Große Oper, große Gefühle

Seit 100 Jahren erklingen Arien in der Arena von Verona. Das wird in der Stadt derzeit mit einem fulminanten Jubiläumsprogramm gefeiert

Jedem Anfang wohnt ein Zauber inne, vor allem aber diesem Anfang jetzt und hier, zur blauen Stunde nach Sonnenuntergang, wenn sich der Vorhang der Nacht langsam über die Dächer der Stadt senkt. Die Hitze des Tages hat sich verzogen, in der milden Brise flattern die Fahnen, und im Amphitheater von Verona erlöschen, von unsichtbarer Hand gesteuert, nach und nach fast alle Scheinwerfer. Tausende von Lichtpünktchen flackern dann im Parkett und auf den Rängen, bewegen sich wie eine Kompanie von Glühwürmchen, die Ballett tanzt.

Als man hier 1913 zum ersten Mal Verdis „Aida“ aufführte, gab es keinen Strom an den Sitzplätzen in der Arena: Wer sein Libretto studieren wollte, musste eben eine Kerze mitbringen. 100 Jahre später haben Aficionados natürlich ihre Leselampen, doch das Ritual des Kerzenanzündens hat überlebt.

Auf der Bühne werden sie gleich die ganz große Oper geben und das ewige Lied von Freundschaft und Liebe spielen, von Hass und Eifersucht, von Erlösung und Tod. Unter freiem Himmel, ohne Mikrofon oder Verstärker, weil die Römer schon vor 2000 Jahren etwas von Akustik verstanden. Die Musiker im Orchestergraben sind trotz all ihrer einstudierten Professionalität ein wenig nervös, und das gilt auch für die Sänger, Solisten und vielen Statisten. Bei einer typischen „Aida“ nach traditionell monumental inszenierter Veroneser Art umgibt ein Hofstaat von 500 Priestern, Soldaten, Sklaven, Dienern und Schaulustigen (und gerne auch ein paar Pferden) die nubische Prinzessin, die mit Amneris, der Tochter des Pharaos Ramses, ums Herz des ägyptischen Heerführer Radames kämpft. Die ersten Takte von Verdis Werk erlösen zwar die 15.000 Besucher in der Arena von der erwartungsvollen Erregung, die sich bei ihnen den ganzen Tag lang angestaut hat. Doch einer im Publikum bekommt feuchte Hände. Und konzentriert sich.

Er kommt zu jeder Vorstellung, die ganze Opernsaison von Juni bis September, und braucht für keine eine Eintrittskarte. Er hat seinen festen Standort: von der Bühne aus gesehen rechts, etwas erhöht im Rang – bei Weitem nicht der beste Platz, aber einer, von dem aus er das Geschehen gut beobachten kann. Ob sie nun wie heute Abend „Aida“ spielen oder wie in den nächsten Tagen „Nabucco“, „La Traviata“, „Il Trovatore“ und „Rigoletto“: Er braucht kein Libretto, er kennt alle Opern auswendig, singt sie im Kopf mit. Schwarze Hose, weißes Hemd, grau meliertes Haar mit Seitenscheitel, blitzende Augen, eine tiefe Bariton-Stimme, vor allem aber zwei flinke Hände, diese trotz der großen Beanspruchung ohne Schwielen: Giancarlo Soave ist der Claqueur der Arena di Verona. Er organisiert den Applaus der 14.999 anderen Zuschauer – ehrenamtlich, ohne Bezahlung.

Wenn der Tenor zur Arie „Celeste Aida“ abhebt und die holde Sklavin als Königin seiner Gedanken rühmt, beginnt es in Signore Soave zu kribbeln. Noch ein paar Takte, der Solist hält inne – und der Claqueur setzt ein. „Bravo!“ ruft er, klatscht energisch in die Hände, bricht damit den Bann der schweigenden Masse. Vom Parkett mit den gepolsterten Sesseln bis hinauf in die letzte Reihe an der Kante des Amphitheaters, wo man auf den kühlen römischen Steinquadern sitzt, frisst sich der Applaus durch die Reihen wie ein vom Wind angefachtes Buschfeuer.

„Ich mache den Künstlern Mut. Und signalisiere dem Publikum, wann es applaudieren kann. Die Leute sind vorsichtig: Niemand will sich mit einem Klatschen zum falschen Zeitpunkt blamieren“, sagt Giancarlo Soave. Der rüstige 75-Jährige hat zwar früher als Krankenpfleger gearbeitet, doch sein Leben gehört der Veroneser Oper. „Startenor Mario del Monaco hat mich vor vielen Jahrzehnten einmal gefragt, ob ich für ihn den Applaus machen könne. Ich habe zugesagt und bin seither immer hier.“ Ob er Publikum und Künstler mit seinen Beifallsbekundungen nicht täuscht? „Ach was“, sagt der Claqueur, „wem eine Vorstellung nicht gefällt, dem gefällt sie nicht. Gegen 15.000 Besucher, denen eine Inszenierung nicht passt, kann ich beim besten Willen nicht anklatschen.“

