Reisebericht

Skifahren, wo nachts die Wölfe heulen

Malerisch: Kopaonik in Serbien

Malerisch: Kopaonik in Serbien

Das Wintersportgebiet rund um Kopaonik im Süden Serbiens gilt als schneesichere Schönwetterregion.

Kopaonik. Wer das Glänzen in den Augen von Dragan Jovovic sieht, wenn er seine Sarma an den Tisch bringt, hat keinen Zweifel daran, dass er überzeugt ist von dem, was er dort zubereitet hat. Sarma sind Kohlrouladen aus gesäuerten Weißkohlblättern, meist mit Sauerkraut und geräuchertem Fleisch gegart. Eine serbische Spezialität und das Leibgericht von Novak Djokovic, wie uns der Inhaber des Aparthotels Mount verrät. Der beste Tennisspieler der Welt sei auch wegen der Kochkunst schon mehrfach in der kleinen Herberge abgestiegen und nicht im großzügigen Grand Hotel nur wenige Meter entfernt.

Wir befinden uns in Kopaonik, ein kleiner Ort etwa 250 Kilometer südlich der serbischen Hauptstadt Belgrad. Dieser wäre wohl kaum der Rede wert, würde er nicht das größte Skigebiet des Balkans beherbergen. Djokovic kommt fast jeden Winter hierher, was vor allem daran liegt, dass er ganz in der Nähe aufgewachsen ist und hier auch in Immobilien investiert hat. In seinen Kindertagen lernte er sowohl das Tennisspielen als auch das Skifahren vor der Tür, seine Eltern betrieben auf dem Berg ein Schnellrestaurant. „Novak ist ein guter Skifahrer, wobei gut in Serbien schnell heißt“, erklärt Jovovic.

Was für Djokovic ein Katzensprung war, ist für Skiliebhaber aus dem Norden Deutschlands schon ein wenig aufwendiger zu erreichen. Mit dem Flugzeug nach Belgrad geht es noch recht fix, doch von dort sind selbst mit dem Auto noch rund vier Stunden einzuplanen, ehe Kopaonik erreicht ist. Der wesentlich nähere Flughafen in Nis wird derzeit aus Deutschland kaum angeflogen. Warum also einen solchen Kraftakt in Kauf nehmen?

„Ein Aspekt ist der Preis“, erzählt Aleksandra Milicevic vom serbischen Tourismusverband. „Skipass, Ausrüstung, Unterkunft, Verpflegung – all das ist überhaupt nicht zu vergleichen mit dem, was größtenteils in den Alpen aufgerufen wird.“ Und in der Tat: Ein Bierchen oder ein Glühwein auf der Hütte kostet umgerechnet 1,50 Euro, ein privater Skilehrer im Einzelunterricht 35 Euro für zwei Stunden. Der Skipass für sieben Tage beläuft sich auf kaum mehr als 100 Euro für einen Erwachsenen.

Seit 1981 ist der Wintersportort dank seines Ökosystems ein Nationalpark

Doch Geld ist nicht alles. Kopaonik liegt fast so südlich wie Rom und auch deswegen mit 200 Sonnentagen ein Paradies für Schönwetter-Fahrer. Trotzdem gilt das Gebiet an 160 Tagen im Jahr als schneesicher. Insgesamt existieren 62 Kilometer auf 23 Pisten ab einer Höhe von 1600 Meter für den alpinen und nordischen Skisport. Dank seiner sanften Topografie erinnert Kopaonik ein wenig an Skandinavien. Die Aussicht vom höchsten Berg des Gebirges, dem Pancicev Vrh auf 2017 Meter, können Besucher nach einem Aufstieg per Lift oder auch zu Fuß genießen.

Verglichen mit den Alpen sind die Ausmaße des Skigebietes sicherlich nicht herausragend. Das weiß auch Dejan Spasojevic, der seit mehr als 15 Jahren in Kopaonik als Skilehrer arbeitet. „Wer ein sensationeller Skifahrer ist und an seine Grenzen stoßen möchte, ist hier falsch“, sagt er offen heraus. Dabei habe sich vor allem während der letzten sieben Jahre viel verändert. Knapp 40 Millionen Euro wurden in dieser Zeit in Skilifte, Pisten und die gesamte Infrastruktur investiert.

Der neueste Lift ist mit Sitzheizung, Wetterschutz und freiem WLAN ausgestattet. In diesem wie in allen anderen auch kommen die Brettsportler zudem in den zweifelhaften Genuss schallender Discomusik: Die Betreibergesellschaft – das staatliche Unternehmen Skijalista Srbije – hat einen Sponsorenvertrag mit einem Radiosender. Dennoch sei Kopaonik eher ein Eldorado für entspannte Skifahrer und Anfänger. „Wenn du hier das erste Mal in deinem Leben auf Skiern stehst, kannst du dennoch nach vier oder fünf Tagen schon 70 Prozent des ganzen Skigebietes nutzen. In den Alpen bleibst du oft eine Woche lang auf dem Idiotenhügel“, sagt Spasojevic. Auch Snowboarder werden ihren Spaß haben: Der 450 Meter lange Snowpark ist modern und war schon Ort einiger internationaler Wettkämpfe.

Im Gegensatz zu den sportlichen Herausforderungen ist das Naturerlebnis im Süden Serbiens ungleich höher. Kopaonik erhielt 1981 dank seines Ökosystems den Status eines Nationalparks. Wer auf einem Gipfel stehend den Blick über die Nadelbäume streifen lässt, glaubt den Einheimischen gerne, dass auch Wölfe hier noch zahlreich in freier Wildbahn nach Hirschen jagen. Nicht nach Menschen wohlgemerkt, denn in die Nähe der belebten Pisten trauten sich die scheuen Tiere nicht.

Die Serben sind dagegen alles andere als scheu, vielmehr sehr herzliche Gastgeber. Die Stimmung auf den Hütten ist familiär, die Sportler wärmen sich mit einem „serbischen Tee“, einem warmen, mit Wasser verdünnten Obstbrand inklusive braunem Kandis an den Öfen oder Kaminen auf. Zur in den Alpen typischen Après-Ski-Zeit wird es in Kopaonik allerdings ruhig. „Wer schon am Nachmittag die große Party sucht, wird sie hier nicht finden“, erklärt Spasojevic. Die Serben, die vor den Russen und den Gästen der Nachbarländer die größte Touristengruppe stellen, würden sich in ihren Unterkünften ausruhen, um abends wieder fit zu sein für das gemeinsame Essen.

Als kulturelles Highlight findet in Kopaonik immer im März das Big Snow Festival statt, eines der größten Winterfestivals in ganz Europa. Das Highlight der Saison bringt für einige Tage über 100 internationale und serbische Musiker in den Skiort, die auf zehn Bühnen von Rock über Jazz bis zu Reggae zum Besten geben.

Tennis-Ass Djokovic wird dann wohl schon wieder abgereist sein. Er sei auch eher der ruhige Vertreter, der sich nach dem Genuss der Kohlrouladen lieber ausruht anstatt zu feiern. Deshalb hat Hotelwirt Jovovic auch seine „Suite“ für den Nationalhelden reserviert, zwei Zimmer mit kleinem Sofa und Platz für seinen Hund. Wann er denn kommt? „Wissen wir nicht“, sagt Jovovic. „Aber wir erwarten ihn. Wie auch unsere anderen Gäste. Hoffentlich bald auch aus Deutschland.“