Skidestination

Trois Vallées: Courchevel und die drei Täler

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Jörn Lauterbach

Das größte zusammenhängende Skigebiet der Welt heißt "Trois Vallées". Gelegen in den französischen Alpen, ist es beliebt bei Amerikanern, Russen, Arabern und Gästen aus ganz Europa - als eine Destination der Extraklasse

Es ist kurz nach 23 Uhr, als zum ersten Mal die russische Nationalhymne erklingt. Und tatsächlich erheben sich die Gäste im Le Mangeoire, einige steigen sogar auf die Stühle, auf denen sie eben noch saßen, um auf 1850 Meter Höhe Meeresfrüchte zu essen. Doch nicht Respekt oder gar Ehrfurcht vor dem vaterländischen Liedgut treibt die jungen Menschen in die Höhe, sondern der bessere Blick auf die Show, die jetzt beginnt: Knapp bekleidete Frauen und Männer bahnen sich ihren Weg durch die Gassen des Restaurants, von dessen tiefen Holzdecken schwere Ketten hängen, die später auch noch eine Rolle spielen sollen. In ihren Händen tragen die Kellner Magnumflaschen Champagner und Wodka an einen Tisch, Wunderkerzen erhellen die schon leicht geröteten Gesichter jener, die an diesem Abend wie viele andere auch noch für so manchen Fanfarenstoß sorgen werden. Wer hier bezahlt, bekommt als Dreingabe zum Alkohol auch seine Hymne. Und hofft vielleicht auf ein wenig Anerkennung.

Darum geht es hier ohnehin in Courchevel, dem mondänsten Ort des größten zusammenhängenden Skigebiets der Welt. Zusammen mit zwei weiteren erschlossenen Schluchten nennt sich das Gebiet schlicht "Trois Vallées", drei Täler, und für Generationen von Skifahrern bilden sie die größte Herausforderung der Alpen. Nicht weil die Pisten so besonders schwierig wären, sondern weil sie mit 600 befahrbaren Kilometern so viele sind, dass der Streckenplan ungefähr so anspruchsvoll zu lesen ist wie eine Straßenkarte von Bangkok.

Dabei werden je nach Lebensabschnitt in aller Regel die Täler dieses französischen Höhenzuges von Südwest nach Nordost erobert - je nach Dicke des Portemonnaies. Die Gruppenreisen der Schulen oder Studenten, gern in 15 Stunden mit dem Bus und ausgerüstet mit Mamas Schnittchen aus Norddeutschland oder gar Skandinavien zurückgelegt, führten in die Hochhausschluchten von Les Menuires und Val Thorens; der Wein wurde aus Pappkartons getrunken, Techno-Beats dröhnten aus den Boxen. Alle Möbel in den Appartements waren etwas abgestoßen und manches Verhalten nach Mitternacht auch abstoßend. Mit dem ersten eigenen Geld und vielleicht befreundeten Pärchen ging es später ins etwas stilvollere Meribel, das Restaurants oberhalb der Pizza-Klasse bot den Vorteil, im Mittelpunkt des Geschehens der Täler zu liegen. Und wer es über den Gipfel des Saulire schaffte und also in Courchevel nächtigen durfte, der hatte an irgendeiner Stelle seines Lebens den richtigen Abzweig geschafft. Teurer und mondäner geht es trotz der mächtigen Konkurrenz in der nahen Schweiz kaum.

Von einer Wirtschaftskrise jedenfalls ist hier nichts zu spüren, der Hauptort auf 1850 Metern rühmt sich damit, zu den weltweit internationalsten Skidestinationen zu gehören. Amerikaner, Russen, Araber kommen hierher, dazu Gäste aus ganz Europa. "Die Deutschen allerdings", sagt Nathalie Faure vom örtlichen Tourismusverband, "sind uns zwar sehr lieb, aber kommen nicht mehr so häufig." Die 14 Hotels, die in der Fünf-Sterne-Kategorie angesiedelt sind, haben aber auch so genug zu tun, schließlich liegen sie in einem Gebiet der Extraklasse.

