Unterwegs getroffen

Einmal Ätna – und kein Zurück

Von Hamburg nach Cefalù auf Sizilien verschlug es die Säuglingsschwester Kristina Aldag. Statt Kinder auf die Welt bringt sie nun Gäste über die Insel

Im Angebot war ein Sommercamp für junge Leute, Strand, Spaß, Sport – vormittags Englischunterricht inklusive. Doch die Töchter von Kristina Aldag lehnten dankend ab. Nicht wegen des Englischunterrichts, sondern wegen des Beiprogramms: „Das haben wir doch alles bei uns – und unsere Freunde noch dazu.“ Somit konnten die Eltern zwar Geld sparen, wurden aber ihr Problem nicht los: Sie müssen arbeiten, wenn die Töchter Schulferien haben – und die dauern auf Sizilien drei Monate.

„Die Schule geht von Oktober bis Juni, montags bis sonnabends – mit zwei Wochen Weihnachtsferien“, sagt die 52-Jährige. „Aber dann geht drei Monate lang gar nichts.“ An die Hitze der Sommermonate musste sich Aldag erst gewöhnen, seit sie vor mehr als 20 Jahren ihre erste Reise nach Palermo antrat. Eine Woche Strandurlaub hatte die Hamburgerin über ihren Arbeitgeber, eine Fluggesellschaft, gewonnen. Die hieß Alitalia und hat ihren Standort am Hamburger Flughafen vor einigen Jahren geschlossen.

Kein Problem für Kristina Aldag: Sie wollte sowieso lieber auf Sizilien bleiben. Auf einem Ausflug zum Ätna hatte sich der Tourguide Roberto Bruscemi in die junge Deutsche verguckt, die perfekt Italienisch sprach. Die Kinderkrankenschwester hatte als Erzieherin für eine Mailänder Familie gearbeitet und war anschließend zu Alitalia gewechselt. Jetzt kam dieser braun gebrannte Sizilianer, schnappte sich eine Gitarre, sang von einem magischen Ort namens Cefalù und eroberte das Herz der Hamburgerin: „Roberto ist Musiker, Fahrer und Führer in einem. Ein perfekter Unterhalter und hervorragender Sizilienkenner“, schwärmt sie. Immer noch – nach 14 Jahren Ehe, zwei Kindern und einem gemeinsamen Fahrservice. Flughafentransfers, Exkursionen und Taxidienste bietet das Ehepaar Touristen in vier Sprachen an. Standort des Familienunternehmens ist Cefalù in der Provinz Palermo. Die Stadt besticht durch ihre Lage am Fuß der Rocca di Cefalù, eines 270 Meter hohen Kalkfelsens. Etwas abseits von der Hauptstraße, am Berghang wohnen Roberto und Kristina mit ihren Töchtern, Katzen und Hunden.

Einen Rüden hat Kristina schon angeschleppt, zwei streunende Hündinnen versorgt sie noch mit. Nicht gerade zu Robertos Freude, aber zur eigenen Sicherheit, wie sie betont: „Roberto ist oft den ganzen Tag unterwegs, die Hunde schrecken ungebetene Gäste ab.“

Willkommene Gäste holt Roberto mit seinem orangefarbenen Bus in ihrem Hotel ab und fährt sie kreuz und quer über die Insel, zeigt archäologische Parks, goldene Kathedralen oder das unbekannte Sizilien. Schwerpunkt liegt auf den französischsprachigen Gästen, denn Roberto hat ein Jahr in Frankreich verbracht und eigens eine Französisch-Hymne auf Cefalù, „Roulalle, roulallà“, komponiert. Für deutsche Gruppen holt der Sizilianer seine Frau an Bord, die inzwischen auch den Busführerschein erworben hat.

Ansonsten hat sich Aldag auf Flughafentransfers spezialisiert. Im Sommer, wenn der Schirokko, ein heißer Wind aus Afrika, das Thermometer über 40 Grad steigen lässt, ist der klimatisierte Minibus ihr Refugium. Dann pendelt sie zwischen Flughafenhallen, Hotels und den eigenen vier Wänden. Im Herbst genießt die Hamburgerin das Leben auf der Insel: wandert durch die Madonien, ein Naturschutzgebiet südlich von Cefalù, oder überbrückt die Wartezeit auf Fluggäste mit einem Bad im Mittelmeer. Dann bedauert Kristina Aldag nur eines: dass der Schulalltag für ihre Töchter wieder angefangen hat.