Unterwegs getroffen

6000 Kilometer bis zur Gelassenheit

Die Idee, 6000 Kilometer auf zwei Rädern zurückzulegen, unter freiem Himmel zu schlafen, sich bei Fremden an den gedeckten Tisch zu setzen – kurz: Europa mal ganz anders kennenzulernen, hatte Myriam Faßnacht, als sie durch ihre Wohnung lief. „So, wie man eines Tages beschließt, sein Wohnzimmer grün zu streichen.“ Das war im Herbst 2011, und Myriam Faßnacht war gerade dabei, ihre Ausbildung zur Physiotherapeutin abzuschließen. Ihre Freunde waren begeistert von der Idee, Europa mit dem Fahrrad zu entdecken. „Meine Eltern auch – oder zumindest zeigten sie ihre Bedenken nicht.“

Da sie schon immer alles mit dem Rad gemacht habe, seit sie fahren kann, fiel die Entscheidung leicht. „Außerdem ist es neben dem Wandern das günstigste Transportmittel, und man sieht sehr viel von der Landschaft.“ Am 1. Juli 2012 brach die junge Frau auf, Zelt, Gaskocher, Fleecejacke und Turnschuhe in vier Packtaschen aus Lkw-Plane. „Die ersten drei Monate habe ich geplant, ab dann habe ich mich einfach treiben lassen.“ Vier Wochen ging es zunächst durch Deutschland, über Hannover, Göttingen, Münster, dann den Rhein entlang bis in die Nähe von Freiburg. Weiter nach Frankreich. Danach fuhr Myriam Faßnacht die Ostküste Spaniens ab, setzte von Tarifa mit der Fähre über nach Marokko, reiste zurück nach Barcelona und von dort mit der Fähre nach Rom. Von Ancona fuhr sie ins griechische Patras in Griechenland, letzte Station war dann Athen.

Ein globales Netzwerk entwickelt sich zwischen den Radreisenden

Sie reiste auch mit dem Zug, das Fahrrad nahm sie für rund 45 Euro pro Strecke mit ins Flugzeug, aber die meiste Zeit war Myriam Faßnacht auf dem Drahtesel unterwegs. Bis zu 60 Kilometer schaffte sie pro Tag. „Aber das hatte ich mir nicht vorgenommen. Schließlich war der Weg mein Ziel.“ Viel nachgedacht habe sie während ihrer Touren durch kleine Dörfer, an herrlichen Seen entlang, kilometerweit auf keine Menschenseele treffend. Ob sie nicht auch manchmal einsam gewesen sei auf ihrer Fahrt? „Nein, eigentlich komme ich sehr gut mit mir allein klar“, sagt die Frau selbstbewusst. „Und immer, wenn ich dachte, ich könnte mal wieder etwas Gesellschaft gebrauchen, bekam ich eine Einladung von einer Gastfamilie oder von anderen Mitreisenden.“

Oder sie nutzte die Plattform Warmshowers, eine Art Couchsurfing für Radreisende. Es sei ein globales Netzwerk, das sich zwischen anderen Radreisenden entwickelt: „Einheimische oder Autofahrer werden als Kommunikatoren genutzt, bei ihnen hinterlässt man Nachrichten für andere Reisende, trifft Verabredungen“, erzählt die 24-Jährige. Überhaupt seien die Gastfreundschaft und Herzlichkeit der Südländer überwältigend gewesen. Angst vor Belästigungen oder Überfällen von Fremden habe sie nie gehabt – „nur einmal hat mir jemand am Bahnhof in Paris ein Brioche vom Rad weggeklaut. Da war wohl jemand sehr hungrig“, sagt Myriam Faßnacht.

Die intensivste Zeit erlebte Myriam Faßnacht in Frankreich, dort hielt es sie drei Monate lang, arbeitete bei zwei gemeinnützigen Projekten mit. „Das erste fand in der Nähe von Belfort statt. Gemeinsam mit etwa 20 Jugendlichen aus zehn unterschiedlichen Ländern ging es darum, eine alte Wassermühle wieder auszugraben. Übernachtet und gekocht haben wir alle gemeinsam im Gemeindehaus des kleinen Ortes Clairegoutte. Duschen und unsere Wäsche waschen durften wir bei den Anwohnern, die im Übrigen riesig erfreut über das Projekt waren und uns in vielerlei Hinsicht unterstützt haben.“ Gearbeitet wurde etwa sechs Stunden täglich, nachmittags wurden Ausflüge in die Region unternommen.

Das zweite Workcamp fand nördlich von Paris statt und drehte sich um die Kirche der Gemeinde sowie um den örtlichen Fußball- und Spielplatz. Die Kirche bekam neue Backsteine und eine Neuverfugung an der Nordfassade. Die Spielgeräte wurden gereinigt, neu bemalt und der Fußballplatz so aufgebessert, dass der Ball nicht ständig auf die Straße rollt. „Beide Workcamps gingen jeweils über drei Wochen, waren eine ganz großartige Erfahrung mit den verschiedensten Kulturen dieser Erde.“

Zu Hause sieht Myriam Faßnacht nun viele Dinge mit mehr Abstand

Ihr Resümee nach sieben Monaten im Sattel? „Nur eine Panne mit dem Fahrrad, viele unglaublich tolle Freundschaften und mehr Gelassenheit im Alltag“, sagt Myriam Faßnacht. „Unterwegs zählten erst einmal frisches Wasser, ein Supermarkt zum Einkaufen und ein Platz zum Schlafen. Seitdem ich wieder zu Hause bin, sehe ich viele Dinge mit mehr Abstand, bin entspannter.“ Ihre frühere Praxis hat sie gleich wieder als Therapeutin eingestellt, jetzt geht Myriam Faßnacht auf Wohnungssuche. Anderen Menschen, die sich mit dem Gedanken tragen, einmal auf Zeit auszusteigen und zu reisen, möchte sie Mut machen: „Denn wenn man sich seine Wünsche dahingehend nicht erfüllt, läuft man Gefahr dies irgendwann zu bereuen.“