Im Wald der Giganten

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Jürgen Schaefer

In Kalifornien wachsen die höchsten Bäume der Welt. Erst seit wenigen Jahren wagen sich Wissenschaftler in die Kronen vor. Dort fanden sie das Geheimnis für den Riesenwuchs

Ein Drahtseilakt in 20 Meter Höhe, leichtsinnig, irrsinnig. Steve Sillett ist Student der Biologie, 19 Jahre alt, als er im Oktober 1987 zum ersten Mal in seinem Leben durch die Küstenwälder Kaliforniens streift. Er sucht sich einen Baum, dessen Äste weit genug herunterreichen, und wechselt dann mit einem Sprung auf den Giganten nebenan, der Hunderte, vielleicht mehr als 1000 Jahre alt ist. Klettert bis zur Spitze, ohne Sicherung: Ein Abrutschen - und er würde zu Tode stürzen. Überblickt von der Spitze den Hain der Mammutbäume, ahnt vielleicht, dass er seine Berufung gefunden hat. Wohl nicht, dass er ein neues Kapitel der Baumforschung aufschlägt mit seinem Sprung.

Sequoia sempervirens, der Küstenmammutbaum, wegen des roten Kernholzes "Redwood" genannt, gilt zu dieser Zeit als erforscht: Bis zu 3000 Jahre alt, mehr als 110 Meter hoch werden die Bäume. Doch vieles, was in den Lehrbüchern steht, ist falsch. Die Kronen der größten Bäume, beim Fällen oft morsch, seien ökologisch tote Zonen, "Baumkronen-Wüsten", heißt es. Förster glauben zudem, dass die ältesten Bäume längst aufgehört hätten zu wachsen. Es sind Argumente, die der Holzindustrie entgegenkommen: Was nur rumsteht, kann ja auch weg.

Doch nichts davon ist wahr. Steve Sillett perfektioniert das Baumsteigen; schießt mit einem Jagdbogen ein Kletterseil über hohe Äste, zieht sich daran hinauf in die Kronen, die er systematisch erforscht. Er entdeckt, dass die Mammutbäume nach dem Absterben der Spitze neue Kronen formen, die kleinen Bäumen gleichen und wie Fraktale mathematischen Gesetzen gehorchen. Dass Äste sich ineinanderverschränken und zusammenwachsen, um dem Baum Stabilität zu verleihen, wie Stützbögen einer gotischen Kathedrale. Dass sich auf diesen Ästen Farnmatten bilden, hängende Gärten, in 700 Jahren gewachsen. Sillett, inzwischen Professor für Redwood-Ökologie an der Humboldt State University in Nordkalifornien, und seine wachsende Gefolgschaft kletternder Studenten und Kollegen finden in 100 Meter Höhe Salamander und Heidelbeerbüsche. Winzige Ruderfußkrebse, die eigentlich in Gewässern leben und von denen niemand weiß, wie sie einst dort hinaufgelangten. Die Kronen mancher Bäume ragen so isoliert aus den Wäldern empor, dass es sein könnte, dass sie in ihren Biotopen Arten beherbergen, die nur hier vorkommen. Fällt der Baum, stirbt die Art aus.

Abseits der Wanderwege sind die Wälder im kalifornischen Redwood State und National Park undurchdringlich. Umgestürzte Bäume bleiben Hunderte Jahre liegen, ohne zu verrotten. Die meisten Besucher im Nationalpark sehen daher nur einen Bruchteil des Schutzgebiets. Die bekanntesten Baumjäger, Chris Atkins und Michael Taylor, durchkämmen seit Jahrzehnten das Redwood-Gebiet, ausgestattet mit Laser-Distanzmessgeräten. Im Jahr 2000 entdeckten sie einen Baum, so alt wie die Zeitrechnung, 112 Meter hoch. Und als alle Bäume vermessen schienen, fanden sie 2006 an einem Hang drei Bäume, die noch höher waren, darunter "Hyperion", mit 115,72 Metern der wohl höchste Baum der Welt. Als Steve Sillett ihn erkletterte, sah er von oben Rodungsflächen aus den 1970er-Jahren. Hätte sich der Stopp der Kahlschläge damals nur wenige Tage verzögert, wäre auch Hyperion gefällt worden.

