Die Sonnenstube der Schweiz

Im Tessin treffen italienische Lebensweise und eidgenössische Präzision aufeinander. Hier befindet sich das einzige Tee-Anbaugebiet Europas

Die kleinen Blättchen sehen aus wie jedes junge Blatt, frisch und hellgrün. „Aber es sind die teuersten“, sagt Peter Oppliger, der Tee-Experte vom Monte Verità oberhalb von Ascona. Vier bis sechs Kilogramm Tee werden hier jedes Jahr geerntet, ein Beweis für das milde Klima im südlichsten Kanton der Schweiz, das ihm den Ruf der Schweizer Sonnenstube eingebracht hat. Oppliger führt durch die kleinen, in leichten Bögen angepflanzten Teesträucher, berichtet über die Blütezeit zwischen Herbst und Januar, und der Blick der Besucher geht bei diesen Worten hoch in die Bergspitzen, die zu jeder Jahreszeit weiß verkleidet sind – mal mehr, mal weniger. Peter Oppliger gibt seinen Besuchern die Erklärung für die unerwartete Plantage in der Schweiz. „Der See wirkt wie ein Wärmespeicher. Die warme Luft aus Italien erwärmt das Wasser, und dadurch sind hier auch im Winter die Temperaturen recht mild.“ Im Mai erfolge dann hier die einzige Teeernte in Europa, sagt der Fachmann.

Im angrenzenden Teehaus kann sich der Besucher über den Anbau und die Geschichte des Tees informieren, oder an einer Teezeremonie teilnehmen. Dort liest man auch, dass Tee botanisch Camellia sinensis heißt und somit zur Familie der Kameliengewächse gehört, die man hier entlang des Lago Maggiore und auf den Hängen in allen Größen und Farben sehen kann.

Hat man einmal die endlos erscheinende Treppe auf diesen Monte Verità hinter sich, so fasziniert nicht nur der Teeanbau. Vielmehr sind es der Berg und seine Geschichte. Denn Künstler, Philosophen und Utopisten gründeten hier zu Beginn des 20. Jahrhunderts eine Kolonie für Freidenker, Vegetarier und Liebhaber der Natur. Langsam entwickelte sich ein Kunstzentrum, und als der deutsche Baron von der Heydt die Gesamtanlage kaufte, wurde der Berg zu einem beliebten Treffpunkt für Persönlichkeiten aus Kultur, Politik und Kunst – der Jetset der damaligen Zeit, aber mit Hang zur Natur. Heute ist die Anlage Eigentum des Kantons Tessin, wie es der Baron testamentarisch bestimmt hatte. Mittelpunkt ist das Hotel, erbaut 1927 bis 1929 im Bauhaus-Stil von dem Architekten Emil Fahrenkamp. 2013 ist das Hotel Preisträger der ICOMOS-Auszeichnung „Historisches Hotel des Jahres“ geworden.

Von hier oben hat man einen wunderschönen Blick auf Ascona, das Bergmassiv und den See mit den beiden Brissago-Inseln. Auch sie sind mit ihrer Sammlung von mehr als 1700 seltenen Pflanzen und Blumen subtropischen Ursprungs aus allen fünf Kontinenten (z. B. die Kängurublume aus Australien) ein Zeugnis für das ganzjährig milde Klima dieser Region und ein Muss für Freunde der Botanik.

1928 hatte der Hamburger Kaufmann Max Emden die Inseln der russischen Gräfin Antoniette de St. Léger abgekauft und ließ die Villa Emden bauen (heute Hotel und Restaurant), die der Pracht des Gartens entsprechen sollte. Wir schlendern mit Verena Floeri durch die Parzellen der fünf Kontinente, vorbei an riesigen Bambusgewächsen, beeindruckenden Hanfpalmen und ägyptischem Papyrus. Überall ist man in Versuchung, kleine Ableger einzustecken. Trotz Verbots würde das vielleicht klappen, aber das Klima können wir nicht mitnehmen, und so lassen wir die zarten Pflänzchen in ihrer traumhaften Umgebung unberührt.

