Begegnungen am Wasserloch

Fotosafaris in Simbabwe werden wieder begehrter. Zunehmender Tourismus ist auch eine große Hoffnung der Bevölkerung, die mit sehr hoher Arbeitslosigkeit zu kämpfen hat

Die Schönheit Simbabwes trifft einen in Matobo mit ganzer Wucht. Eine halbe Autostunde von der Vier-Millionen-Metropole Bulawayo entfernt, erheben sich die Berge im 440 Quadratkilometer großen Matobo-Nationalpark. Bizarre Felstürme ragen in die Höhe. Manche so schief, dass zu befürchten steht, sie könnten jeden Moment zusammenfallen. Tun sie aber nicht, oder wenigstens nur ganz selten. Es scheint, als sei vor Millionen Jahren ein Riese durch die Berge gewandert und hätte Türme aus Steinchen gebaut.

Die afrikanische Herbstsonne im Mai taucht das Land in ein fast surreales Licht. Von hier aus hat sich vor vielen Tausend Jahren der Homo sapiens auf den Weg gemacht, die Erde zu bevölkern. Hier, auf dem World’s View, liegt Cecil Rhodes begraben, der Mann, der dem Land den Namen Rhodesien gegeben hat. Rhodes hat im Auftrag der britischen Krone das Land kolonialisiert und ausgebeutet. Am 26. März 1902 ist er gestorben. Sein Sekretär und Lebensgefährte – Rhodes’ Homosexualität ist tabu in Simbabwe – liegt wenige Meter entfernt im Fels begraben.

Unser Guide Zeph fährt uns zu einer der Höhlen, in denen vor 4000 bis 6000 Jahren die Höhlenmenschen ihre steinzeitliche Sicht der Dinge an die Felswände malten. Die Höhle heißt Nswatugi Cave. Brillant gezeichnete Giraffen, Zebras und Gnus zeugen von einer enormen Beobachtungsgabe unserer Vorfahren. Hier in Matobo findet sich eine der umfangreichsten Ansammlungen von Steinzeitkunst und späteren Höhlenmalereien der Buschleute. Heute gehören die Höhlen zum Unesco-Kulturerbe.

Zeph erzählt, dass die Naswatugi-Höhle unter den Einheimischen „Place of Jumping“ heißt. Der felsige Höhleneingang hat eine lichte Höhe von etwa sechs Metern. „Wer früher vor Gericht landete, hatte die Wahl, entweder hier herunterzuspringen oder ins Gefängnis zu gehen“, sagt Zeph. Wer den Sprung überlebte, war ein freier Mann.

Sonnenuntergänge in Afrika sind kurz, das Farbenspiel aber ist überwältigend

Wir treffen Edward im Pomongwe Museum. An der Wand des Museums, ein 30 Quadratmeter großer Raum, hängt ein Bild von Präsident Robert Mugabe. Edward zeigt uns eine zweite Höhle. „Hier wurde versucht, die Zeichnungen zu konservieren. Sie haben sie mit Farbe übermalt“, sagt er. Das Ergebnis ist eine Katastrophe. Die Malereien sind zerstört. Etwa 20 Besucher hat er in der Woche. Das wird sich ändern. Der Tourismus kehrt zurück.

