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Große Oper in Bhutan

Thimphu bei Nacht – das ist große Oper. Trotzdem wünscht man sich irgendwann nichts sehnlicher, als dass der Vorhang fällt. Doch die musikalischen Akteure – denken nicht daran.

Ein Held im besten Alter, strenger Herrscher, blafft sein Gefolge an. Höflinge winseln, hoffen auf Brocken von seiner Tafel, Damen betteln um die Gunst ihres Herrn. Plötzlich ertönt aus der Tiefe des Raumes kräftiges Gebell, ein neuer, selbstbewusster Ton. Wagt da ein junger Springinsfeld den Kampf um Macht und Krone? Dienstboten kläffen, ausgemergelte Geister brechen in heiseres Gehechel aus, ein lahmer Veteran, der zu viele Schlachten geschlagen hat, knurrt dazu.

Thimphu, die Hauptstadt des Königreichs Bhutan, hat 80.000 Einwohner – Hunde sind es um die 5000. Mit Einbruch der Dunkelheit übernehmen sie das akustische Kommando. Der Besucher wälzt sich ruhelos im Hotelbett und lässt die Bilder des Tages am inneren Auge vorbeiziehen: Rindfleischstreifen, die in der Sonne trocknen. Graue Steinklopferinnen aus Nordindien am Straßenrand. Von Betelnüssen rot gefärbte Zahnstümpfe. Dächer, von denen Holzphalli baumeln, als Schutz gegen böse Geister.

Just als der Gast hinüberzudämmern beginnt, steigert sich das Geschehen im Dunkel zur leidenschaftlichen Auseinandersetzung, einem Verwirrspiel von Liebeshändel und Futterneid, Speichelleckerei und Mut.

„Okay, liebe Bhutaner“, brummt der Schlaflose und wirft sich auf die andere Seite: „Hunde sind in euren Augen die intelligentesten Tiere. Nicht ausgeschlossen, dass der eine oder andere als Mensch wiedergeboren wird. Bleiben wir also höflich. Man könnte sich ja mal wieder begegnen.“

In diesem Augenblick explodiert der Konflikt in einem Finale furioso. König und Widersacher lassen ihre Truppen aufmarschieren, jagen sie aufeinander los und stürzen sich selbst ins Schlachtgetümmel.

„Liebe Bhutaner“, denkt der Gast und versucht, die Zipfel der Bettdecke so tief wie möglich in die Ohren zu schieben. „Es ist großartig, dass ihr in der Verfassung ,Gross National Happiness‘ verankert habt, das Bemühen des Staates um das Glück seiner Bürger. Könntet ihr nicht eines auf ungestörte Nachtruhe dazuschreiben?"