Kroatische Küste

Die alte Dame und das Meer

Seit fast einem halben Jahrhundert tuckert die Fähre „Liburnija“ an Kroatiens Küste hoch und runter. Luxus darf man an Bord nicht erwarten. Eine Reise mit dem Schiff ist für viele dennoch der beste Auftakt ihres Urlaubs.

Der Wetterdienst meldet: leichte Brise aus Nordnordost, dazu 27 Grad und wolkenloser Himmel. „Ein Wetter für die alte Dame“, sagt Zdenko Radić, der Kapitän auf der Brücke. Er steht dort im kurzärmeligen weißen Offiziershemd und blickt auf das Meer. Jenseits der Hafenmauer von Rijeka wartet eine wie glatt gebügelte Adria.

Es gibt Tage, an denen sich dieses Meer zu sechs Meter hohen Wellen auftürmt, an denen die Bora, dieser gefürchtete Wind aus Norden, oder der Jugo aus Süden die Küste heimsucht. „Wellen, die höher als vier Meter sind, bereiten ihr Schwierigkeiten“, sagt Radić, „schließlich ist unsere Dame nicht nur alt, sondern auch klein.“ Ihr Baujahr: 1965. Sie ist zwar mit Radar und GPS ausgestattet, steuern lässt sie sich aber nur von Hand. Anders als moderne Schiffe hat sie auch keine Stabilisatoren gegen das Schwanken bei Wellengang. „Dafür hat sie eine Seele“, sagt Zdenko Radić und klopft auf die Holzleiste der Reling. Seit 1997 ist er Kapitän auf der „Liburnija“; 59 Jahre alt, ein Mann mit kräftigen Unterarmen und einem Anker-Tattoo, das er sich in jungen Jahren selbst gestochen hat.

Rijeka–Dubrovnik und zurück. Das ist die Route der „Liburnija“. Eine einzigartige Strecke: rund 600 Kilometer entlang der kroatischen Küste vor famoser Kulisse, vorbei an all den bezaubernden Inseln, den zungenbrechenden Krk, Hvar, Korčula, Mljet – dazu meist leuchtend blauer Himmel und tiefblaues Meer. Ein Urlaub in Kroatien kann kaum besser beginnen.

Bis vor ein paar Jahren fuhr die „Liburnija“ noch ganzjährig, mittlerweile nur im Sommer, und wie lange noch, das weiß Zdenko Radić nicht. Die Fähre steht zum Verkauf. Fast ein halbes Jahrhundert ist sie für die Reederei Jadrolinija im Dienst. Aber sie ist nicht mehr rentabel. Eine einfache Passage an Deck kostet 30 Euro, die teuerste Kabine 104 Euro – Preise, die sich für ein nüchtern kalkulierendes Unternehmen nicht lohnen. Aber um sie zu erhöhen, bietet die alte Dame zu wenig Komfort.

Trotzdem können es die Passagiere kaum erwarten, an Bord zu kommen. Schon Stunden vor dem Ablegen haben sich im Hafen zwei lange Autoreihen gebildet, auf der Rampe warten Gruppen von Backpackern. Später wird klar, warum sie es so eilig haben, besonders jene Passagiere, die nicht zum ersten Mal auf der „Liburnija“ fahren.

Das Schiff besteigen: Erni Depner, eine Witwe aus Offenbach, die mit einem befreundeten Paar unterwegs ist zu jenem Ort, an dem sie zuletzt mit ihrem inzwischen verstorbenen Mann Urlaub machte. Rosie, Termite und Markus – drei Studenten, die nach ihrem Abschluss in Edinburgh noch einmal zusammen verreisen, bevor sich ihre Wege trennen. Sowie Eva und Veronika, zwei 18-jährige Sloweninnen, die in Dubrovnik ihren Schulabschluss und das neue Leben feiern wollen. Durch das Autodeck geht es die Treppen hinauf; die Stufen sind so schmal, dass Passagiere mit Schuhgrößen jenseits von 35 einen guten Gleichgewichtssinn brauchen.

Auf Deck 4 befinden sich das Restaurant und die Rezeption. Die „Liburnija“ versprüht sozialistischen Charme in Holzfurnier, mit Plastikstühlen an Deck und einem Fernsehgerät, dem immer wieder das Bild verloren geht. Es gibt zwei Bars, eine drinnen, eine draußen, ein Restaurant – und sonst? Nichts. Keine Läden, keine Spielzimmer, kein Internet. Trotzdem oder vielleicht gerade deswegen ist das alte Schiff bei Urlaubern so beliebt. Sie sind aus der halben Welt angereist: aus Deutschland, England, Frankreich, Australien und Korea. Alle 72 Kabinen: ausgebucht. Selbst die unter dem Autodeck, Wand an Wand mit dem Maschinenraum. Als die „Liburnija“ um 19 Uhr pünktlich im Hafen von Rijeka ablegt, sind 375 Passagiere an Bord, dazu 59 Crew-Mitglieder, 84 Autos und ein paar Hunde. Der Dieselmotor lässt das ganze Schiff vibrieren. In den Kabinen unten hört es sich an, als würden Panzer rollen. Eines ist schnell klar: Es ist nicht die Seele eines Grandhotels, von der Radić sprach.

