Zu neuen Ufern

Eben noch war Noord das Sibirien von Amsterdam: arm, karg, grau. Doch plötzlich zieht es viele an. Wie geht das, einen Ort derart zu verwandeln? Indem man die Kreativen losschickt – denn sie sind die Trüffelschweine der Stadtentwicklung

Plötzlich standen da diese Männer. Vor drei, vier Wochen habe er sie am Fähranleger gesehen, sagt Casper Oorthuys. Bei der Bäckerei, in der man sein Croissant nicht mit Bargeld bezahlen kann, nur mit Karte und PIN. „Zwei. Sie trugen pinkfarbene Hemden.“ Oorthuys, groß, schlank, mit wenigen Haaren, ist 50 Jahre alt. Wenn er überlegt, verzieht er sein Gesicht zu einem Faltenmeer. Was er oft macht. Um danach fokussiert und detailgenau zu erklären. Jetzt lächelt er, wegen der zwei Männer am Fähranleger im Amsterdamer Stadtbezirk Noord. Oorthuys ist Künstler, hat ein Riesenfiguren-Theater und steht vor einem drei Meter hohen Drachen aus Pappe, der in seiner Werkstatt von der Decke hängt. Zwei Helfer kleben stuhllehnengroße Pappstacheln an den Kamm des Riesenviehs. Oorthuys schaut zu, während er mit halb nach hinten gedrehtem Kopf wiederholt: „Pinkfarbene Hemden.“ Worauf will er hinaus? Er dreht sich um: „Ich bin Symboldeuter, das gehört zu meinem Beruf als Objekt-Theater-Mann.“ Pinkfarbene Hemden bedeuten: Jetzt kommen die Investoren.

Oorthuys kam 2002 in die 20 Meter hohe Halle der NDSM-Werft, als einer der ersten Besetzer. Hat sich damals einfach seinen Platz genommen in der Industriebrache. Inzwischen gehört er zur offiziellen und staatlich subventionierten Künstlerkommune. Zurzeit leitet er sie sogar. 40 Ateliers, ein mehrstöckiges Containerdorf, gebaut in die gewaltige Leere. Über 20.000 Quadratmeter Fläche, Hauptbahnhof-Dimensionen. Rauer Betonboden, Rost an den Hallenwänden. In Strahlen schräg von oben fällt Licht in den Bau. Wie in einer Kathedrale.

„Ja. Wir wurden gebraucht, wir wurden benutzt“, sagt Oorthuys. Die Stadtplaner und Politiker haben die Künstler als Trüffelschweine eingesetzt, um Noord aufzuwerten, bewohnbar zu machen auch für Menschen mit Geld und Ansprüchen. „Aber wir haben was davon“, sagt Oorthuys. Die Miete für die Ateliers sei billig. Die Verträge, ursprünglich auf zehn Jahre geschlossen, wurden um weitere zehn verlängert. Aus dem Besetzer ist ein Geschäftsmann geworden.

Oorthuys muss los, er will nach Hause. Die Fähre zum Hauptbahnhof legt gleich ab. Er deutet noch schnell auf eine andere alte Halle, die gerade saniert wird, damit dort bald Greenpeace einziehen kann. „Freut mich.“ Und ab. Nach Süden. In das klassische Amsterdam, das wohlhabende, das touristische Amsterdam. Wer kennt schon Noord? Man kann es sehen, wenn man hinter dem Hauptbahnhof steht, dort legen die drei Fährlinien ab, eng getaktet, bringen Menschen auf die andere Seite. Über das IJ, diesen ehemaligen Meeresarm, hier keine 300 Meter breit, er wirkt wie ein Fluss. Noord ist groß, mehr als ein Viertel der Stadtfläche nimmt es ein. Aber nur ein Zehntel der 800.000 Amsterdamer wohnt dort. In den Statistiken ist es eine der Gegenden mit den ärmsten, fremdesten, unwillkommensten Menschen. Industrieviertel, Brachen, Reihenhäuser, Wohnsilos, Leerstand.

In Amsterdam, das für seine Wohnungsnot bekannt ist. Klar, dass die Stadtplaner diesen Schatz heben wollen. Darum die Künstler. Die Trüffelschweine. Denen die Hipster und Studenten folgen, die Softwarespezialisten und Start-up-Gründer, die Agenturbesitzer und Designer. Und nach denen wiederum die Investoren nicht auf sich warten lassen. Staatlich gesteuerte Gentrifizierung. Um ein durchgehend armes Viertel vielfältiger zu machen.

Es ist nach Mitternacht, und Ronald Hooft will mir Noord zeigen, will mir helfen, dieses Viertel zu verstehen. Der Mann – tätowierte Muckis, schwarzes T-Shirt, schwarze Jeans, schwarze Haare – wirkt frisch und wild. Los geht’s in seinem schwarzen flachen BMW, zweiter Gang, dritter Gang. Vorbei an Reihenhäusern. Alle gleich, eckige Kästen mit Spitzhütchen drauf, alle in Ziegelfarbe. Wenig Licht in den Häusern. Tischgroße Vorgärten. Ein zugenagelter Laden. Amsterdam wirkt hier wie Detroit. Hooft, der Designer, hat lange in New York gelebt; er deutet auf ein Haus auf der anderen Straßenseite und sagt: „Hier wohnt einer meiner Leute, er ist aus London hergezogen.“ Rechts abbiegen, „hier, das auch, hat gerade ein Kollege aus der Firma gekauft. Noch ist Noord billiger als drüben.“

