Unterwegs getroffen

Julian Reiss – der deutsche Denker von Durham

In Nordengland arbeitet der Hamburger Julian Reiss als Professor an der Universität von Durham – manchmal trifft er auch auf Touristen, die in den ehrwürdigen Colleges übernachten

Die Gegend passt zu seinen Gedanken. Frei, harmonisch und voller Weite. Irgendwo kommt ein Horizont, aber auf dem Weg dahin liegen noch zig kluge Überlegungen. Jede Wolke kann ein neuer Ansatz sein, jeder Baum eine neue These. Wenn Julian Reiss durch die nordenglische Landschaft joggt, kommen ihm die besten Ideen. Der Professor lehrt an der Universität von Durham. Er gibt Vorlesungen und Seminare für Studenten der Philosophie, Ökonomie und Politik; ein interdisziplinärer Studiengang, den bereits viele andere kluge Köpfe wie zum Beispiel David Cameron wählten.

Das Wort Durham bedeutet Hügel-Insel. Wer die Stadt nicht kennt, muss sie sich vorstellen wie das Münster von Nordengland: Kirche und Studenten dominieren das Stadtbild. Die Kathedrale gilt als eine der schönsten der Welt, bei einer BBC-Umfrage wählten die Teilnehmer sie sogar zum schönsten Bauwerk Englands. Kathedrale und Schloss stehen seit 1986 auf der Unesco-Liste des Weltkulturerbes; im Kreuzgang wurden Szenen für zwei „Harry Potter“-Filme gedreht. Von den 87.000 Einwohnern sind 15.000 an der altehrwürdigen Universität eingeschrieben. Es gibt 16 Colleges, in denen Touristen in den Semesterferien auch übernachten können. Kein besonders großer Luxus, dafür sehr authentisch.

Nirgends sonst funktioniert Geistes-Sightseeing so gut wie in Durham. Als im Herbst das Buch von Lindisfarne ausgestellt wurde, das älteste intakte europäische Buch, reisten die Ausländer gleich busseweise an. „Manche kamen extra aus Spanien“, erzählt Reiss.

Reiss wuchs in Blankenese auf und studierte in St. Gallen und an der London School of Economics. Der 41-Jährige lebte außerdem in Frankreich, Spanien, den USA und den Niederlanden und seit einem Jahr nun wieder in England. Er glaubt, dass Reisen den Geist erweitert, allerdings nur, wenn man mit den Leuten vor Ort wirklich spricht. „Am meisten lernt man über ein Land, sobald man dort ein Konto eröffnen muss.“

Die Nordengländer empfindet Reiss als außergewöhnlich freundlich und kommunikativ. An der Kasse, beim Taxifahren, im Ruderclub – immer entwickele sich sofort ein Gespräch, erzählt Reiss. Sein Deutsch klingt inzwischen wie das eines Ausländers, man merkt, dass er zunächst auf Englisch denkt und dann übersetzt. Auch sonst würde er nie losplappern, seine Worte sind mit Bedacht gewählt. Der Professor trägt Jeans und Sakko, damit fällt er bei den leger gekleideten Philosophen als overdressed auf, bei den Ökonomen in ihren feinen Anzügen als underdressed. Vieles in Reiss’ Leben liegt also im Auge des Betrachters, was gut zu seiner Forschung passt.

„Alles ist im Kontext zu betrachten, ich tue mich eher schwer mit generellen Aussagen, es gibt keine universellen Gesetze“, sagt er. Und was ist mit dem Gesetz, einander nicht zu töten? Ist das nicht allgemeingültig und anerkannt? „Dann würde es ja nicht ständig überall gemacht. Abtreibung, Sterbehilfe, Kriege. Es gibt tatsächlich keinen moralischen Imperativ, nicht zu töten.“ Auch diese Überlegung passt wieder zur Gegend beziehungsweise wird von ihr untermalt. Die Burg von Durham war die erste Bastion der Engländer gegen die Schotten, die hier früher ständig aufeinanderkrachten. Und nicht weit entfernt befindet sich der Hadrianswall, einst Roms eindrucksvolle Grenzbefestigung, heute eine der bekanntesten Touristenattraktionen Nordenglands. Geschichte und Philosophie spielen bei Julian Reiss’ Forschung häufig ineinander, denn er beschäftigt sich mit Kausalität. Es gibt generelle Kausalitäten (zum Beispiel: „Rauchen verursacht Krebs“ oder „Sport hilft beim Abnehmen“) und spezifische Kausalitäten wie folgende: Hat das Attentat von Sarajevo den Ersten Weltkrieg verursacht oder wäre es auch ohne den Tod Franz Ferdinands so weit gekommen? Wodurch wurde die Finanzkrise ausgelöst? Wie kam es zum Elbphilharmonie-Desaster? „Dafür hilft Kausalität: Wenn wir die Wirkungen in Zukunft vermeiden wollen, müssen wir die Ursachen kennen“, sagt Reiss. „Leider werden viel zu häufig keine Verantwortlichen benannt und private Fehlleistungen auf den Staat übertragen.“ Bei der Elbphilharmonie und dem Bankencrash sei es genauso gewesen. Too big to fail.

Der Professor, der außerdem als Co-Direktor das Forschungszentrum CHESS (Centre for Humanities Engaging Science and Society) leitet, möchte, dass seine Philosophie der Gesellschaft etwas bringt und einen praktischen Nutzen hat. So arbeitet er auch regelmäßig mit Juristen zusammen, um das Recht dahingehend zu beeinflussen, dass gerechter geurteilt wird und Fehlurteile vermieden werden. „Leider wird der Begriff der Ursache oft falsch verstanden oder ausgelegt“, sagt Reiss.

Wenn der Blankeneser sich nicht gerade mit tiefschürfenden moralischen und ökonomischen Fragen beschäftigt („Sollte ein Markt für Nieren eingeführt werden?“) oder mit seinen alten Hamburger Freunden telefoniert, geht er auf den Markt und kocht anschließend erstklassige Gerichte. Oder er fährt an die Nordsee. Frischer Wind für seine Gedanken.

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