Doch was ist, wenn ihm selbst eine Darbietung missfällt? Wenn eine Stimme für Giancarlo Soave das falsche Timbre hat? Muss man den Claqueur als Sänger also auch fürchten, weil er sich von einem unsichtbaren Freund in einen unsichtbaren Feind verwandeln könnte? In einen Buhmann? In den 50er-Jahren, zur Zeit von Maria Callas, fochten konkurrierende Primadonnen ihren kalten Krieg nämlich gerne auch mit bezahlten Auspfeifern aus. „Nein. Niemals! In all den 48 Jahren habe ich noch nie etwas Schlechtes gerufen“, entgegnet Giancarlo Soave und breitet theatralisch seine Arme aus, als stehe er nun selbst auf der großen Bühne. Der Claqueur von Verona zieht also bei Weitem nicht alle Register seiner alten Zunft, die einst mit harten Bandagen kämpfte und bereits Solisten erpresste, als der Applausometer noch gar nicht erfunden war.

Sein Klatschen, sagt er mit leuchtenden Augen, sei auch immer ehrlich: „Ich lasse mich jeden Abend aufs Neue verzaubern.“ So ist sein Applaus nie routiniert, sondern mal dankbar (wenn ihn eine Sopranistin betört) und mal euphorisch (wenn sein Idol Plácido Domingo den Heldentenor gibt). Am Ende ist sein Klatschen eigentlich immer erschüttert und hingerissen und begeistert zugleich, weil wieder einmal der Funken Magie übergesprungen ist, der in jeder Oper steckt. Auf seinem reservierten Sitz hält es ihn dann nicht mehr. „Viva Maestro!“, ruft der Claqueur und springt auf. Und weil auch dem allergrößten Meister Ehre gebührt, schallt dann noch ein „Viva Verdi! Viva! Viva!“ durch die Arena.

Viele, die sich Sommer für Sommer infizieren lassen vom Veroneser Opernfieber, schätzen den Claqueur. Er sei eine liebenswerte Person, sagen diejenigen, die ihn schon lange kennen – nur seine Geschichten dürfe man nicht alle glauben. „Er hat alle Tassen im Schrank, nur eben nicht immer in der richtigen Reihenfolge“, sagt Robert Schweitzer. Der Deutsche tauscht sein Heim im Hessischen während der Saison mit einer Unterkunft in Verona – seit 25 Jahren organisiert er exklusive Reisen zu den Festspielen. „Giancarlo hat schon einmal einer Sängerin den Abend gerettet. Ihr Auftritt war zu Beginn ziemlich schlecht. Doch sein Applaus hat sie so aufgebaut, dass sie am Ende eine der besten Performances ihrer Karriere abgeliefert hat.“ Doch „Viva Verdi“, so sein Spitzname, hat auch eine schelmische Seite. Robert Schweitzer kann sich noch daran erinnern, wie der Claqueur einmal einer bekannten Solistin von einem Gala-Essen erzählte, das Schweitzer für sie nach der Vorstellung ausrichten werde. Nur wusste der Veranstalter nichts von seinem Glück, und die Primadonna stand alleine im Restaurant.

Wenn um Mitternacht die letzten Takte Musik verklingen, ist ein Opernabend in Verona nämlich noch lange nicht zu Ende. „Das Leben ist viel zu kurz. Versäumte Freuden sind unwiederbringlich verloren. Da wäre es doch eine Sünde, gleich ins Bett zu gehen. So eine Nacht muss man lang und langsam ausklingen lassen“, meint Robert Schweitzer. Das sehen anscheinend auch die Mitglieder des Vereins „Verona Lirica“ so, in dem sich 700 Opernbegeisterte organisiert haben. Viele davon trifft man in den Cafés und Restaurants um die Arena. Hier sitzt oft auch der Journalist Gianni Villani, der genau Buch geführt hat, wie viele „Aidas“ er hier schon gehört hat: 279. Auch Maria Callas hat er in dem Amphitheater noch erlebt, bei seinem ersten Opernbesuch im Alter von neun Jahren.

Seither dokumentiert der Reporter die Geschichte der Festspiele und kennt auch die ganzen Anekdoten. „Die Sänger waren früher unglaublich abergläubisch. Sie hatten unzählige Amulette und Madonnenstatuen in ihren Kabinen. Ein Solist ist auch nicht aufgetreten, weil er eine schwarze Katze hinter der Bühne gesehen hatte.“ Doch manchmal meint es das Schicksal auch gut mit den Organisatoren: Als bei einer „Carmen“-Aufführung der Tenor erkrankte und auch sein Ersatz plötzlich seine Stimme verlor, entdeckte ein Mitarbeiter einen amerikanischen Tenor im Publikum, der eigentlich nur die Vorstellung genießen wollte. Doch der Gast wurde beim Orchester versteckt und sang die Oper meisterlich – während sein erkrankter Kollege auf der Bühne nur Pantomime spielte.