Reisen und dabei Gutes tun

Kohlendioxid-neutrales Fliegen wird populär. Ein Berliner Veranstalter stellt sogar ganze Touren zusammen, die Urlauber kompensieren können

Die Deutschen erzeugen rund viermal mehr Kohlendioxid pro Jahr, als sie laut Bundesumweltamt (BMU) eigentlich sollten. Und ein nicht geringer Teil davon geht für Mobilität und Urlaub drauf. Doch der Tourismus ist inzwischen einer der weltweit wichtigsten Arbeitgeber, weshalb nicht dem Verzicht, sondern dem nachhaltigen, umweltschonenden Reisen das Wort gesprochen wird.

So bieten immer mehr Veranstalter ihren Kunden eine CO2-Kompensation an, zum Beispiel über Atmosfair. Diese gemeinnützige Gesellschaft, die 2005 aus einem Forschungsprojekt des Bundesumweltministeriums hervorging, fördert den Bau von Solar-, Wasserkraft-, Biomasse- und Energiesparprojekten in Entwicklungsländern. Das Geld dafür kommt von Reisenden als Wiedergutmachung für die Emissionen, die sie als Fluggast mitverursacht haben. Ihr Anteil am Kohlendioxidausstoß wird ermittelt mit dem Ziel, diesen anderswo wieder einzusparen. Wobei einsparen nicht das richtige Wort ist: Was in der Luft ist, lässt sich ja nicht zurückholen. Gemeint sind vielmehr Einsparungen von Emissionen, die es noch gar nicht gibt, die mit der industriellen Entwicklung in der Dritten Welt aber unvermeidlich sind - es sei denn, man unterstützt diese Länder mit Spendengeldern beim Bau klimaschonender Technik wie Solarkraftwerken. Als spendenwilliger Reisender kann man seinen Obolus mithilfe eines Emissionsrechners auf der Website von Atmosfair selber ermitteln, oder man bucht bei einem Veranstalter, der mit Atmosfair zusammenarbeitet (auf www.atmosfair.de sind alle Mitglieder gelistet) und das Geld an die Organisation überweist.

Egal welchen der beiden Wege der Reisende wählt, er bekommt von Atmosfair eine Spendenbescheinigung, die er bei der Steuererklärung einreichen kann. Wer besonders umweltverträglich reisen respektive viel von der Steuer absetzen will, sucht sich einen Veranstalter, der nicht nur eine Kompensation von Flug-, sondern auch von Bahn-, Bus- und Schiffskilometern anbietet sowie Hotelaufenthalte emissionstechnisch erfasst.

Mit genau dieser Dienstleistung startete der Berliner Veranstalter Langsamreisen vor drei Jahren - und besetzte eine Marktlücke, "in der Langsamreisen bis heute weitgehend allein ist", sagt Geschäftsführer Arne Gudde. "Für jede Aktivität des Reisenden ermitteln wir die CO2-Kompensation und führen sie an Atmosfair ab." Der Effekt für den Kunden sei ein dreifacher: Er tue Gutes, verringere mit jedem gereisten Kilometer sein zu versteuerndes Einkommen, ohne - drittens - dafür selbst komplizierte CO2-Überlegungen anstellen zu müssen. Gudde rechnet vor: "Für Frachtschiffreisen werden 1,4 Kilogramm Kohlendioxidausstoß pro 100 Kilogramm Last und Seetag zugrunde gelegt. Da für Passagiere zusätzlich Verpflegung transportiert wird, veranschlagt man Passagiere mit 200 Kilogramm Last - das macht 2,8 Kilogramm Kohlendioxidausstoß pro Tag. Bei einer zehntägigen Fahrt von Hamburg nach New York verursacht ein Mitreisender also 0,028 Tonnen CO2. Dafür überweisen wir einen Euro an Atmosfair."

Bei einer 13-wöchigen Weltumrundung, die Langsamreisen anbietet und die per Frachtschiff und Zug von Rotterdam über New York, Chicago, San Francisco, Hongkong, Peking, Moskau bis nach Berlin führt, kommen beispielsweise knapp 0,80 Tonnen Kohlendioxid zusammen, was einem Spendenbeitrag von 18 Euro entspricht. Und da sind die Hotels noch nicht einmal dabei. Sie in die Rechnung einzubeziehen ist aber durchaus sinnvoll, weil gerade Ferien-Resorts eine große Belastung für den Wasserhaushalt vieler Länder sind.

Nach Angaben der britischen Hilfsorganisation Just a drop (Nur ein Tropfen) benötigt ein Luxushotel mit 400 Betten zur Versorgung der Gäste, des Pools und der Grünflächen etwa 500 Liter Wasser pro Tourist und Tag. Entsprechend den Empfehlungen von Atmosfair legt Gudde bei Hotelaufenthalten pauschal einen Kohlendioxidausstoß von 0,035 Tonnen pro Person und Nacht zugrunde, das sind 81 Cent Kompensation pro Nacht. Unterm Strich müssten Reisende bei einem Langstrecken-Urlaub mit zweistelligen Euro-Beträgen rechnen, die zunächst auf die Reisekosten aufgeschlagen würden, aber dann zu 100 Prozent an Atmosfair gingen, sagt Gudde.

Während bei einer Atlantik-überquerung per Segelyacht ein Wert von 0,118 Tonnen (drei Euro) zugrunde gelegt wird, kommen bei einem Flug von New York nach Hamburg one-way 2,05 Tonnen, mithin rund 48 Euro CO2-Kompensation auf den Reisenden zu. Bleibt die Frage, wie viel Steuern sich sparen lassen. Kürzlich stellte Gudde für einen Kunden einen Australien-Urlaub zusammen: "Der Mann flog von Frankfurt via Singapur nach Sydney, hatte 14 Hotelübernachtungen und eine Zugfahrt von Sydney via Adelaide nach Alice Springs und zurück nach Sydney, von wo er den Heimflug antrat." Mit der kombinierten Flug-Hotel-Zug-Reise verursachte der Kunde insgesamt 9,93 Tonnen Kohlendioxid, wofür er 228,39 Euro Kompensation zahlte. Knapp die Hälfte davon, 95,92 Euro, würde er vom Finanzamt zurückbekommen, wenn er einen Spitzensteuersatz von 42 Prozent zu entrichten hätte - womit der "Umweltanteil" des Australienreisenden auf 132,47 Euro schrumpfen würde. Ein Steuersparmodell sei CO2-kompensiertes Reisen sicher nicht, "aber meine Kunden wollen in erster Linie umweltverträglich reisen", sagt Gudde.