und wer dann satt und glücklich wieder in die Bahn mit der Nummer 7 steigt und in circa einer Dreiviertelstunde zurück nach Manhattan reist, dem mögen Kopf und Herz schwirren vor lauter Eindrücken. Doch eines ist gewiss: Die Welt, sie wurde für einen Tag er-fahren.