Persischer Golf

„The World“: Noch allein auf der Welt

Wie eine Fata Morgana stieg „The World“ aus dem Persischen Golf empor. Jetzt tut sich was auf den künstlichen Inseln fünf Kilometer vor Dubai.

Am Horizont schält sich diese gewaltige Skyline aus dem Dunst, diese Kette aus Türmen, die Löcher in den Himmel stechen. Im Vordergrund ist nichts als goldgelber Sand, eine türkisblaue Lagune, dann wieder Sand. Über dem Kopf hängen in zweieinhalb Meter Höhe ein paar Palmwedel. Dem Stamm der Pflanze ist anzusehen, dass sie hier vor nicht allzu langer Zeit in den kargen Grund gepfropft wurde. Seitdem werden die Wurzeln über ein paar versteckte Zuleitungen mit Süßwasser gepäppelt. Gut zu sehen am Steg in 150 Meter Entfernung ist auch eine vertäute Motoryacht. Nur zu hören ist rein gar nichts.

Was ist das da drüben? Wohin gehören all die Hochhäuser? Sind diese Lagunen in unechten Paradiesfarben, der Bilderbuch-Sandstrand und diese Stille Erfindungen? Sie waren es vor einem Jahrzehnt, da wurden sie erdacht. Und nun ist all das Wirklichkeit geworden. Das da drüben ist die Skyline von Dubai mit dem höchsten Turm der Welt ganz in der Mitte. Sie ist nur fünf Kilometer Luftlinie entfernt.

Arleng Ravi lacht. Sie kichert über die Besucher, die vom Standbild ohne Ton verblüfft sind. Weil es ihr genauso ging. Weil es diesen Blick, diese Perspektive irgendwie nicht geben kann. Und auch, weil sie immer davon geträumt hat, eine eigene Insel zu besitzen. Am liebsten auf den Philippinen, von wo sie vor einem halben Menschenleben in die Emirate ausgewandert ist. Oder vor der US-Ostküste, wo ihre Kinder studieren. Und jetzt hat ihr Mann ihr diese Insel gekauft. Vor Dubai zwar und nicht für sie beide alleine, sondern, um dort einen exklusiven Beach-Club zu betreiben, den ersten auf The World.

Mehrfach wurde das Projekt totgesagt – alles Quatsch, die Inseln sind da

Lange hat niemand mehr über diese künstliche Inselwelt gesprochen. Es ist eine sandgewordene Hybris aus der Zeit vor der Wirtschaftskrise: 320 Millionen Kubikmeter Kies vom Meeresgrund aufgetürmt zu fast 253 Inseln, die von oben betrachtet die Weltkarte nachbilden – Amerika im Westen, Europa und Afrika ungefähr in der Mitte, rechts dann Asien und Australien. All das umgeben von einem 27 Kilometer langen künstlichen Riff aus 34 Millionen Tonnen Felsen zum Schutz vor Strömungen und Unwettern.

The World war in Vergessenheit geraten. Doch was in Deutschland kaum einer ahnt: Am Golf ist auch die Wirtschaftskrise in Vergessenheit geraten, überwunden, abgeschüttelt. Es wird wieder investiert, aber es wird nun gründlicher kalkuliert, genauer überlegt, ehe Geld ausgegeben wird. Inzwischen fließen die Milliarden eher in die Infrastruktur als in Bauten fürs Buch der Rekorde. Und plötzlich taucht das vielfach totgesagte Projekt The World wieder auf, das in den vergangenen Jahren allenfalls mal den Weg in die Zeitungen fand, wenn irgendeinem Journalisten Halbwahrheiten oder Falschmeldungen zu Ohren gekommen waren. Halb untergegangen soll The World bereits gewesen sein, abgetragen von Wind und Wetter, neu sortiert von Strömungen, verlandet gar, weil sich niemand um etwas scherte.