Die „Liburnija“ fährt mit voller Kraft voraus, Höchstgeschwindigkeit sind 15 Knoten, etwa 28 Stundenkilometer. Bis nach Dubrovnik braucht sie 23 Stunden, wenn nichts dazwischenkommt. Bei der Fahrt zuvor musste Radić unterwegs den Anker werfen lassen, die Kühlwasserpumpe war defekt. Und zehn Tage davor hatte nachts ein junger Slowake völlig betrunken versucht, die Wasseroberfläche zu berühren – aus zehn Metern Höhe. Nach einer Dreiviertelstunde hatten sie ihn aus dem Meer gefischt. Am nächsten Tag bedankte er sich beim Kapitän für sein zweites Leben.

Etwa 160 Betten hat die „Liburnija“. Das heißt, rund 200 Passagiere werden die kommende Nacht ohne Bett verbringen. Deshalb hatten so viele es so eilig, an Bord zu kommen: Wer nicht zu den Ersten gehört, findet keinen guten Schlafplatz. Die gepolsterten Bänke und der Teppichboden in der Bar unter Deck sind schon belegt, selbst unter den Tischen haben Passagiere Isomatten oder Schlafsäcke ausgerollt. Und draußen an Deck ist jede Kiste mit Rettungswesten belegt, sobald sie annähernd die Maße eines Einzelbettes hat.

Auf einer solchen Kiste sitzen nun Eva Nanut und Veronika Blaz. Sie haben sich drinnen nur einen Platz sichern können: Eine von beiden wird also draußen schlafen müssen. „Ich ärgere mich, dass wir nicht rechtzeitig an Bord gegangen sind“, sagt Eva. Sie hätte es wissen müssen, schließlich ist sie nicht das erste Mal auf der „Liburnija“. Jeden Sommer nimmt sie die Fähre, um nach Dubrovnik zu kommen, wo ihre Großmutter eine Wohnung besitzt.

Ihnen gegenüber hat es sich Erni Depner bequem gemacht, so gut es eben geht auf einem harten Schiffsdeck. Sie ist das zweite Mal an Bord. Dieses Mal hat sie auf eine Kabine verzichtet. Bei ihrer letzten Überfahrt hatte die Bora sie erwischt. Es ging rauf und runter, und das bekam ihr und ihrem Mann in diesem engen, stickigen Raum nicht gut. „Ich dachte, dann lieber an der frischen Luft“, sagt sie. Neben ihr sitzt ein alter Schulfreund mit seiner Frau. Er habe das Glück, sagen die Frauen, dass er im Gegensatz zu ihnen überall schlafen könne; „sogar auf einer Leiter“.

Es knistert in den Schiffslautsprechern. Eine Durchsage in vier Sprachen: „Liebe Passagiere, das Restaurant hat für sie geöffnet.“ Neben dem Eingang hängt der Speiseplan: „Spaghetti Bologner Art. Rumpfstuck am Rost. Gebecken Kartoffeln. Kohl. Gemischte Salat. Bisquitrolle mit Marmelade.“ Im Restaurant sind die Tische mit gestärkten weißen Decken drapiert. Die Kellner warten in schwarzen Westen und mit weißem Tuch über dem Unterarm.

„Seit einem halben Jahrhundert ist hier alles unverändert“, sagt Ivica Jurac, der Hotelmanager an Bord, und es klingt nicht bedauernd. Er war 1986 zum ersten Mal auf der „Liburnija“, im Alter von 15, damals noch Putzmann, später Kellner. Früher stand eine Büste von Tito im Restaurant. Eine Zeit lang habe sie in einem der Schränke gelegen, sagt Jurac, und eines Tages war sie verschwunden. Jurac holt Fotos aus seiner Kabine, die ihn als jungen Mann vor der „Liburnija“ zeigen, im Restaurant, an der Rezeption. Es scheint, dass nur er sich verändert hat. Die schönste Erinnerung, sagt Jurac, habe er an die Kriegsjahre. Weil sie viele Menschen aus dem belagerten Dubrovnik retten konnten. Sie räumten die Kabinen und das Autodeck frei und nahmen mehr als 1000 Flüchtlinge an Bord. Auch das gibt der „Liburnija“ eine Seele.

Es beginnt der vielleicht schönste Teil der Reise, vorbei am Kornati-Naturpark. Leider ist es mittlerweile Nacht geworden, von dem Irrgarten aus Riffen und kleinen Inseln sind nur Umrisse zu sehen. Bei Tag hätte man einen exklusiven Blick auf den unbewohnten Archipel aus karstigen Inseln, die in ihrer Gestalt an Kamelhöcker erinnern oder an Riesenschildkröten. Zur Nachtzeit leuchtet der Mondschein auf das Wasser. Es glitzert wie ein Schwarm Fische, der die Fähre begleitet.

