Anbaden auf Usedom

Im Sommer überfüllt, bietet Deutschlands östlichste Insel jetzt Ruhesuchenden ihre ganze Vielfalt zwischen Dünen und Schilfmooren

Eine Million Gäste im Sommer, 35.000 Einwohner im Winter. Jetzt beginnt für manchen Inselfan auf Usedom die schönste – weil ruhigste – Jahreszeit: Offiziell wird sie an diesem Wochenende Ende Januar sogar mit einem Winterstrandkorbfest eingeläutet (23.–25. Januar 2015). Dabei kommen zwei Dinge zusammen, die eigentlich wenig zusammenpassen: ein kurioser, winterlicher Strandkorbsprint, bei dem Zweierteams über 20 Meter einen Strandkorb mitschleppen, und, ebenfalls kein Scherz, die Eröffnung der Badesaison mit dem traditionellen Anbaden, ob bei minus oder plus fünf Grad. Sandra Grüning von der Usedom Tourimus GmbH, dem örtlichen Fremdenverkehrsamt, erklärt: „Das Anbaden findet bei uns traditionell Ende Januar statt; das ist für Hartgesottene der offizielle Saisonauftakt.“

Kräftige Massagen und ein gutes Essen sorgen für körperliches Wohlbefinden

Aber auch für weniger Abgehärtete lohnt sich der winterliche Ausflug auf Deutschlands östlichste Insel. Denn Usedom mausert sich zunehmend zum Winterziel. Wenn sich 445 Quadratkilometer Inselfläche dem ruhesuchenden Urlauber in herber Schönheit entgegenstrecken, lassen sich Seeadler, Kraniche, Kormorane und Rotwild beobachten, fast 1000 Jahre alte Kirchen, aber auch so manches groteskes Erbe aus DDR-Zeiten neu entdecken. Das Hinterland, von vielen Seen, Binnengewässern und Mooren durchzogen, offenbart seine Reize ebenso wie der 42 Kilometer lange und 70 Meter breite Sandstrand an der Ostseeküste, berühmt geworden durch die Kaiserbäder, von denen drei in Deutschland und eins – Swinemünde – in Polen liegen. Denn auch das ist eine Besonderheit Usedoms: Die zerklüftete Insel mit rund 80.000 Einwohnern gehört zu etwa einem Sechstel im Osten zu Polen.

Auch für Birgit Hanusch, Wellness-Chefin im preisgekrönten Strandhotel Ostseeblick in Heringsdorf, ist Hochsaison, wenn es draußen stürmt, schneit oder regnet: Das Hotel, mit seinem „Meerness“-Spa direkt am 42 Kilometer langen Sandstrand gelegen, wurde vom deutschen Wellnessverband im vergangenen Jahr zum besten Wellnesshotel Deutschlands gekürt. „Wir freuen uns riesig über die Auszeichnung“, sagt die 47-jährige Spa-Chefin, die mit Straffungsbehandlungen wie „Muscheln & Meer“ für Bauch, Beine, Po bekannt geworden ist und damit größere Erfolge erzielt als mancher monatelange Fitness-Kurs. Ihr Geheimnis: Algen und Muschel-Extrakte in Kombination mit einer kräftigen Massage brechen Fettzellen auf.

Im „Bernstein“-Restaurant des Hotels Ostseeblick tischt der holländische Kult-Koch Arjan Mensies kreative Fischküche wie Zander mit Tandoori auf. Sein Kollege Tom Wickboldt vom Hotel Esplanade in Heringsdorf hat Usedom kürzlich den ersten Michelin-Stern erkocht.

Nach Spa und gutem Essen kann man, in Ölzeug oder warmen Pulli verpackt, am Strand an der Heringsdorfer Seebrücke spazieren gehen – und auch dabei Wellness tanken: Direkt an der Wasserkante ist in der salzärmeren Ostsee der Salzgehalt am höchsten. Das Einatmen des maritimen Aerosols löst Schleim aus den Atemwegen und macht die Lungen frei, die beste Vorbeugung gegen Husten. Ein anderes Winter-Highlight sind Fahrradtouren quer über die Insel. Besonders verträumt und auf Feldwegen einfach zu durchqueren ist der Lieper Winkel.

