Die Entdeckung der Langsamkeit

Kreuzfahrt der anderen Art: Die MS „Ellen“ ist stolze 129 Jahre alt und das Meer an Schwedens Westküste mit vielen kleinen felsigen Schäreninseln gespickt

Die ersten Stunden an Bord verwirren wie in einem Irrgarten. Wo eben noch offenes Meer schien, blockieren nun Granitbrocken den Weg. Umkehren? „Aber nicht doch“, sagt Roy Thornström lachend, „dort vorne gibt es eine Fahrrinne zwischen den Felsen.“ Der Kapitän steuert leicht nach Backbord, und die MS „Ellen von Bohuslän“ gleitet so nah an Steinwänden vorbei, dass man sie fast von Deck aus mit der Hand berühren könnte. Ein neues, nahezu ländliches Panorama eröffnet sich, mit ruhigem, tiefblauem Wasser, rötlich-grauen Schären und einer Wiese voller zotteliger Schafe. Und wo ist nun das weite Meer? „Gleich um Ecke.“ Roy weist Richtung Nordwest. Schwedens Westküste steckt voller Überraschungen: Mehr als 8000 Inseln und Zigtausende Felskuppen liegen wie ein Schutzwall zwischen der rauen See des Skagerraks und dem grünen Landstrich von Göteborg bis zur norwegischen Grenze.

Bohuslän heißt diese Region, Schauplatz einer außergewöhnlichen Seefahrt. Nicht mit einem modernen Cruise Liner, der in den Schären stecken bleiben würde. Sondern mit der betagten MS „Ellen von Bohuslän“, 1885 im schwedischen Motola gebaut. Ein Dampfer, der längst mit Diesel läuft, in seiner Jugend Holzstämme zu Papierfabriken bugsierte, 1979 zum Passagierschiff avancierte und seit 2014, restauriert und modernisiert, fünftägige Kreuzfahrten zwischen Göteborg und Grebbestad unternimmt. Mit nur zwei Metern Tiefgang umschifft „Ellen“ alle Klippen, bietet vom Sonnendeck immer wieder neue Ausblicke und im Salon Stärkung bei der Fika, Schwedens traditioneller Kaffeepause.

Dass die 129 Jahre alte Dame mit nur fünf bis sechs Knoten unterwegs ist und höchsten 40 Passagiere aufnimmt, macht die Schärentour zu einem beschaulichen Unternehmen. Kein Bingo, keine Bespaßung, nur ein paar erklärende Hinweise des Kapitäns – Kreuzfahrt ganz anders. Seehunde recken unterwegs staunend ihre grau-schwarzen Köpfe aus dem Wasser, und auch Mathilde, im Schweizer Luzern zu Hause und geschätzt halb so alt wie das Schiff, kommt aus dem Staunen nicht heraus: „Felsen haben wir ja auch, aber kein Meer dazwischen. Mit dieser Fahrt habe ich mir einen Lebenstraum erfüllt.“ Sie und andere Passagiere schauen immer wieder bei Roy auf der Brücke vorbei, wobei der Kommandostand der „Ellen“ mehr eine kleine enge Kammer ist, vollgestopft mit nautischem Gerät wie einem Hightech-Echolot und einem Steuerrad wie aus dem Bilderbuch.

Überhaupt Roy Thornström! Ein 52-jähriger Fahrensmann, mit allen Meereswassern gewaschen, der sich ein Leben auf Land nicht vorstellen kann. Zusammen mit der zweiköpfigen Crew schläft er nachts auf der „Ellen“, während seine Passagiere Quartier in bequemen Hotelbetten in Hafennähe nehmen. Die übrige Zeit wohnt er auf seinem Segelboot im Göteborger Hafen, sommers wie winters. Jeden Morgen begrüßt er gut gelaunt seine Gäste, immer in einem strahlend weißen Hemd, die grauen Haare kurz geschnitten, voller Wissen über die Westküste – wo man Seehunde beim Sonnenbad beobachten kann, wo die leckersten Hummer hausen und wo die Göteborger nackt abtauchen: am Svarte Udde auf der Südseite der Insel Marstrand.

Diese autofreie Urlaubsinsel rund 50 Kilometer nordwestlich von Göteborg ist die erste Station der Kreuzfahrt und signalisiert zugleich, warum sich die Reederei der „Ellen“ Kulturbåtarna nennt, Kulturschiffe. Die Besichtigung der Festung Carlsten auf Marstrand gehört ebenso wie der Besuch des „Sillmuseums“ auf der Insel Klädesholmen zum Programm. Dort erfährt man alles über den Hering, der früher in riesigen Schwärmen die Küste besuchte und heute in reduzierter Form als westschwedisches Sushi die Vorspeisenteller ziert. Wenn nicht gerade Krabbensalat, Dorsch, Lachs, Makrele oder Seeteufel auf der Menükarte stehen, serviert an Algenknäcke. Zumindest beim Speiseplan verliert man das Meer nie aus dem Blick.

Doch Schwedens West Coast Story ist nicht nur die Geschichte der Fischer, sondern auch der Künstler: Die See aus deren Perspektive zeigt das in die Klippen gebaute Nordische Aquarellmuseum auf der Insel Tjörn. Auf den Spuren der Krimis von Bestsellerautorin Camilla Läckberg lässt sich in Fjällbacka wandeln, wo Kommissar Patrik Hedström samt Ehefrau Erica Falck nun schon im achten Band Bösewichter jagen. Auch Hollywoodlegende Ingrid Bergman liebte diesen Ort und die davor liegende Insel Dannholmen als Sommerziel so sehr, dass ihre Asche nach dem Tod 1982 dort in den Schären verstreut wurde. „As time goes by“, die Zeile aus dem legendären Song im Filmklassiker „Casablanca“, steht an ihrem Denkmal am Hafen von Fjällbacka.

Da müssen dringend Zimtschnecken aus Setterlings Bäckerei die Stimmung aufhellen. Zwar soll Ingrid Bergman hier bevorzugt Baiser-Berge mit Mandelsplittern gekauft und geknabbert haben, doch mit einer zuckrig-gelben Kanelbulle findet man rascher und krümelfreier in die schwedische Realität und zum Schiff zurück. Roy lässt die Leinen losmachen, hält Kurs Richtung Norden zur letzten Station der Seereise, wo rund um den Ort Tanumshede die aus der Bronzezeit stammenden, als Unesco-Welterbe geschützten Felsritzungen warten, die das damalige Leben mit seinen Booten und Tieren, mit Jagd- und Liebesszenen schildern.

Ein Blaues Band für die schnellste Schären-Durchquerung ist mit der „Ellen“ nicht zu gewinnen. „Wir haben gerade mal etwas mehr als 70 Seemeilen in fünf Tagen zurückgelegt“, verblüfft Käpt’n Roy seine Passagiere, also rund 130 Kilometer. Gefühlt aber viel mehr, weil die Langsamkeit alle Eindrücke intensiviert: Bilder von bunten Fischerhäusern in kleinen Buchten, von einsamen Holzhütten hoch oben im Fels, von vorbeifahrenden stolzen Seglern und wackeren Kanuten, von einer sich immer wieder verändernden Landschaft, mal karg, mal satt grün und bewaldet. Und vom allgegenwärtigen Granit, an manchen Stellen rund geschliffen in Millionen von Jahren, an anderen schroff aufragend. Granit, der nicht immer nur im Weg steht, sondern ihn auch ebnet: Mit Granitsteinen aus Bohuslän ist der Hamburger Rathausmarkt gepflastert. Quasi ein Kreuzfahrt-Souvenir, das einem zu Hause zu Füßen liegt.