Unterwegs getroffen

Imker für Papst und König

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Beate Schümann

Tio Picho verkauft seinen Eichelhonig aus dem kleinen Bergdorf Las Mestas an den spanischen Hof, den Vatikan und bis nach Deutschland

„Mein Honig steht auf dem Tisch des spanischen Königs“, brüstet sich der rundliche Mann mit dem weißen Spitzbart und dem schwarzen Hut. Er heißt Tio Picho, ist Imker und der bekannteste Mann im Bergdorf Las Mestas, einem 72-Seelen-Ort im Norden der spanischen Provinz Extremadura, und weit über dieses hinaus. Sein kleiner Laden ist vollgestellt mit Honigprodukten.

Und tatsächlich, an den Wänden hängen zahlreiche Beweisstücke seines süßen Erfolges – Zeitungsausschnitte, Zertifikate und Fotos, auf denen er mit dem Kronprinzen Felipe und dessen Frau Letizia abgebildet ist. Die spanische Königsfamilie beliefert er seit mehr als 20 Jahren. Schon sein Vater, der erste Imker im Dorf, sorgte für Honig im Schloss. Inzwischen zählt auch der Vatikan zu seiner Kundschaft.

Das Reich von Tio Picho ist das Las-Hurdes-Gebirges. Kastanien, Eukalyptus und Steineichen wachsen dort, aber auch Maulbeer-, Feigen-, Zitronen- und Orangenbäume. Auf dem Weg zu ihm passiert man weite Wiesen von Lavendel, Wälder aus Zistrosen. Die zahllosen Blüten wecken die Begierden der Bergbienen, die hier den süßesten Stoff der Extremadura produzieren. Routiniert nimmt der Honigmann seinen mehrfach preisgekrönten dunklen Eichelhonig „Bellota“ aus dem Regal, reicht ein Löffelchen und lässt probieren. „Honigmachen ist Kunst“, sagt er zufrieden, und als Künstler versteht er sich. Tio Picho ist sein Künstlername, seine Marke, die er vom Vater übernommen hat. Im richtigen Leben heißt er Anastasio Marcos, und er ist nicht nur Bienenkönig, sondern auch Geschäftsmann.

Damit die Bienen fleißiger sammeln, werden sie sogar mit Musik verwöhnt

Im Las-Hurdes-Gebirge gibt es 300 Imker, in Las Mestas fünf. Doch er besitze die meisten Bienenstöcke und stelle den besten Honig her, und zwar weltweit. Tio Picho sagt das lässig dahin, aber seine mandelförmigen Augen blitzen vor Freude. Vielleicht gehört Kühnheit zur Natur der Extremeños. Vielleicht zeugt die Extremadura draufgängerische Heldenfiguren wie etwa die Konquistadoren Hernán Cortés, Francisco Pizarro, Pedro de Valdivia – aber auf alle Fälle auch gewiefte Unternehmer wie Tio Picho.

Doch der Bienenmann ist ein sanftmütiger Typ und lüftet sogar ein paar seiner Geheimnisse. Seine Bienenstöcke stehen nur in Höhenlagen, wo die Luft rein ist, Bergblumen blühen und Steineichen wachsen. Und: Er verwöhnt seine Bienen mit Musik. Dann sammeln sie den Nektar noch fleißiger ein, sodass ihr Meister jährlich rund 10.000 Kilo Honig und 500 Kilo Pollen erntet.

Wie im Schlaf zählt er die Vorzüge seines köstlichen Brotaufstriches auf. Steineichenhonig ist gut gegen Osteoporose, Heide fürs Herz, Rosmarin und Orangenblüten für den Blutkreislauf, Eukalyptus und Thymian für die Bronchien. Gelée Royal, die Nahrung der Bienenkönigin, hilft gegen Arteriosklerose, Depressionen und Impotenz. Pollen stärken das Immunsystem, das Gedächtnis und die Knochen. „Zum Arzt gehst du nie wieder“, verspricht der 57-Jährige hoch und heilig. Jeden Abend einen Esslöffel Blütenpollen in die Milch – „und du stehst morgens fit auf“. Krank sei er nie. Deshalb liebe er seine Bienen, auch wenn sie ihn stechen, manchmal 30-mal und mehr. „Dann mag ich sie allerdings weniger“, bekennt Tio Picho. „Aber kaum esse ich Honig, liebe ich sie wieder.“ Seinen Vater haben Bienenstiche sogar vom Rheuma kuriert. Ist die Extremadura so hart, wie alle behaupten? Tio Picho nickt und startet zu einer kleinen Dorfführung. Am oberen Berghang stehen noch einige der armseligen Hütten aus Schiefer, Lehm und Stroh aus der ganz harten Zeit. Ruinen, verlassen und verfallen. „Das ist meine Kindheit“, sagt er.

An die Armut von damals kann er sich gut erinnern. Tio Picho war der Jüngste von 17 Kindern, und eines der Häuser gehörte seiner Familie. Mit neun holte ihn sein Vater aus der Schule, damit er Ziegen hütete, molk und Schaffelle verkaufte. Der Film „Land ohne Brot“, den Luís Buñuel 1933 in Las Hurdes drehte, zeigt genau, wie schwer das Leben war. „Viele wollen davon heute nichts mehr wissen“, sagt der Imker. Das Dorf entwickelte sich. Und doch: Es hält die Menschen nicht hier.

Ohne Bienen hat unser Planet keine Zukunft, sagt Tio Picho

Tio Picho aber ist bodenständig wie eine Festung. Das Dorf mag aussterben, er bleibe. Kein Wunder, denn wegen seines reinen Naturproduktes pilgern die Leute heute nach Las Mestas wie nach Santiago de Compostela. Auch viele Deutsche. Mit dem Fortschritt habe sich allerdings auch in der Extremadura die Welt verändert. Umweltverschmutzung, Pestizide und Elektrosmog – dadurch habe er im vergangenen Jahr 35 Prozent seiner Bienen verloren. Deshalb wird er am Schluss doch noch ernst und richtet einen Appell an alle Menschen: Kehrt zu einer natürlichen Lebensweise zurück, sagt er. Denn ohne Bienen hat unser Planet keine Zukunft.

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