Tägliche Schiffsrouten verbinden die malerischen Städte am See

Zwischen Mitte April bis Mitte Oktober sind die Inseln täglich mit dem Schiff zu erreichen. Die Schiffe fahren verschiedene Orte am See an, alle Gemeinden laden zu Ausflügen in die Umgebung und Bergwelt ein. Sehenswert ist Ronco oberhalb von Porto Ronco mit schönen Gebäuden, die ihren Ursprung im Mittelalter haben.

Ab September/Oktober, wenn das Klima gemäßigter wird und die Landschaft touristisch etwas zur Ruhe kommt, beginnt hier eine ganz besondere Jahreszeit. Je nach Art und Sorte öffnen sich die Kamelienblüten und verwandeln viele Gärten und Parks in ein Blütenmeer, denn die Pflanze mag keine Sommersonne. „Sie braucht Frische und blüht dann bis etwa Ende März“, sagt Verena Pedrotta, die durch den Kamelienpark am Lido von Locarno führt. Die jährliche Ausstellung ist die größte ihrer Art in Europa und zeigt etwa 900 Sorten der Pflanze. Der Park ist ganzjährig geöffnet, 2015 findet die Ausstellung vom 25. bis 29. März statt. Für Gartenliebhaber ist auch der Botanische Garten Gambarogno ein Muss. Er wurde in den 50er-Jahren von Otto Eisenhut gegründet. Der Baumschulist, der Magnolien veredelt und auf über 17.000 Quadratmetern Tausende farbig blühender Pflanzen gezogen hat, wurde 2006 durch die Royal Society für seine Arbeit ausgezeichnet.

Aber nicht nur Blumenliebhabern ist das Tessin zu empfehlen, auch für Sportler hält die Umgebung ein großes Angebot bereit. Wandern, klettern, Rad fahren, golfen – und der See bietet natürlich in der Sommerzeit ein großes Revier für Segel- und Sportbootliebhaber. Hat man das Glück, dass das Hotel eine Ausfahrt im eigenen Motorboot über den See anbietet, so wird einem die Schönheit der Bergwelt in Kombination mit dem Wasser richtig bewusst.

Beim Anfahren des Anlegers von Ascona bemerkt man, dass alle zuschauen, wer da anlegt und ob das Manöver gut klappt. Sehen und gesehen werden, das ist hier bis heute wichtig. Es treffen italienische Lebensweise und die Präzision der Schweiz aufeinander. „Hier kann man genießen, und die Dinge funktionieren auch“, wie der Besitzer der Giardino Hotel Gruppe, Philippe Frutiger, die Lage beschreibt – und mir kommt die auf die Minute pünktliche Ankunft mit dem Zug in den Sinn.

Nur etwa fünf Stunden Anreisezeit ist diese schöne Gegend von Hamburg aus entfernt, in den Herbstmonaten gibt es in vielen Orten kleine Feinschmecker- Events. So findet zum Beispiel vom 26. bis 28. September in Mendrisio das Traubenfest „Sagra dell’uva“ statt – mit Wein aus den Tessiner Merlot- Trauben. Und wem es gefällt, der bleibt noch ein paar Tage, bis dann vom 3. bis 5. Oktober in Lugano das große Herbstfest beginnt. Auf der „Festa d’autunno“ bekommt man alle Köstlichkeiten der Region, sei es Wein, Käse, Salami, Marmelade oder Likör. Oder man nimmt am 4. und 5. Oktober 2014 an der „Festa delle castagne“ in Ascona teil. Von der Röstkastanie bis zur Marmelade findet man hier alles, was aus der braunen Frucht gezaubert werden kann. Und erneut spürt der Besucher, dass sich hier zwischen den Schweizer Bergen, in seinen Tälern und Dörfern noch viel Kulturgut und Tradition bewahrt haben, die sich heute vorzüglich mit dem Dolce Vita des südlichen Nachbarn ergänzen.