Äthiopien

Lalibela: Das Jerusalem Afrikas

In Äthiopien entstanden über mehrere Jahrhunderte zahlreiche Monolithkirchen. Als einzigartig gilt die Bauweise, in der die Gotteshäuser aus Steinfelsen herausgearbeitet wurden

Ganz am Horizont, wo der Himmel im Morgendunst mit der weiten Wasserfläche verschwimmt, taucht eines jener selten gewordenen Boote auf, die heute noch wie vor 1000 Jahren aus Schilfbündeln gebaut werden. Vielleicht ist es ein Fischer, der in der Nacht von Bahir Dar am Südufer des Tanasees in der Hoffnung auf reichen Fang aufgebrochen ist und nun zu seiner Familie zurückkehrt. Als wir uns nähern, dreht das Boot ab und nimmt Kurs auf Kebran, eine der mehr als 30 kleinen Inseln, die auf Afrikas höchstgelegenem See zu finden sind. „Sicher ist es ein Mönch“, sagt Haile und erzählt von Kebran, wo sich ein Kloster befindet, das Frauen nicht betreten dürfen. Für die meisten anderen Klöster im Tanasee gibt es diese Beschränkung glücklicherweise nicht. Wir steuern Zeghie an, eine Halbinsel am Westufer, die wir nach einer knappen Stunde erreichen.

Äthiopier sind überzeugt, dass hier Moses Gesetzestafeln lagern

Die Sonne brennt, obwohl es noch nicht einmal 10 Uhr ist. Schatten spenden die hochgewachsenen Pflanzen einer verwilderten Kaffeeplantage, durch die der schmale Pfad zum Kloster Uhra Kidane Mehret führt. Es wurde Anfang des 17. Jahrhunderts gegründet und beherbergt ein theologisches Seminar, ein Museum, in dem die Kronen äthiopischer Kaiser verwahrt werden, und eine Kirche, die für ihre prächtigen Wandbilder berühmt ist. Es ist ein Rundbau wie die meisten äthiopischen Kirchen, die seit dem 16. Jahrhundert errichtet wurden. Wir ziehen die Schuhe aus und betreten den äußeren Umgang, der mit Teppichen ausgelegt ist und an den heiligen Bereich grenzt. Dieser ist nur Priestern vorbehalten. Die Mauern zum inneren Raum sind über und über mit Bildern bemalt, bei denen es sich einerseits um Szenen aus der Bibel handelt, andererseits aber auch um Märtyrer- und Heiligenlegenden aus der äthiopischen Überlieferung. Die künstlerisch begabten Mönche haben vom 17. bis zum 19. Jahrhundert auch allerlei blutrünstige Geschichten an die Wände gemalt: von Heiligen, die auf alle erdenklichen Weisen gefoltert und getötet wurden. Oder auch die in Äthiopien populäre Geschichte vom Menschenfresser Belay, der zwar seine gesamte Familie und alle Bekannten verspeist hat, sich aber mildtätig zeigt, als ihn ein Bettler im Namen der Muttergottes um Wasser bittet. Und das hat sich gelohnt, denn als der Teufel später seine Seele fordert und die Knochen all der verspeisten Menschen in die Wagschale wirft, lässt die Gottesmutter Belays einzige gute Tat auf der anderen Seite so schwer wiegen, dass der geläuterte Kannibale den Höllenqualen doch noch entkommt.

Wer Äthiopiens Norden bereist, wird viele fantastische Geschichten hören, denn hier begegnet uns eine der ältesten christlichen Kulturen überhaupt. Die Äthiopisch-Orthodoxe Tewahedo-Kirche wurde schon im Jahr 328 gegründet und hat sich auch gegen das Vordringen des Islam behaupten können. Bis heute gehören etwa 40 Prozent der Äthiopier der orthodoxen Kirche an, etwa ebenso viele bekennen sich zu einem gemäßigten Islam. Hinzu kommen noch Protestanten, Katholiken und vor allem im Süden viele Menschen, die Naturreligionen ausüben.

Auch unser Guide Haile, der in den 1990er-Jahren in Halle und in Bitterfeld gearbeitet und dort Deutsch gelernt hat, ist orthodoxer Christ. Als wir am nächsten Tag durch eine großartige Berglandschaft Richtung Osten fahren, erzählt er uns, wie es dazu kam, dass die berühmten Gesetzestafeln von Moses keineswegs, wie die Juden annehmen, verschollen sind. Die äthiopischen Christen sind überzeugt, dass die Bundeslade bis heute in der Stadt Axum im Norden Äthiopiens aufbewahrt wird.