Selbst sieben Tage reichen geübten Skifahrern kaum dafür aus, um alle Strecken von jedem der zahlreichen Gipfel, die bis auf 3330 Meter am Pointe de Bouchet führen, wenigstens einmal bewältigt zu haben. Stets locken noch nicht gefahrene Routen, Vergabelungen, unterschiedliche Schwierigkeitsgrade und wilde Liftverbindungen - auch an den Rändern des Skigebiets geht es noch einmal rauf, sodass insgesamt vier Bergrücken zur Verfügung stehen. Das Zahlenwerk ist für Kenner der Alpenszene beeindruckend: 15 Ortschaften liegen an den Liften, 51 Restaurants bieten auf den Bergen die Chance zur Einkehr (von Bauernstube bis Technoschuppen ist alles dabei), 200 Schneekanonen versorgen die 318 Abfahrten und 76 Talabfahrten mit ausreichender Unterlage. An manchen Stellen stehen mehr Richtungsschilder als auf der Ruhrautobahn.

Schon wegen des Nervenkitzels ist ein Besuch in den drei Tälern früher wie heute sehr zu empfehlen, und dabei ist es egal, in welchen Ort die Reise führt, alles ist vielfältig miteinander verknüpft und der Skigenuss in allen Schwierigkeitsstufen beinahe unbegrenzt. Allerdings gilt es, die Entfernungen richtig abzuschätzen - wer nicht aufpasst, erreicht die letzte Bergbahn des Tages nicht mehr und landet so im falschen Tal, und dann wird die Rückkehr zum Hotel teuer. Gegen 16 Uhr jedenfalls, wenn der Liftbetrieb eingestellt wird, lassen Tag für Tag die Taxis ihre Dieselmotoren in der sicheren Erwartung von Kundschaft an; jetzt gibt es keine Chance mehr, auf Skiern ins Tal zu kommen. 100 Euro für eine Fahrt runter in Richtung Albertville, einmal herum ums Bergmassiv und dann wieder hinauf in den eigenen Ort sind dann schnell perdu. Um das zu verhindern, wird mancher Ziehweg am späten Nachmittag mit Doppelstockeinsatz und in Abfahrtshocke genommen.

Wer den beschriebenen finanziellen Lebensweg durch die Hauptorte hinter sich gebracht hat und noch immer fit genug für Acht-Stunden-Tage auf Skiern ist, merkt aber auch, dass sich in den Dekaden nicht alles geändert hat. Viele Lifte sind noch auf dem Stand der 80er-Jahre, und zwar wurde in Les Menuires und Meribel manche nackte Betonfassade mit dunklem Holz verkleidet, aber der Traum des französischen Urlaubs-Sozialismus, der auch am Mittelmeer zu einigen Hochhaussiedlungen in schönster Natur geführt hat, lebt hier weiter. Courchevel, durch einen Flugplatz ganz oben am Fuße der schönen Pralong-Piste angebunden, ist da die Ausnahme: Hier hat sich der allgemeine Wellness-Trend an die Seite des Skifahrens gestellt. Besucher aus 50 Ländern kommen hierher, und viele der Gäste stehen nur noch am Vormittag auf den Brettern. Kunstausstellungen, Musikfestivals, vor allem aber die Spas der Luxushotels und die Luxusboutiquen im Zentrum setzen ein Gegengewicht. "Der Sport soll im Mittelpunkt stehen, aber das alleine reicht nicht mehr", sagt dazu Nathalie Faure.

Das allerdings war für die Gruppenreisenden, die früher zwei Täler weiter ihre nassen Skisocken auf der Heizung des ohnehin muffigen Appartements in Val Thorens trockneten, seinerzeit auch nicht zwingend anders - am Abend wurde gefeiert und die eigens mitgebrachte Nationalflagge an den Balkon gepinnt.

So weit entfernt davon ist der späte Abend im La Mangeoire dann doch nicht. Eine dralle Sängerin steht auf einem Tisch, hält sich an den schweren Eisenketten und singt "I Will Survive", was so etwas wie das Motto der eifrigen Skifahrer des kommenden Tages sein könnte. Doch dann muss sie absetzen, die französische Nationalhymne erklingt, die Jeunesse dorée aus Paris oder Lyon gibt das Geld der Eltern aus. Wunderkerzen sprühen, der Champagner fließt am Flaschenhals herunter. Hier ist eben alles etwas größer und eleganter als sonst wo in der Skiwelt.

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