Alles Quatsch. Die Inseln sind da. Nur gebaut wird fast nirgends, weil manche Inseleigner der ersten Stunde mit anderen Projekten sonst wo auf dem Globus pleitegegangen sind. Jetzt will die Inseln niemand kaufen, weil nichts los ist und man nur mit Boot hingelangen kann. Aber das dürfte sich bald ändern. Denn einer der gescheiterten Investoren hat jemanden gefunden, der ihm sein Eiland für einen Millionenbetrag abgekauft hat. Es war Raman Ravi, der zugriff. Weil seine Frau diese Idee von der eigenen Insel hatte.

Sie kichert wieder, als sie das erzählt. Arleng Ravi tritt bescheiden auf, als wäre es ganz normal, eine Insel zu besitzen. Ihr Mann Raman kam aus Indien an den Golf. Der junge Elektro-Ingenieur gründete eine kleine Firma in Abu Dhabi, in jenem Ort, der damals kaum mehr als ein Dorf und doch Hauptstadt der neu gegründeten Vereinigten Arabischen Emirate war. Ravi wurde reich damit, die Straßenbeleuchtung für Abu Dhabi zu installieren – ein Kontrakt mit Potenzial bis heute. Die Insel kam eher als Hobby hinzu, aber eines, das sich rechnen soll.

Den zwei Fußballfelder großen Royal Island Beach Club kann man mieten: das Haupthaus mit Restaurant und Bar, die Cabañas mit Wohnraum, Bad und Terrasse entlang des Dubai zugewandten Strandes, den großen Pool – das Komplettpaket. Sei es für Hochzeit oder Geburtstagsparty, für Firmenfeier oder Produktpräsentation. In wenigen Wochen soll es Tagestickets für den Club geben. Er liegt auf der The-World-Insel „Libanon“ an der Schnittstelle der „Kontinente“ und noch in Sichtweite von „Deutschland“. Ravi hat zwei weitere Motoryachten bestellt, um einen Pendelverkehr zur Jumeirah-2-Marina an der Küste durchführen zu können.

Sogar Mitglieder der Herrscherfamilie sind hier zu Gast – zumeist unerkannt

Neulich machte eine Yacht am Steg von Ravis Insel fest. Ein junger Mann kam mit Freunden, bestellte Fruchtsaft, Cola, Sandwiches und genoss den Nachmittag in Badehose am Strand, ohne dass er von anderen erkannt worden wäre. Die Ravis waren hocherfreut, denn der Gast war kein Geringerer als Dubais 32-jähriger Kronprinz Hamdan. Der Stolz darüber ist Arleng anzumerken. Nach einer bedeutungsvollen Pause fährt sie fort: „Im Sommer werden wir schließen, wenn es hier zu heiß und die Luftfeuchtigkeit extrem hoch ist.“ Dann sollen Stelzenhäuser ins Wasser gebaut und die Cabañas vergrößert werden. „Im Oktober 2013 eröffnen wir das erste Hotel auf The World, die Anlage wird Fünf-Sterne-Niveau haben.“ Die Pläne, bestätigt ihr englischer Business Development Manager Philip Keys, seien alle schon genehmigt.

Ein zweiter Investor, heißt es aus der Konzernzentrale von Nakheel, wo der Archipel erdacht wurde, werde in Kürze mit dem Bau eines Restaurants und Spas beginnen – auf „Taiwan“. Die Dame, die als Erste auf The World einzog, bekommt also mehr Nachbarn: Scheicha Hind bint Maktum, erste Frau des Herrschers von Dubai. Ihr Haus ist, abgesehen vom Beach-Club, bislang das einzige – irgendwo dort, wo „Grönland“ und „Kanada“ miteinander verschwimmen. Eine weiße Villa, modern, mit großer Glasfront, mit Infinity-Pool, mit Hauspersonal und Sicherheitsleuten. In einem üppigen Garten, umgeben von ein Dutzend Meter hohen Palmen. Ein kleines Paradies, irgendwie aus der Welt gefallen. Aber doch mittendrin.