Eva und Veronika haben sich in einem Chor in Ljubljana kennengelernt. Seit Jahren schon singen sie zusammen. „Erinnerst du dich an dieses deutsche Lied?“, fragt Eva. Dann singen sie „Wie der Hirsch schreit“, eine Kantate von Mendelssohn Bartholdy, bevor Eva zur Gitarre und Veronika zur Ukulele greift und beide zu den Beatles wechseln. In Dubrovnik wollen sie mit Straßenmusik etwas Geld verdienen.

„Lauter“, ruft Erni Depner, die eine Isomatte ausgerollt und sich auf die Holzplanken gelegt hat. Als es still geworden ist und auch Eva und Veronika längst in die Schlafsäcke gekrochen sind, sagt der Engländer zur Linken: „So cold.“ Und Erni Depner antwortet: „Yes, very cold.“ Wer um diese Zeit über Deck geht, muss aufpassen, nicht über Schlafende zu stolpern. Manche sind perfekt ausgerüstet, manche liegen ohne Unterlage und nur mit einem Handtuch zugedeckt auf dem Holzboden. Dazwischen auch einige Familien mit Kindern. Ein älteres Paar hat sich Plastikstühle zusammengeschoben und schläft halb im Sitzen. Manche tragen eine Schlafbrille. Hier und da leuchtet ein Display im Dunkeln. Oder eine kleine Taschenlampe, auf ein Buch gerichtet.

Am nächsten Morgen um sechs, noch vor der Ankunft in Split, sitzt Eva schon auf der Rettungskiste und sieht aufs Meer. Sie hat schlecht geschlafen, ist mehrfach aufgewacht – rein, weil ihr kalt war, wieder raus, weil sie drinnen keinen Platz fand. „Veronika kann überall schlafen“, sagt Eva kopfschüttelnd und zeigt durch das Fenster in die Bar: Veronika liegt auf einer Bank, die nur halb so lang ist wie sie selbst. „Wie sie das macht, ist mir ein Rätsel“, sagt Eva.

Auch Erni Depner hatte keine gute Nacht, sie hat gefroren und ist um zwei zur Rezeption, um sich eine Decke zu kaufen. Ihr Schulfreund sagt: „Vier Flaschen Weißwein hätten eigentlich reichen müssen, um gut zu schlafen.“ Bei ihm hat es funktioniert. Das Erstaunliche: die gute Laune. Keiner regt sich auf. Man arrangiert sich mit den Unzulänglichkeiten an Bord; vielleicht hat dieses Schiff deshalb eine Seele, weil es sich dem Zeitgeist des bequemen Reisens widersetzt

In Split, hat Eva gesagt, werde die Fähre noch voller. Denn die nächsten Stationen sind die Inseln: Hvar, Korčula, Mljet. Und sie hat recht. Am Kai warten Autos in zwei langen Reihen und Hunderte von Urlaubern, die sich bepackt die Gangway hinaufschieben und auf dem Sonnendeck niederlassen. Die zweite Hälfte der Reise steht noch bevor – und zwar bei Tag. Der Himmel ist wolkenlos, und es wird nicht lange dauern, bis die Sonne Gluthitze erzeugt.

Irgendwann vereint sich das Pulsieren des Diesels mit dem Auf und Ab des Schiffs. Die Rechtecke des Geländers werden zu Rahmen, durch die das Meer zieht. In der Ferne die Vidova Gora, die Hochebene von Brač, mit 778 Metern höchste Erhebung aller kroatischen Inseln. Rosie hat Heft und Stift hervorgeholt und fertigt Zeichnungen an. Erni Depner wartet mit ihren Freunden darauf, dass das Schiff Hvar erreicht. Sie haben eine Ferienwohnung im kleinen Bergdorf Dol gemietet.

Geschützt und wie um einen Fjord drapiert liegt Stari Grad, die zweitgrößte Stadt der Insel, an deren Ausläufern sich Badebuchten verstecken. Nach dem Stopp braucht die „Liburnija“ weitere dreieinhalb Stunden nach Korčula. Voraus erheben sich die Berge Klupca und Kom über Korčula-Stadt, die als einer der besterhaltenen mittelalterlichen Orte am Mittelmeer gilt. Beim Einlaufen sieht man Jugendliche von den Felsen vor der Stadtmauer ins Meer springen. Korčula gilt als Klein-Dubrovnik – nur malerischer. Hier gehen Rosie, Termite und Markus von Bord.

Der vorletzte Halt um 16.15 Uhr ist Sobra auf der Insel Mljet, die sich von den anderen durch ihre Vegetation unterscheidet, mit einem Waldanteil von 90 Prozent und einem großen Nationalpark. Es ist das erste Mal, dass die Dieselmaschinen nicht zu hören sind, weil Zikaden sie übertönen. Dazu der Duft des Sommers, nach Harz und Nadeln.

Als die „Liburnija“ um 18.30 Uhr in den Hafen von Dubrovnik einläuft und neben der „Costa Magica“ und der „Celebrity Equinox“, zwei schwimmenden Bettenburgen, wie die Miniatur eines Schiffes aus vergangenen Zeiten wirkt, wird noch einmal klar, was Kapitän Radić mit der Seele gemeint haben muss. Die alte Dame mag schwach sein. Aber sie hat Persönlichkeit.

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