Die Sonne geht früh und schnell unter in Afrika. Unseren Sundowner – Zeph serviert Gin Tonic – trinken wir auf den Felsen von Matobo. Wenn die Sonne das Land in sattes Orange taucht, sind die Eindrücke überwältigend. Den von Zeph versprochenen Leoparden sehen wir nicht mehr auf der Heimfahrt. Zurück im Big Cave Camp in den Felsen von Matobo, treffen wir John und seine Frau Erika beim Abendessen. Die beiden weißen Rentner aus der Hauptstadt Harare machen Urlaub. Beide sind in Simbabwe geboren. Johns Urgroßeltern wanderten im 19. Jahrhundert mit einem Ochsenkarren von England nach Simbabwe aus, auf der Suche nach einem besseren Leben. „Wir brauchen Touristen, die die Schönheit von Simbabwe entdecken wollen“, sagt der pensionierte Buchhalter. Onkel Bob nennen sie Mugabe hier. Es ist nicht klug, offen Kritik an ihm zu üben. „Wenn er diese Intelligenz dazu nutzen würde, das Land aufzubauen, wäre es nicht so schlecht um uns bestellt“, so John. Johns Kinder sind nach Australien ausgewandert. Hier haben sie keine Chance auf einen Job. Aber für sie beide sei Auswandern keine Option. Sie lieben ihre Heimat, auch wenn Onkel Bob es den Menschen, weiß und schwarz, schwer macht. So wie John und Erika denken viele Simbabwer. „We make a plan“, heißt es immer wieder. Will sagen: „Irgendwas fällt uns ein, wie wir Morgen überleben.“

Seit 1980, seit der Unabhängigkeit der britischen Kolonie, heißt das Land wieder Simbabwe. Die einstige Kornkammer Afrikas ist wirtschaftlich am Boden. Die Arbeitslosenquote liegt nach Schätzungen zwischen 70 und 90 Prozent. Offizielle Zahlen gibt es nicht. Die Hoffnung der Menschen ist der Tourismus. Fotosafaris in Simbabwe sind schwer im Kommen. In Harare klammert sich der einstige Unabhängigkeitskämpfer und inzwischen greise Diktator Robert Mugabe krampfhaft an die Macht und an sein Terrorregime. „Wir brauchen einen Machtwechsel. Aber Onkel Bob hat in den vielen Jahren so feste Strukturen geschaffen, dass eine neue Regierung Probleme haben wird, die aufzuweichen“, sagt John.

Am nächsten Morgen rekeln sich die Klippschliefer in den ersten Sonnenstrahlen auf den Felsen. Sie sehen aus wie zu groß geratene Murmeltiere und sind mit Elefanten verwandt. Lynn aus Bulawayo holt uns ab. Sie bringt uns in den dreieinhalb Autostunden entfernten Hwange-Nationalpark, in unser nächstes Camp. Auch ihre Vorfahren kamen aus England. Lynn arbeitete als Krankenschwester im Busch. Dann verlor sie ihren Job, wie viele andere hier. Jetzt macht sie eine Ausbildung zum Guide. „Vor vielen Jahren“, sagt sie am Steuer ihres Van, „spazierte ein Elefantenbulle quer durch Bulawayo. Das Einzige, was er auf seiner Reise kaputt gemacht hat, war eine Wäscheleine.“ Immer wieder wird die Fahrt durch Roadblocks gestoppt. Polizisten haben die Autobahn abgeriegelt. Sie halten die Fahrzeuge an; wer Pech hat, zahlt. Die Fantasie der Polizisten, was mögliche Vergehen der Autofahrer angeht, kennt keine Grenzen. Lynn behält die Sonnenbrille auf, „die darfst du nie absetzen, wenn sie dich anhalten“, zeigt die Papiere, macht Scherze mit den Ordnungshütern und schafft es, ungeschoren davonzukommen.

Vom Hauptcamp geht es mit dem Toyota Landcruiser durch den Busch auf Kalahari-Sandpisten zum Davison Camp. Eine Puffotter, sie zählt zu den gefährlichsten Giftschlangen, hat sich am Wegrand zusammengerollt, bereit zum Angriff. Zebras grasen, ein Marabu stolziert majestätisch durch das Buschgras. Wir machen Pause an einem Wasserloch und genießen im Busch den Sonnenuntergang. Die Temperaturen sinken schnell in den Abendstunden. In der Dunkelheit erreichen wir das Davison Camp. Hier braucht man kein Handy – es gibt keinen Empfang. Wir sind in der Tat „out in the digs“, in der Mitte von nirgendwo. Das Camp besteht aus festen Zelten, verbunden mit Holzstegen – nach der Begegnung mit der Puffotter ein echter Beruhigungsfaktor. In der Mitte, unter einem Holzdach, wird gegessen. Ein Leopard sei heute in der Nähe des Camps gewesen, heißt es bei der Ankunft. In der Nacht zieht nur eine Herde Wasserbüffel brüllend am Camp vorbei.