„Vor 3000 Jahren hat die Königin, von Saba, die unser Land regierte, König Salomo in Jerusalem besucht. Mit einer List gelang es ihm, die schöne Frau in sein Bett zu bekommen. Neun Monate später gebar sie einen Sohn, der Menelik genannt wurde“, sagt Haile, und erzählt, wie der Königssohn seinen Vater als 18-Jähriger in Jerusalem kennenlernte: „Da Salomo von seinem Sohn sehr angetan war, gab er ihm die Erstgeborenen der vornehmsten Familien Jerusalems mit nach Äthiopien. Einer von denen entwendete heimlich die Bundeslade aus dem Jerusalemer Tempel und nahm sie mit nach Afrika.“ Sehen darf die Gesetzestafeln niemand, sie werden in einer kleinen Kapelle von einem Mönch bewacht, der das Gebäude bis zu seinem Tod nicht mehr verlässt. Axum liegt dicht an der Grenze zu Eritrea in einer unruhigen Region, die von Touristen nur selten besucht wird.

Wir fahren in Richtung Osten und biegen nach knapp 300 Kilometern auf eine Schotterpiste ab, die uns durch eine schroffe Felslandschaft nach Lalibela führt, in die etwa 2500 Meter hoch gelegene ehemalige Residenz einer äthiopischen Herrscherdynastie. Atemberaubend schön sind die rötlich schimmernden Berge und Felstäler von Lasta, durch die sich unsere Panoramastraße windet. 4190 Meter hoch ist der Abuna Yosef, der höchste Gipfel dieses Gebirges, in dem sich die einstige Residenz der Zagwe-Dynastie versteckt. Lalibela heißt diese Stadt nach einem berühmten König, der von 1167 bis 1207 regiert hat. Ein Engel, so heißt es in einer Legende, habe ihm im Traum befohlen, in seiner Residenz ein afrikanisches Jerusalem zu erbauen mit Kirchen, die aus dem Fels herausgehauen sein sollten. Im Lauf von weniger als drei Jahrhunderten entstand hier eines der ganz großen architektonischen Weltwunder. Die elf Monolithkirchen, die tagsüber von König Lalibela, dessen Nachfolgern und deren Helfern, nachts aber von den Engeln errichtet worden sein sollen, sind nicht in den Berg hineingebaut, sondern aus dem Felsen herausgearbeitet worden. Zunächst trieb man von oben Schächte ins Gestein, sodass das künftige Bauwerk als Quader stehen blieb. Dann bearbeitete man die Fassaden und höhlte den Monolith von innen aus – eine weltweit einzigartige Methode, deren Aufwand man sich kaum vorstellen kann.

Schon 1978 wurden die Gotteshäuser zum Unesco-Weltkulturerbe erklärt

Zwischen dem hoch aufragenden Fels steigen wir durch schmale Gänge, und immer wieder öffnet sich der Blick auf die architektonischen Wunderwerke, die zwar Äthiopiens wichtigste Sehenswürdigkeiten sind, aber noch immer ihrem ursprünglichen Zweck dienen. Im Inneren lesen Priester ungerührt vom Touristenrummel in heiligen Büchern und nehmen dabei kaum zur Kenntnis, dass sie fotografiert werden. Die meisten der Kirchen wirken relativ klein, aber es gibt auch große Gebäude wie die Welterlöser-Kirche, die 33,5 mal 23,5 mal 11,5 Meter misst. Über einigen der Gotteshäuser, die schon 1978 zum Unesco-Weltkulturerbe erklärt worden sind, erheben sich cremeweiße Schutzdächer, die auf gewaltigen Stahlsäulen ruhen. Schön sieht das nicht aus, das räumt auch die Unesco ein, die das von der Europäischen Union finanzierte Projekt 2007 gestartet hat. Aber vorläufig sind die Schutzdächer nötig, um die empfindliche Außenhaut der Kirchen zu schützen. Längst suchen Experten nach Lösungen, die die Dächer überflüssig machen sollen.

Am frühen Sonntagmorgen gehören die Kirchen den einheimischen Christen. Um 4 Uhr bin ich mit Haile verabredet, der mich zum Gottesdienst begleitet. Es ist ein Festtag in der großen Fastenzeit, die nach dem Äthiopischen Kalender viel später begangen wird als nach der bei uns gültigen Gregorianischen Jahreseinteilung. Als wir das Gelände der nördlichen Gruppe der Monolithkirchen betreten, dürfte ich unter mindestens 1000 meist in Weiß gekleideten Äthiopiern der einzige Europäer sein. In der Marienkapelle herrscht meditative Stille. Monoton liest ein Priester aus der Bibel. Wortlos reicht man mir einen jener Stäbe, auf die man sich während der stundenlang im Stehen zu absolvierenden Gottesdienste stützen kann.

Ganz anders ist die Stimmung in der Welterlöser-Kirche. Trommeln werden geschlagen, Gläubige schütteln die Sanasel – eine Metallrassel, die in der äthiopischen Liturgie eine wichtige Rolle spielt. Märchenhaft wirkt die Prozession der Priester, die unter roten, mit goldenen Mustern bestickten Schirmen durch die Menge schreiten, begleitet von Gesängen, dem Klang von Handglocken, von Klatschen und Rufen. Wer so einen nächtlichen Gottesdienst miterlebt, wird vom Zauber der Monolithkirchen in Afrikas Jerusalem ergriffen und begibt sich auf eine Zeitreise, die in eine geheimnisvolle Welt führt, zu der Europäer nur selten Zugang finden.

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