Unterwegs getroffen

Vom Kiez nach Kinheim

Recycling-Kunsthandwerker Aaron Scheuer hat Atelier und Werkstatt von Wilhelmsburg an die Mosel verlegt

Nur wenige Meter liegen zwischen dem kleinen Ladenlokal des Moselier und der Mosel. Der Blick durchs Schaufenster fällt auf den Fluss mit dichtgrünen Weinhängen an den Ufern. Ab und an queren Radurlauber auf dem Moselradweg das Bild. „Mich erinnert das an Hamburg. Dort hatte ich die Elbe vor der Haustür, hier ist es die Mosel“, sagt Aaron Scheuer. 2011 hat der Kommunikationsdesigner seine Werkstatt- und Verkaufsräume von Wilhelmsburg in die Region in Rheinland-Pfalz verlegt.

Mehr als zehn Jahre lang lebte das künstlerische Multitalent zuvor in Hamburg. Dem Studium an der Design Factory International folgten kreative Jahre südlich der Elbe in Hamburg-Wilhelmsburg. „Meine Ausbildung war mir zu sehr auf Internet und Werbung ausgerichtet. Das war aber nicht meins. Nur am Computer zu arbeiten und zu verkaufen – nein, danke“, sagt der 31-Jährige über seine Umbruchphase. Gemeinsam mit anderen Kreativen zog er in die noch unentdeckten Stadtteile jenseits der City, arbeitete in Gemeinschaftsateliers: „Mitte der Nullerjahre war das eine tolle Zeit – wir haben in Wilhelmsburg gut gelebt, aber auch hart gearbeitet.“

Vor allem entstanden Entwürfe für Fernsehen, Film oder Museen. Diese wurden in Requisiten für TV-Serien, aber auch in Exponate oder Objekte für Ausstellungen umgesetzt. „In dieser Zusammenarbeit mit Tischlern, Schlossern und anderen Handwerkern habe ich viel gelernt“, sagt der zweifache Familienvater. Das Ergebnis: Ragit – Scheuers Accessoires für den Alltag, hergestellt aus wiederverwendeten Materialien. Es entstanden robuste Taschen, Geldbörsen oder Notizbücher aus Lkw-Plane und anderen Verpackungsmaterialien – seine „Klassiker“, die er noch heute gern einsetzt. „Gefunden habe ich Kunststoffplanen bei meinen Radfahrten durch den alten Freihafen von der Veddel hinüber nach St.Pauli. Zum Wegwerfen sind sie viel zu schade – die halten ja ewig.“

Irgendwann, erinnert sich Scheuer, erlahmte die Aufbruchstimmung in Wilhelmsburg. „Die Mieten stiegen, alles wurde schicker.“ Der Entschluss fiel: Scheuer packte Werkstatt und mehrere Hundert Kilogramm Materialien wie Planen und seine geliebte alte Pfaff-Nähmaschine für die groben Stoffe und zog an die Mosel. In Kinheim betrieb seine Mutter bereits ein kleines Café.

Sein Laden-Atelier mit Moselblick – einst Kneipe, dann Friseursalon, später Antiquitätengeschäft – vermittelt zwar immer noch einen Hauch kreativer Großstadtstimmung. Nicht zuletzt, weil neben Containerfolien auch Theaterplanen vom Deutschen Schauspielhaus zu seinen beliebtesten Basisstoffen gehören. Doch zu Citydesign und -werkstoffen sind typische Mosel-Materialien wie Weinfässer und Treibholz gekommen: „Daraus fertige ich Fassmöbel und kleine Stücke wie Messer. Ich probiere gern Neues aus. Wichtig ist mir, alte Handwerke und Techniken zu erhalten. “

Vermisst der Recycling-Handwerker Hamburg? „Ja und nein“, sagt Scheuer. Ein wenig Verbindung zu Hamburg hält er trotz räumlicher Distanz aufrecht – durch Kontakte und Jobs für Studio Hamburg. Weg möchte er aber von der Mosel nicht: „Ich liebe die Natur, die Entschleunigung hier – nicht einmal schnelles Internet gibt es.“ Nur in den Wintermonaten ist es dem Künstler manchmal etwas zu still: „Dann kommen fast keine Touristen. Reisende trifft man fast ausschließlich von Ostern bis Herbstende – mein Laden ist darum auch nur dann geöffnet. Aber hektisch wie in der Metropole Hamburg wird es selbst dann nicht.“