Am nächsten Morgen werde ich von „Leopardengebrüll“ geweckt. Das müssen mehrere sein. Das Signalhorn ist in greifbarer Nähe. Ein Blick durch das Moskitonetz lässt mich lachen. Die Leoparden sind keine. Eine Horde „Baboons“, Paviane, streitet lautstark um die besten Plätze auf einem Holzstamm vor meinem Zelt und beobachtet mich. Wer ist hier eigentlich auf Safari?

Vom Camp aus hat man freie Sicht auf ein großes Wasserloch, in dem die Elefanten ein ausgiebiges Morgenbad nehmen. Das Posaunen und Planschen lässt erahnen, wie sehr die Tiere das Bad genießen. Nach dem Frühstück nimmt unser Guide Elliot uns zu einem Game Drive in den Busch mit. Eine Elefantenkuh mit ihrem Kalb ist nicht amüsiert über den morgendlichen Besuch. „Wenn ein Elefant sich dir in den Weg stellt und stehen bleibt, will er dir sagen: ‚Bis hierher und nicht weiter!‘ Dann rede ich mit ihm. Die Tiere verstehen das, und ich respektiere ihre Grenzen“, erklärt der Mann.

Zu Fuß, Elliot schultert sein Gewehr, geht es in den Busch hinein. Und plötzlich trifft es einen knüppeldick: Dies ist nicht der Streichelzoo in Lauenbrück. Elliot strahlt Ruhe und Sicherheit aus. „Bleibt ganz dicht hinter mir“, sagt er. „Wenn Gefahr droht, geratet nicht in Panik.“ Wir sehen Giraffen. Elliot erklärt uns, wie Termiten ihre Hügel aufbauen und warum Termiten für Buschleute eine Delikatesse sind. Probieren möchte die possierlichen Kleintiere aber niemand. Der Guide grinst und zeigt uns einen Talk-Talk Beatle. Die Käfer verständigen sich durch Klicklaute über weite Distanzen. Seine Leute, erklärt er, hätten in ihrer Sprache diese Klicklaute übernommen.

Auf dem Rückweg sehen wir Flying Bananas. „Im Norden“, sagt der Guide, „nennen sie die Vögel Flying Chillis, weil dort ihre großen Schnäbel nicht gelb, sondern rot sind.“ Dann entpuppt Elliot sich als Geschichtenerzähler, eine echte Spezialität seiner Landsleute. Er zeigt auf eine Gruppe Wasserböcke und deren kreisrunden, weißen Ring um das Hinterteil. „Als der liebe Gott die Tiere auf die Arche Noah einlud, stellten sich die Wasserböcke als Erste in die Reihe. Im Schiff mussten sie zur Toilette. Und weil die noch frisch gestrichen war, bekamen sie die weißen Ringe“, erzählt er. Später im Camp rückt Elliot mit einer anderen Erklärung raus. Die Wasserböcke haben den weißen Streifen vielleicht auch von den Zebras bekommen, beim Schlangestehen vor der Arche Noah.

Zwei Tage später sitzen wir in einer Cessna 206, unter uns der mächtige Kariba-Stausee, 260 Kilometer lang. Das Ziel, die letzte Station auf dieser Foto-Safari durch Simbabwe: das Ruckomechi Camp im Mana-Pools-Nationalpark – ein Highlight unter Safari-Kennern. Das Camp liegt am Sambesi, dem Grenzfluss zu Sambia im Norden. Auch wenn der Fluss zum Baden einlädt, Krokodile, Flusspferde und Elefanten haben den Vortritt. Den versprochenen Leoparden haben wir nicht mehr gesehen. Vielleicht beim nächsten Mal.