Von dem gesamten Urwald, der einst vom Big Sur südlich von San Francisco bis hinauf nach Oregon reichte, sind höchstens noch vier Prozent erhalten. Das Abholzen begann mit dem Goldrausch Mitte des 19. Jahrhunderts; San Francisco wurde zweimal aus Redwood-Holz aufgebaut: einmal vor dem großen Feuer von 1906 und noch einmal danach. In den 1960er Jahren waren 90 Prozent aller Redwood-Urwälder gerodet, und es hätte wohl nur wenige Jahre gedauert, auch die letzten Giganten zu fällen. Doch zu dieser Zeit formte sich in Kalifornien eine Umweltbewegung, die Druck machte gegen die Holzkonzerne. 1968 gründete der Kongress den Redwood-Nationalpark. Auch die Nationalparkverwaltung orientierte sich neu: Ging es bisher darum, Natur als Kulisse zu präsentieren, rückte nun der Schutz der Wildnis in den Vordergrund.

1977 forderte ein Abgeordneter, den Nationalpark um den Redwood Creek zu erweitern, dessen Wasser für die Bäume im Park lebenswichtig ist. Die Holzindustrie schickte nun Bulldozer-Teams rund um die Uhr in die Wälder, um so viele Bäume wie möglich zu fällen, bevor Präsident Jimmy Carter das Gesetz zur Parkerweiterung im März 1978 unterzeichnete - und damit Hyperion vor der Säge rettete. Vielen Umweltschützern ging dies nicht weit genug, denn außerhalb der Parks wurde weiter geholzt. So begannen in den 1970er-Jahren die "Redwood-Kriege". Militante Aktivisten trieben Nägel in die Stämme, damit Holzfällern die Kettensägen um die Ohren flogen. Aus dem Kampf ging "EarthFirst!" hervor, eine der rabiatesten Umweltschutzgruppen. Julia "Butterfly" Hill besetzte 1997 einen Mammutbaum und stieg erst herunter, als die Holzfirma versprach, den Baum zu verschonen - 738 Tage später.

Steve Sillett und Biologen, Genetiker und Dendrologen an den kalifornischen Universitäten sind zu dieser Zeit dabei, die Bäume zu erforschen. Von den Tausenden Giganten mit mehr als 350 Fuß (rund 107 Meter) Höhe stehen nur noch exakt 222. Eine der wichtigsten Fragen ist, wie es den Mammutbäumen gelingt, so hoch zu wachsen. Die größte Herausforderung besteht darin, das Wasser in die Höhe zu transportieren. Dies gelingt mithilfe des Kapillareffekts; Bäume verdunsten Wasser durch die Spaltöffnung ihrer Nadeln, dadurch entsteht ein Unterdruck, der das Wasser nach oben saugt.

Doch je höher das Wasser steigt, umso mehr droht der Wasserfilm zu reißen. Dann dringen Luftbläschen ein, es kommt zur Embolie. Die Bäume wirken dem entgegen, indem sie in weiter oben gelegenen Nadeln die Spaltöffnungen verengen und schließen. Da die Öffnungen aber für die Aufnahme des CO2 verantwortlich sind, das für die Fotosynthese benötigt wird, bedeutet dies, dass die Bäume das Wachstum einstellen.

An Kaliforniens Küste herrscht jedoch ein eigenes Klima. Auch an schönen Tagen ragen von der Golden Gate Bridge über Stunden nur die Turmspitzen aus dem Nebel, den der Westwind vom Pazifik herantreibt. Seit Kurzem wissen die Forscher, dass Sequoias sogar direkt aus dem Nebel Wasser aufnehmen. In trockenen Sommern decken Bäume ihren Wasserbedarf als Nebeltrinker. Bei einer Klimaerwärmung um fünf Grad aber könnten die Küstennebel Kaliforniens verschwinden.

Alte Redwoods sind nahezu unzerstörbar, immun gegen Schädlinge, trotzen Waldbränden, überleben Stürme. Und wachsen unbeeindruckt weiter; vor allem die Giganten, die angeblich nur herumstehen, produzieren zehnmal mehr Holz im Jahr als ein kommerziell genutzter Wald. Dabei absorbieren sie riesige Mengen CO2. Die alten Wälder zählen zu den wichtigen Kohlenstoffsenkern der Erde. Der beginnende Klimawandel ist nicht der erste, den diese Art der Sequoias erlebt. "Doch anders als in früheren Zeiten findet dieser Wandel über einer stark fragmentierten Landschaft statt", sagt Emily Burns, wissenschaftliche Direktorin der Umweltschutzorganisation Save the Redwoods League. Wird es diesen Wald in 100 Jahren noch geben? "So viel wir wissen, stehen Redwoods hier seit Millionen von Jahren. Die nächsten 100 Jahre werden schwierig, aber ich bin sicher, dass die Bäume das überleben."

Der (gekürzte) Text stammt aus dem neuen "GEO Special: Nationalparks USA", ab sofort für 8,50 Euro im Handel erhältlich