Nie mehr Innenkabine!

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Frisch in Hamburg getauft, bricht die MS „Europa 2“, das zweite Flaggschiff von Hapag-Lloyd Kreuzfahrten, an diesem Sonnabend zur Jungfernfahrt auf

Die Kreuzfahrtbranche liebt die Zahlen. Wie groß, wie viele Besatzungsmitglieder kommen auf einen Passagier, wie viel Platz hat dieser für sich, wie hoch ist der Tagesdurchschnittspreis für den Gast – Kennziffern für Kenner, die so leicht erkennen können, in welcher Klasse das schwimmende Luxushotel unterwegs ist. Hapag-Lloyd hat es sich vielleicht auch deshalb bei der Namensgebung für das neue Kreuzfahrtschiff der Flotte einfach gemacht: MS „Europa 2“ heißt es schlicht in einer numerischen Reihung.

Aber eine einfache Kopie der seit vielen Jahren erfolgreichen Namensgeberin ist es deswegen noch lange nicht. Tatsächlich geht die Hamburger Reederei neue und unsichere Wege, denn auch internationale Gäste, vor allem aus den USA, Australien und Großbritannien, sollen angelockt werden. Und das wäre mit der bestehenden Vorstellung von einer deutschen Traumschiff-Reise, wie sie die MS „Europa“ seit Jahren bietet, kaum möglich gewesen.

Der Anfang ist jedenfalls nicht einfach. Bei der Präsentation der neuen Philosophie auf einer ersten Probefahrt sitzen Hapag-Geschäftsführer Dr. Wolfgang Flägel und Bauleiter Dr. Henning Brauer im Bordtheater hinter ihren Namensschildern und berichten davon, was sie so alles toll finden: die hellen Materialien, das legere Ambiente, das gewaltige Pooldach, das komplett geöffnet werden kann, die zwei Golfanlagen, und dass es keine Innenkabinen mehr gibt, sondern nur noch welche mit eigenem Balkon – „weltweit einmalig“, sagen sie stolz. Da fragt plötzlich ein Journalist, wie das denn bitte gehen solle mit der Internationalität, wenn schon hier in diesem Rahmen nicht auf die Nennung der Doktortitel verzichtet werden könne: „Hey Joe“, würden sich Manager wohl in vergleichbarer Situation in den USA rufen. Das läge wohl an der Genauigkeit der Presseabteilung, lautet die Antwort nach einem kurzen Moment der Irritation. Aber die Frage sitzt.

Ein Spaßschiff, wie es die Amerikaner auf ihren meist siebentägigen Kreuzfahrten lieben, ist die MS „Europa 2“ tatsächlich nicht, auch wenn beim Abendessen der Dresscode gelockert wurde und nun keine Krawatte mehr verpflichtend ist, auch nicht in den feinen der insgesamt sieben Restaurants an Bord, die übrigens alle einen hervorragenden Eindruck machen. Nein, es ist ein bis zum letzten Lichtschalter nach Perfektion strebendes Schiff im obersten Luxussegment, bei dem mit deutscher Gründlichkeit darauf geachtet wurde, dass es nicht so deutsch daherkommt wie die ältere Schwester oder gar die MS „Deutschland“. Keine tiefen roten Teppiche, keine chromblitzenden Handläufe, kein dunkles Holz und bis auf eine kleine Bar, die sich „Herrenzimmer“ nennt, auch kein schweres Ledermobiliar mehr. Alles ist hell, offen, luftig. Beige und matte Silbertöne dominieren. Wo immer eine Glasfront eingebaut werden konnte, geschah das, sogar im Atrium, also dem verbindenden zentralen Bereich in der Mitte des Schiffes. 20.000 Tonnen wiegt das Schiff, aber es fühlt sich leicht an.

Gebaut wurde die neue Europa in Frankreich, von dem ersten Stahlschnitt bis zur Auslieferung vergingen nur 20 Monate. Eine enorme Geschwindigkeit, bei der die Leitlinien geholfen haben könnten. „Für uns war klar, dass wir neue Wege gehen wollten. Sowohl in der Architektur als auch in den Konzepten von Gastronomie und Entertainment sollte alles modern und leger werden“, beschreibt Julian Pfitzner, Leiter des Produktmanagements, die Grundidee.

Sichtbar wird diese auch bei den Künstlerengagement für das Bordtheater: Jede Show soll weltweit verstanden werden können, und so werden sich deutsche Schlagerstars hier eher nicht wiederfinden, sondern Akrobatik und Tanz. Für manchen der im Durchschnitt älteren „Europa“-Kunden wartet da der eine oder andere Kulturschock. Ein „Captain's Dinner“ gibt es auch nicht mehr. Doch diese Altkunden sind ohnehin nicht die Zielgruppe der neuen Nummer zwei. Vielmehr werden Familien angesprochen. Für die Kinder und Jugendlichen gibt es ein in dieser Größe einmaliges Betreuungsangebot, denn die Erfahrung habe gezeigt: Wenn der Nachwuchs durchgängig beschäftigt wird, nervt er auch nicht (so). Die Eltern können die Freizeit zum Beispiel im 620 Quadratmeter großen Wellness-Bereich oder im Sportclub verbringen.

Auch an Bord sollen Paare oder Alleinreisende ab 45 Jahren kommen, die über ein Haushaltsnettoeinkommen von wenigstens 5500 Euro im Monat verfügen, so die etwas kühl anmutende Zielgruppenbeschreibung der „anspruchsvollen Vielreisenden“. Um das Schiff dauerhaft mit zahlenden Passagieren aus aller Welt vollzubekommen, musste auch das Routenkonzept geändert werden. Es werden vor allem einwöchige Touren rund um den Globus angeboten, die um 5000 Euro pro Person kosten, wobei Kinder bis zum elften Lebensjahr gratis an Bord können. Auf keinem anderen Schiff der Wettbewerber gebe es so viel Platz, auf maximal 560 Passagiere kommen 370 Crewmitglieder, auch dieses Verhältnis sei einmalig, so Pfitzner.

Und als gerade wieder die Kennziffern für den Luxusanspruch heruntergebetet werden, wird Henning Brauer, einer der beiden Doktoren, doch noch so richtig amerikanisch: „Wir haben einfach das beste Kreuzfahrtschiff der Welt gebaut“, sagt er und grinst breit.