Indien

Abpflücken und Tee trinken in Darjeeling

Alle Welt kennt Darjeeling - als berühmte Teesorte. Weniger bekannt ist das gleichnamige indische Städtchen, ein Relikt aus der Kolonialzeit.

Logik ist beileibe kein Maßstab für alles, aber die meisten Dinge entkommen ihr nur selten. Menschen werden älter, Länder reicher, Städte größer, und damit verändern sie sich meist genau so, wie man das eben erwarten würde.

Deshalb wird man ein Gefühl nicht los, wenn man auf einer Terrassenbank vor dem Windamere Hotel in Darjeeling sitzt, kurz nach Sonnenaufgang, wenn sich die über Nacht abgekühlten Wolken den Hang hinauf- und über alles hinwegwälzen, wenn nichts zu sehen ist außer einem Glühen von überall her und ab und zu einem Fetzen Grün im Tal, 2000 Meter tiefer, wenn das einzige Geräusch eine Gebetsglocke irgendwo im Nebel ist und ein weiß behandschuhter Kellner mit Turban schweigend Tee serviert. Das Gefühl, dass es diesen Ort, rein logisch, nicht mehr geben dürfte.

Und das ist auch so. Darjeeling ist eine Anomalie. Jeder kennt den Namen des indischen Städtchens in den Ausläufern des Himalajas, denn hier wächst der beste Tee der Welt. Gleichzeitig aber ist Darjeeling ein Relikt aus einer Zeit, als Indien noch lange keine aufstrebende Wirtschaftsmacht war, sondern das Herz des britischen Weltreichs, gebaut aus roher Gewalt und feiner Eleganz, Gewürzen und Opium, großen Ideen und falsch verstandenen Idealen.

Der "Raj", die 100-jährige britische Herrschaft, ist hier noch lebendig wie kaum sonst irgendwo. Manchmal kann man sie sehen, überall spürt man sie. Die Vergangenheit schwebt durch Darjeeling wie ein Gespenst, das die Ruinen eines gefallenen Imperiums besucht.

Und im Windamere, einem der exzentrischsten, vielleicht schönsten, ganz sicher aber zauberhaftesten Hotels der Welt, wohnt sie wahrscheinlich. Zwischen Bougainvillea-Büschen, die aus Badewannen wachsen, gedrechselten Säulen, schmiedeeisernen Waschbecken und Chesterfield-Garnituren.

Dass das Hier und Heute an Darjeeling derart vorbeizog, hat, wenn man so will, Tradition. Die East India Company, der militärisch-industrielle Arm des Empire, pachtete die Gegend 1835 vom Königreich Sikkim, um in dem milden Gebirgsklima ein Sanatorium zu errichten. Zwischen 1850 und 1866 annektierten die Briten folgerichtig die gesamte Umgebung und begannen im großen Stil mit dem Anbau von Tee aus China, der sich an den Hängen äußerst wohl fühlte. Nach und nach kamen immer mehr Teile der in Kalkutta ansässigen Kolonialregierung aus ihrer brütend heißen Hauptstadt für ein paar Monate im Jahr in die Berge, und aus Darjeeling wurde ein viktorianisches Städtchen, das sich jeden Sommer mit Beamten, Soldaten und Teepflanzern füllte sowie all den Lehrern, Händlern und Handwerkern, die so ein Kleinstaat zum Funktionieren braucht. Dann zogen sie wieder weg. Die Moderne war in Darjeeling schon immer nur zu Besuch.

Im Windamere sieht es heute noch so aus wie damals. 1889 entstand das Hotel als Pension für die periodisch Zuwandernden. Nun steht es auf dem höchsten Hügel des Bergstädtchens als Kollektion verwunschener Häuschen, verbunden durch Vorgärten, Kieswege und Blumenbeete - und verweigert sich störrisch jeder Veränderung. Es gibt keine Fernseher, keine Computer, keine Zentralheizung. Stattdessen gibt es: einen offenen Kamin in jedem Zimmer, eine Bibliothek, Wärmflaschen in den Betten sowie eine erstklassige Hotelbar, in der Schlager der 30er-Jahre laufen.

