Europas kleine, feine Opernfestivals

Es muss ja nicht immer Bayreuth sein. Alternativen für Musikliebhaber im Sommer gibt es auch an anderen europäischen Orten

Laue Opernnächte an toskanischen Seen, Barockmusik in kühlen burgundischen Gemäuern oder bayreuthwürdige Picknickpausen in englischen Themengärten könnten da eine Alternative sein für Musikfreunde – und auch für Feinschmecker, die noch nicht wissen, wo in diesem Sommer der Musikhunger gestillt und das Schneckensüppchen gegessen werden soll.

Alle Jahre wieder: Kultur, Kommerz, „Spettacoli“. Europäische Opernfestivals buhlen um musikliebende und zahlungskräftige Kundschaft. Denn alle Sinne – auch der Gaumen – potenzieller Festspiel-Gäste wollen schließlich verwöhnt werden. Kluge Veranstalter wissen das inzwischen: Open-Air-Oper in alten Gemäuern, Pausen-Dinner, Mitternachts-Menü. Unter Platanen sitzen in lauer Sommernacht – was wie eine kitschige Anpreisung aus einem Reiseprospekt klingt, wird vor allem bei den Musikfestivals Frankreichs alljährlich im Sommer wahr.

Im Sommer duftet Aix, die Hauptstadt der Provence, nach Lavendel und nach den handgefertigten Seifen, die auf den Märkten rund um die Place des Precheurs angeboten werden. Aber im Juli ist die Stadt vor allem ein Wallfahrtsort für Mélomanen. Scharenweise fallen dann Musikfans in die Stadt ein, deren Sommerfestival angeblich eine ernste Konkurrenz zu Salzburg darstellt – nur, dass man für die Hotels in Salzburg leicht das Doppelte hinblättern muss. Ob man Zeitgenössisches Musiktheater openair auf dem idyllischen Landgut Grand Saint-Jean erlebte, wo vorher auf der grünen Wiese zur Tafel gebeten wird, ob nach Verdis „Rigoletto" im Innenhof des prächtigen alten Erzbischofpalastes mitten in der Stadt: nach den Opernaufführungen kann man noch bis spät nachts in den Cafés am Cours Mirabeau beim Rotwein sitzen.

In Beaune allerdings ist die Weinprobe edler burgundischer Tropfen vor dem Opernkonzert oder ein Besuch der kilometerlangen, (schön kühlen) Weinkellergewölbe der Stadt am Morgen schon fast Pflichtprogramm. Das Städtchen nahe Dijon ist nicht nur wegen seiner Weine berühmt: Hier wird seit über 20 Jahren ein erstklassiges Barockmusikfestival veranstaltet, das an fünf Wochenenden im Sommer Gäste aus aller Welt mit den Stars der Barockmusikszene zusammenbringt. Inzwischen hat die rührige Leiterin des Festivals, die Kunstprofessorin Anne Blanchard, im Ambiente von Beaunes mittelalterlichen Kirchen jede Menge „Ausgrabungen“ präsentiert und Opern-Erstaufführungen initiiert.

Beim kleinen, feinen Festival Azureales in der Nähe von Cap Ferrat dagegen führt man Opern im Innenhof einer der wohl schönsten Belle-Époque-Villen Frankreichs, auf, der „Villa Ephrussi de Rothschild“. 1997 wurde es von einem Ehepaar gegründet, dem es das Opernfestival von Glyndebourne angetan hatte. Bei den Azureales serviert man nach den Vorstellungen im Park ein Drei-Gänge-Mahl. Und wenn es regnet, wird das Dinner abgesetzt; das Geld gibt es zurück.

Ein „Tristandinner“ gar kann man sich für die Pausen der Opernfestspiele Glyndebourne gleich mit der Eintrittskarte im Internet bestellen. Wagner klingt übrigens in Glyndebournes 1200 Personen fassenden holzgetäfelten Musiktempelchen auch fast wie in Bayreuth – nur, dass man in Glyndebourne entschieden mehr Herren im Schottenrock sieht. Beim Anblick blökender Schafe inmitten der picknickenden Ladys im Abendkleid und der Gentlemen im Smoking drängt sich da zuweilen der Gedanke auf: Warum darf man das nicht auf dem Grünen Hügel in Bayreuth?

Noch idyllischer als in Glyndebourne geht es am Ufer des toskanischen Massaciuccoli-Sees zu. Wenn da der Vollmond über dem See steht und die Sumpfschnepfen leise zu „nessun dorma“ schnattern, wollen manche Leute eigentlich nie wieder woanders Puccini hören als beim Festival Puccini in Torre del Lago.

Seit 1930 ist das Dörfchen bei Viareggio eine Pilgerstätte für Opernfans. Hier, gleich neben Puccinis Wohnhaus, steht ein 4000 Besucher fassendes Freilufttheater, in dem man vorwiegend Puccini-Opern aufführt. In diesem Jahr beginnt man mit den „Spettacoli“ am 12.Juli.

Stardirigenten wie Esa-Pekka Salonen und Valerij Gergiev verleihen dagegen in Stockholm dem ökologisch stark engagierten Baltic Sea Festival internationales Flair. Waren bisher eher Natur oder schwedisches Design ein Grund, diese gastfreundliche Stadt zu besuchen, so sind es in diesem Jahr auch die Musikevents. Waren bisher eher Natur oder schwedisches Design ein Grund, diese gastfreundliche Stadt zu besuchen, so sind es in diesem Jahr auch die Musikevents in der in eine Felsenwand hineingebaute Berwaldhallen. Auch in diesem Sommer reist das Ensemble des berühmten St.Petersburger Mariinsky-Theaters wieder mit seinem charismatischen Stardirigenten Valerij Gergiev an.

Ein Opernvergnügen allerdings, das mit 15 Euro auf den billigsten Plätze preiswerter noch als jenes in der Arena von Verona ist, bietet der Besuch der Chorégies d’Orange. Die Akustik in diesem 9000 Zuschauer fassenden Freiluft-Theater ist einfach überwältigend. Hier in Orange, der Heimat des berühmten Chateauneuf-du-Pape, wo man sich in den Cafés vor der Oper mit einem Salat Traviata oder einem Omelette Lyrique stärkt, darf man als Festspielbesucher eines nicht vergessen: sich vor der Vorstellung eines der dicken, typisch provenzalisch-bunten Kissen zu kaufen, die dort an den Ständen feilgeboten werden. Denn die braucht man unbedingt, um unbeschädigt „Nabucco“ oder anderes auf den Steinstufen dieses ältesten erhaltenen romanischen Amphitheaters durchstehen zu können.