Seemeilen & Mehr

Nautische Fragestunde

Das Telefon in der Kabine klingelt: „Haben Sie zu heiß geduscht?“, fragt der Sicherheitsbeauftragte am anderen Ende. Was? Woher weiß der das, fragt sich der Reisende erschrocken? Sind auf diesem Kreuzfahrtschiff im Badezimmer etwa Kameras installiert? Ist das hier eine schwimmende NSA? Nein, erklärt der Mann und lacht, der Rauchmelder in unserem Bad habe Alarm geschlagen. 3200 Stück gibt es davon auf unserem Schiff, der „AIDAbella“, und wer zu viel Dampf produziert oder heimlich auf der Toilette raucht, wird sofort von ihnen entdeckt und verpetzt.

Es gibt ein paar Dinge, die Kreuzfahrt- Anfänger lernen müssen: 1. Niemand darf grüne Socken tragen, denn sie bringen Unglück auf einem Schiff. 2. Wer beim Shuffleboard mitspielen möchte, sollte die Regeln beherrschen und nicht erwarten, dass es sich um einen lockeren Zeitvertreib handelt. Shuffleboard ist kein Spiel. Shuffleboard ist Krieg. 3. Wer nachts ein komisches Klopfen hört, muss keinen Techniker bemühen. Es ist der Klabautermann, der Sie ärgern will, weil Sie noch nicht an ihn glauben.

Am besten schult man sich bei der Nautischen Fragestunde, bei der der Kapitän oder seine Ersten Offiziere das Schiff erklären. Grundsätzlich gibt es auf einer Kreuzfahrt mehr Programmpunkte, als manche Leute in ihrem ganzen Leben zur Auswahl haben: vom Sushi-Kurs über die Poker- Stunde bis zum Theraband Workout – alles wichtig und interessant, aber die Nautische Sprechstunde darf niemand verpassen. Tun auch die wenigsten. So wie bei Fußball-Länderspielen, wenn plötzlich alle zu Bundestrainern werden, versammeln sich hierbei plötzlich ganz viele Hobby- Kapitäne. Ihre Fragen versteht niemand. Wahrscheinlich sind es nicht einmal Fragen, viele persönliche See- Anekdoten kommen darin vor, die das eigene Wissen dokumentieren sollen.

Mich interessiert Praktisches: Warum kippt das Schiff nicht um? Weil sich fast das ganze Gewicht unten befindet. Ein Körper schwimmt, wenn die Auftriebskraft größer ist als die Gewichtskraft. Der Offizier meint, dass man sogar noch ein ganzes Schiff auf die „AIDAbella“ draufstellen könnte, ohne dass wir alle von der Reling purzeln. Ich möchte das ungern probieren. Genauso wenig würde man sich mit dem Anker anlegen wollen (er wiegt neun Tonnen) oder den innen drehenden Festpropellern.

Meine neuen Freunde sind auf jeden Fall die Stabilisatoren, jetzt, da ich erfahren durfte, dass es sie gibt. Diese flügelartigen Teile können die Rollbewegung des Schiffes reduzieren und somit den Bedarf an Spucktüten. Großartige Erfindung. Wunderbar auch die Umkehrosmoseanlage, der Speed Automat und das Safety Center. Unsere „AIDAbella“ ist so ausgerüstet zusammengerechnet bereits 15-mal um die Welt gefahren oder, anders ausgedrückt, fast zweimal bis zum Mond! Im Weltraum bewegt sie sich nur darum nicht, weil sich auf dem Weg dahin keine schönen Häfen befinden. Aber sie könnte es gewiss. Wer sich bei der Nautischen Fragestunde besonders hervortut, bekommt am Ende vom Ersten Offizier eine Urkunde als Leichtmatrose überreicht – und eine Zahnbürste. Was er denn damit solle, fragt der Ausgezeichnete verdutzt. „Die wichtigste Aufgabe eines Leichtmatrosen erledigen: das Deck schrubben.“