Das 20. Jahrhundert verschaffte sich nur einmal auf breiterer Front Zugang, als das Management die Badezimmer modernisierte und Telefone installieren ließ. Allerdings betrieb man dies offenbar nicht mit der gebotenen Hingabe: Die Telefonanlage lässt aufgrund eines bis heute unauffindbaren Fehlers bei einem Anruf gleich mehrere Apparate quer durchs Hotel läuten. Als Resultat fängt die Rezeption nun alle Gespräche ab und zitiert den Angerufenen mittels eines Bediensteten zur Entgegennahme an den Empfang.

Und in den sanierten Bädern flehen Schilder so höflich wie bestimmt, auf keinen Fall an den Armaturen herumzuspielen - die Maschinerie befinde sich in einem empfindlichen Gleichgewicht, das unter keinen Umständen gestört werden dürfe.

Allerdings muss man so weit erst einmal kommen. Das geht per knochenzermalmender Autofahrt vom Provinzflughafen Bagdogra, lässt sich aber auch deutlich schöner bewerkstelligen: Die 1881 von den Briten in die Berge gebaute Eisenbahn ist heute noch in Betrieb. Für die gut 80 Kilometer (und 2000 Höhenmeter) ab Siliguri braucht der Zug acht Stunden und fährt manchmal so dicht (und langsam) an den Häuserwänden der Dörfer vorbei, dass deren Bewohner den Passagieren durch die Fenster Lebensmittel verkaufen. Dazwischen blickt man in atemberaubende Täler, auf Tempel und Missionarsschulen, während Klima, Flora sowie das Aussehen der Menschen in den Straßen stetig anders werden.

Darjeeling ist eben auch ein Teil des Himalaja. Die meisten der 130.000 Einwohner haben ihre Wurzeln in Sikkim, Tibet, Bhutan oder dem legendären nepalesischen Kriegervolk der Gurkhas. Das Leben in Darjeeling ist deshalb immer noch ein rauschender Strom aus 1000 Sprachen, Farben, Göttern und Gerüchen. Als ob die glühende Sonne des Tieflands halb Indien und alles bis nach China geschmolzen und diese Legierung dann im ewigen Frühling hier verteilt hätte. Wenn es in Europa kalt ist, zwischen Oktober und April, ist die beste Zeit, um das zu erleben.

Im Windamere feiern sie auch das - und dazu körbeweise Anekdoten. Eines der Gebäude beherbergte früher die katholische Mädchenschule, in der Vivian Leigh ihre Kindheit verbrachte - bevor sie 1939 in "Vom Winde verweht" Scarlett O'Hara spielte. In der Hotelbar traf die New Yorker Society-Größe Hope Cooke 1959 den letzten Kronprinzen von Sikkim und heiratete ihn vier Jahre später. Irgendwann kam Prinz Peter von Griechenland vorbei, dann Peter Ustinov, auch Queen Elizabeth war kurz zu Gast. Von solchen Ereignissen zeugen Hunderte Schwarz-Weiß-Fotos, die jeden Flecken Wandfläche bedecken.

Das Personal umfasst alle ethnischen Gruppen der Umgebung und versieht seine Pflichten meist in der jeweiligen Nationaltracht, verfeinert höchstens mit einer Livree oder einem Dinnerjacket. Jeder Gast wird an der bewachten Auffahrt persönlich begrüßt und wieder verabschiedet.

Es ist eine Welt aus stillem, wohnlichem Luxus und dem einen oder anderen Stromausfall, in der es tatsächlich nicht viel zu tun gibt. Man könnte wandern gehen, aber die Luft ist so dünn. Man könnte Sightseeing betreiben, aber man sieht schon so viel beim Verdauungsspaziergang. Man könnte alles Mögliche tun, aber man sitzt meist doch nur auf der Terrasse und schaut, wenn sich der Nebel verzogen hat, auf die fünf Gipfel des Kanchenjunga - 8586 Meter hoch, der dritthöchste Berg der Welt.