Die Halbinsel auf der Insel Usedom hat ihren ruhigen Charme, weit weg vom Rummel der Kaiserbäder. Gestartet wird an der Lieper Dorfkirche, fast 1000 Jahre alt, mit ihrer eigentümlichen Holzkombination aus Altar und Kanzel, dann geht’s querfeldein über Äcker und Waldwege, vorbei aber auch an Ex-DDR-Feriensiedlungen zum Beispiel im Dörfchen Quilitz.

„Praktisch alle DDR-Kinder waren irgendwann mal auf Verschickung in Usedom“, weiß Sabine Bellinger, die von der Insel stammt, und zusammen mit ihrem Mann Axel Bellinger, einem aus Westfalen Zugezogenen, die Fahrradtouren veranstaltet. Die schönsten Ferienhäuser, erzählt Sabine Bellinger während der Tour, waren für „verdiente Stasi-Mitarbeiter reserviert“.

Der Schlossherr lädt zu Barbecue und selbst gebrautem Bier

Mitten in die winterliche Natur führt eine Insel-Safari mit Gunnar Fiedler. Kaum gestartet, entdeckt der junge Inselkundige einen riesigen Seeadler am Himmel. „Zur Wende gab’s hier nur drei Brutpaare“, erklärt er, „jetzt sind es 22, die größte Dichte in ganz Deutschland.“ Wie einen schweren Fächer breitet der Greifvogel seine schwarzen Schwingen aus. Schwarzblau ist auch die Frucht, die Safari-Chef Fiedler von einem Strauch pickt: Oliven? Trauben? „Schlehen“, verrät der 38-Jährige: „Erst wenn sie einmal Frost abbekommen haben, schmecken sie.“ Die Bio-Touren für naturentwöhnte Städter hat Fiedler zusammen mit seinem Vater ins Leben gerufen. Ob im Jeep oder zu Fuß auf glitschigen Moorwegen: Fiedler führt seine Kunden auch an die Drehorte der neuen ARD-Krimireihe „Mörderhus“, die im Herbst startete. Gut, dass Gunnar Fiedler weiß, wo die sicheren Pfade durch die gruselige Landschaft führen. Usedom ist nicht nur, wie andere Inseln, von Wasser umgeben, sondern durchtränkt von Wasser. Rund 15 Prozent der Naturschutzgebiete sind Moore.

Wer seinen Blick im Winter ins Usedomer Hinterland richtet, will nach seinen rau-romantischen Ausflügen mit Rad oder Jeep nur noch ins Warme. Dann landet er früher oder später auf MeckPomms unterhaltsamsten Schloss und beim ungewöhnlichsten Schlossherrn. Als vierter Besitzer nach der Treuhand hat Jan Fidora aus dem verwahrlosten Wasserschloss Mellenthin eine Goldgrube mit eigener Brauerei, Kaffeerösterei und Ritter-Barbecues gemacht. Zum Essen, auf ein selbst gebrautes Bier oder auf zu einem der beliebten Themenabende strömt halb Usedom in das Schloss, in dem die Gäste auf Holzbänken sitzen und sich in den blitzblank polierten, kupfernen Bierkesseln spiegeln.

Im Sommer blühen Ulmen, Linden und Blutbuchen im romantischen Schlossgarten, in dem Einheimische ebenso gerne wie Touristen flanieren. Mit Engelsgeduld und Eigenkapital hat die Familie Fidora die Ruine saniert. Und Fidoras nächster Plan steht schon: Auch eine Schnapsbrennerei will er in den Gemäuern aus dem zwölften Jahrhundert etablieren. „Als ich zum ersten Mal herkam, hatte ich von Usedom noch nie gehört“, erzählt der junge Hotelwirt, Brauer und Mälzer lachend, „jetzt bin ich der Insel verfallen.“