Ronald Hooft ist einer der Gründer von &Prast&Hooft. Acht Mitarbeiter, die Hotels, Büros, Boutiquen gestalten. Noch ist das Büro auf der Südseite, unweit der Grachten. Aber er wohnt schon lange in einer umgebauten Werft hier in Noord. Mit Bäumen in der Nähe und Wasser. Er bremst, biegt wieder ab, bis das Auto zum Halten kommt. Motor aus. Der Wagen steht vor dem Büro von Bjarne Mastenbroek, einem bekannten Architekten. Um die Ecke liegen zwei Restaurants am Ufer des IJ, in alten Fabrikhallen – hohe Decken, Industrie-Chic, neue Küche. Hooft deutet auf die andere Straßenseite. Eine alte Fabrik, ein eingeschlagenes Fenster. „Da zieht unsere Firma hin. Den Vertrag hab ich gestern unterschrieben.“ Er zündet den Motor. „Good vibe, good energy, creative feeling, possibilities.“

Hooft fährt mich zur Fähre auf einer großen Straße durch ein Gewerbegebiet mit Teppich-, Möbel-, Billig-Laminat-Märkten, Matratzen-Discountern, Auto- und Küchenhäusern. „Sonderangebot“, „Rabatt“, „Billig“. Kaum zu glauben, dass jetzt alle herkommen wollen. Doch Hooft nickt und erzählt von Blosh, der erfolgreichen Modefirma. „Die ist jetzt auch hier, weil sie da sein will, wo es cool ist.“ Er habe die Büros und den Showroom gestaltet. „Noord ist im Blickfeld. Es geht jetzt richtig los hier.“

Stadtentwicklung ist langwierig. Es dauert Jahrzehnte, neue Viertel zu schaffen und zu beleben. Wirtschaftskrisen können dazwischenkommen, Moden sich ändern, andere Politiker an die Macht gelangen und andere Masterpläne fordern. Selbst Experten geben zu: Stadtentwicklung ist Trial and Error. Hat etwas von Glücksspiel, eher Poker als Roulette. Ein gutes Blatt ist wichtig, aber man hängt immer auch vom Zufall ab. Baltimore, London, Barcelona, Bilbao, Hamburg. Und Amsterdam. Sie alle haben spätestens seit den 1980er-Jahren dasselbe Problem: Riesige Industrieareale wurden in der Nähe der Zentren frei. Während zugleich Tausende Arbeitsplätze verloren gingen durch die Automatisierung, durch das Sterben der Werften. Wie die Brachen beleben? Und wie der Wirtschaft neues Leben einhauchen? Es gab zig Versuche. Forscher teilen sie ein in „Housing-led“, „Office-led“ und „Culture-led“. Je nachdem, welcher Sektor im Fokus steht. Für „Housing-led“ ist Göteborg ein Beispiel. Viel sozialer Wohnungsbau. „Office-led“: wie in London, mal einer der größten Häfen der Welt, wo die Docklands in den 1980er-Jahren umgewandelt wurden in ein Meer voller Hochhäuser, darin Banken und Versicherungen. Weil die sich die höchsten Mieten leisten konnten. Hat wegen der Immobilienkrise fast nicht funktioniert. Für „Culture-led“ ist Bilbao der Erfolgs-Prototyp: Hole Stararchitekten! Lass sie spektakuläre Museen bauen, Kulturzentren, Bibliotheken! Dann kommen die Menschen. Dann kommen Kreative, auf die keine Stadt verzichten kann.

Inzwischen wissen die Stadtplaner auch: Jede Monokultur ist schlecht. Die richtige Mischung ist entscheidend. Weshalb Hamburg eine Universität in die HafenCity baut und einen Großteil der neuen Grundstücke an Baugemeinschaften vergibt. Derweil die Stadtplaner in Amsterdam versuchen, das Trüffelschwein-Prinzip zu perfektionieren. Es funktioniert ungefähr so: Lass dir Zeit. Tue möglichst wenig. Lass die Künstler und die Kreativen die Arbeit machen, belohne sie mit niedrigen Mieten. Und mische, mische, mische!

„Je virtueller die Arbeitswelt wird, desto mehr sehnt sie sich nach den rostigen Industriekulissen“, sagt Noords Verwaltungschef Kees Diepeveen. Rost und Staub seien durchaus wichtig für die IT-Branche. „Die Atmosphäre hilft. Das Raue, das mögen die Firmen, das lässt sich filmen und fotografieren.“ Diepeveen sagt, es laufe sehr gut. Die Bankenkrise habe gebremst, ein paar Projekte hätten gewackelt. Aber nun gehe es weiter. Als Nächstes würden Wohnungen gebaut. Deshalb kommen nun die Männer mit den pinkfarbenen Hemden.

Diepeveen will noch über das EYE sprechen. Das sei ihm wichtig. Klar, denn das EYE ist das Amsterdamer Leuchtturmprojekt. Endlich fällt das Lieblingswort von Stadtentwicklern. Es steht für eine effektive, simple Idee: Baue etwas Auffälliges, möglichst dort, wohin die Menschen bisher nicht gingen. So ein Leuchtturmprojekt wertet die Gegend auf. Du brauchst dafür Architekten, die es krachen lassen. Die dafür sorgen, dass die Kritiker jubeln oder schimpfen.

Für Amsterdam hat das österreichische Büro Delugan Meissl das EYE gestaltet, das niederländische Filmmuseum. Schneeweiß, asymmetrisch, hat es etwas von einem Schwan oder einer Muschel oder einem Auge oder etwas aus einem Science-Fiction-Film – es wirkt wie ein Raumschiff. Ist Ausdruck eines starken Willens zum Wahrzeichen. Ich nehme die Fähre zurück ins alte Amsterdam, blicke noch einmal zurück. Die Lichter im EYE gehen an, auch die im Turm daneben. Viele Lichter. Es sieht gut aus für Noord.