Wobei: In Wahrheit gibt es doch einiges zu tun. Am wichtigsten ist natürlich der Tee, das Herz Darjeelings und die Wurzel seiner Existenz. Es gibt in den Hügeln um die Stadt Dutzende Plantagen sowie sehr viele Menschen, die am Geschmack nicht nur den Hersteller, sondern auch die Erntezeit erkennen können. Sehr gut kann man sich etwa in den Happy Valley Tea Estates in diese Geheimwissenschaft einführen lassen, in das Brechen der Blätter, das Rollen, das Trocknen und in die Frage, warum auch heute praktisch nur Frauen Tee ernten (Antwort: Sie sind einfach sorgfältiger). Die Plantage wurde 1836 gegründet und beliefert unter anderem exklusiv das Londoner Nobelkaufhaus Harrods.

Oder man besucht weiter die Überbleibsel der Vergangenheit; den Gymkhana Club zum Beispiel, einst Treffpunkt der sportbegeisterten Kolonisten, vor dessen staubiger Tennishalle heute Schulkinder Karate üben. Die 1843 erbaute St. Andrew's Church, die genauso in jedem schottischen Dorf stehen könnte. Oder den Planters' Club, früher Zentrum des gesellschaftlichen Lebens, wo die Teepflanzer abends ihre Tage ertränkten. Leider verirrt sich heute kaum noch jemand an die Billardtische in den getäfelten Räumen, an deren Wänden ausgestopfte Tiger- und Gemsenköpfe hängen - obwohl die Terrasse einmalig günstig gelegen ist, um hier einen Sundowner einzunehmen (darüber hinaus ist sie mit einem antiken Maschinengewehr bestückt).

Eines sollte man sich auf keinen Fall entgehen lassen: einen Besuch im Himalajan Mountaineering Institute (HMI). Dem Ort, an dem Darjeeling seine tiefe Verbundenheit mit den Bergen zelebriert. Vor der Öffnung Nepals brachen alle Expeditionen zum Mount Everest von Darjeeling aus ins Hochgebirge auf, bis heute leben etliche Sherpas hier. Tenzing Norgay, Sohn der Stadt und gemeinsam mit Edmund Hillary 1953 erster Bezwinger des Everest, ist so etwas wie der Nationalheilige.

Im HMI - das praktischerweise im Stadtzoo liegt, ein Besuch lässt sich mit einem Blick auf Schneeleoparden und Tiger verbinden - gibt es ein Stockwerk voller Bergsteigerausrüstung, Fotos alpiner Legenden (unter anderem von Reinhold Messner) und in Formaldehyd eingelegte Frösche und Ratten aus der Welt auf dem Dach der Welt. Und es gibt eine Ausstellung zum Mount Everest selbst, der den Menschen hier als berggewordene Gottheit galt.

Wer Lust auf mehr bekommen hat, kann morgens um fünf auf den Tiger Hill fahren und sich den Sonnenaufgang hinter dem Everest anschauen. Im Windamere organisieren sie das gern, wie sie auch sonst alles organisieren: Trekkingtouren mit Tenzing Norgays Sohn Jamling, Rafting in den Gebirgsbächen, stundenlange Autofahrten, um frühmorgens den Mönchen eines Klosters beim Gebet zuzusehen, oder auch nur passende Kleidung, wenn das außerhalb der Regenzeit zwar milde, aber bisweilen doch erratische Wetter einen Gast an Exkursionen hindern könnte.

Und dann gibt es im Windamere Filmabende mit Managerin Elizabeth Clarke, die neben der Geschichte des Hotels stundenlang von ihrem eigenen Leben erzählt. Oder Weihnachts- und Silvesterfeiern, bei denen Bühnenstars aus Australien oder dem Londoner Westend auftreten. Am Ende sind das zwei Arten von Urlaub, eine alte, eine neue, vielleicht auch zwei Zeiten, und wahrscheinlich ist keine schöner als die andere. Möglicherweise aber doch.