Island

Raue Schale, heißer Kern

| Lesedauer: 10 Minuten
Iris Hellmuth

Wasserfälle, Geysire, Vulkane, Gletscher: In Island, Partnerland der Reisemesse Hamburg, sorgt die Natur fürs große Spektakel

Sie hören ihn immer, diesen Satz, wenn das Flugzeug in Kevlavík landet, "Velkomin heim", sagt die Stewardess dann und macht eine Pause, auf Deutsch: "Willkommen zu Hause." Man sagt, dass jeder Isländer, der das Land verlassen hat, irgendwann in seinem Leben wieder auf die Insel zurückkehrt. Oder zumindest ist das die Geschichte, die sich hier jeder darüber erzählt.

Rund 50 Kilometer sind es vom Flughafen Kevlavík bis nach Reykjavík, Lavafelder säumen die Straße bis zum Horizont, es ist die erste große Belagerung vor den Toren der Stadt. Moose und Flechten haben sich über die steinerne Landschaft gelegt, halten sie besetzt und weniger schwarz, und wenn der Kleinbus im Regen beschleunigt, dann sind sie ein bräunlich-grüner Film, der am Fenster vorbeiflattert. Manchmal denkt man, dass die Landschaft auf Island aus einem Bausatz für Weltenerschaffer ist: oben der Himmel, unten die Lava, dazwischen - das Nichts. Nur in der Ferne eine rauchende Bucht, und das ist dann Reykjavík.

Vielleicht ist Island ja tatsächlich das: ein Bausatz der einfachsten Dinge, sodass am Ende möglichst viel Platz bleibt für das Glück.

Im Osten der Insel liegt das Glück in den Steinen. Mit dem Flugzeug geht es von Reykjavík nach Egilsstadir und von dort aus mit dem Kleinbus nach Borgarfjördur Eystri, einem kleinen Ort am Ende eines Fjords, umschlossen von mächtigen, schneebedeckten Hügeln. Es waren Fischer, die als Erstes hierherkamen vor etwa 1000 Jahren und die blieben, bis vor 25 Jahren die einzige Fischfabrik schloss.

Die Steine liegen in einem winzigen Raum im Heimatmuseum von Borgarfjördur Eystri, fein säuberlich aufgereiht in mehreren Vitrinen. Eckig und rund, violett, grün oder braun, alle haben ein kleines Namensschild, die kleinen runden zum Beispiel heißen "Baggalútar". Kein Isländer würde auf die Idee kommen, sich diese Schätze in die eigene Tasche zu stecken. Selbst Steine haben eine Seele auf dieser Insel, sie gehören den Elfen, die auf sie aufpassen oder in ihnen wohnen. Und einer schlecht gelaunten Elfe möchte kein Isländer begegnen, nicht einmal im Traum.

Der Raum hinter den Steinen ist für die Kinder. Es gibt eine Höhle, ein kleines Schloss, grünen Samt an den Wänden und Lichterketten; und wenn die Kinder hierherkommen und den Geschichten der Elfen lauschen, die ihnen vorgelesen werden, dann wundert einen gar nichts mehr. Vor allem nicht, dass diese Insel voller Künstler ist, voller Schriftsteller und Bildhauer, Tänzer, Filmemacher und Musiker. Eine Insel voller: Geschichtenerzähler. Die Tag für Tag ihre Schätze bereichern, umgeben von einer so hemmungslos präsenten Landschaft, dass man einfach nur dasteht und schaut. Die Isländer sind ein reiches Volk. Doch ihr Vermögen liegt nicht auf den Banken. Es liegt in der Erde, im Wasser, in den spuckenden Geysiren, brodelnden Schlammlöchern. In Fjorden voller Schwänen und voller Eis. In abgelegenen Dörfern und einer trinkfreudigen Hauptstadt. In der Hochsaison ist all das inzwischen fast überlaufen, weil es sich natürlich herumgesprochen hat: dass Island ein Sehnsuchtsort ist, atemberaubend schön und seit der weltweiten Finanzkrise auch beinahe bezahlbar. Aber wer all das eher für sich haben möchte, der reist im Herbst hierher. Im Winter. Oder im bald beginnenden Frühjahr.

Wer als Tourist in den Osten Islands fährt, darf nicht das große Entertainment-Programm erwarten. Ohnehin gehört Island ja nicht zu den großen touristischen Freizeitparks, es gibt keinen Strand und keine Badesaison, Skifahren ist auch eher schwierig. Man muss - abseits der Touristenattraktionen wie Höhen, Geysire und Wasserfälle - ein bisschen selber schauen, was man unternimmt. Aber im Grunde hat es immer mit der Natur zu tun. Man kann stundenlang wandern, Rad fahren, in heißen Quellen liegen, Geysiren zuschauen, die Fjorde entlangreiten, Wale oder Seehunde beobachten. Man kann Gletscher bezwingen, Schäfchen zählen, im Sommer Beeren pflücken, dem Steinbeißer beim Trocknen zusehen. Oder man kann den Menschen zuhören. Menschen wie Arngrimur Asgeirsson.

Asgeirsson ist in Borgarfjördur Eystri aufgewachsen, er ist Anfang 40 und spricht laut, sein Körper ist kräftig, aber nicht dick. Wer noch ein Bild des ehemaligen HSV-Trainers Martin Jol vor Augen hat - so sieht Arngrimur Asgeirsson aus. "Dort drüben bin ich geboren und da bin ich getauft worden", erzählt er auf einem Spaziergang durch den Ort, und die Häuser, um die es geht, sind immer in Zeigweite. Die Schule, die Kirche, der kleine Einkaufsladen. Alles ist klein und heil. Wie das Hotel, das Arngrimur mit seiner Frau betreibt. Es liegt (wie alles in Borgarfjördur Eystri) direkt am Fjord, einfache Zimmer mit dem nötigsten Komfort, Betten, ein Schrank, eine Dusche. Der Osten Islands braucht die Touristen. Vom Fischfang lebt hier niemand mehr, und wer das jetzt traurig findet, der sollte in den alten Romanen nachlesen, wie hart das Leben damals war, für die Männer wie die Frauen.

Die isländische Autorin Kristín Marja Baldursdóttir hat es beschrieben, ihr Roman "Die Eismalerin" erzählt einen Teil ihrer eigenen Familiengeschichte und spielt in Borgarfjördur Eystri. Drei junge Schwestern, eine davon ihre Großmutter, arbeiten Tag für Tag auf dem Heringsplan, ihre "Haut war durch Fischinnereien, Nässe und Salzlake wie verätzt, und die Leinenhandschuhe boten keinen wirksamen Schutz. Wenn die Haut rotfleckig geworden war, schälte sie sich ab, und das Salz konnte bis auf die Knochen eindringen. Schon nach ein paar Tagen wimmerten sie abends in ihren Kojen vor Schmerzen."

Über diesen Roman wurde in Island viel diskutiert. Baldursdóttir hatte ihn 2004 veröffentlicht, als dem Reichtum des Landes keine Grenzen gesetzt schienen und es den isländischen Frauen, so empfand es Baldursdóttir, nur noch um neue, flüchtige Trends ging. Tatsächlich wurde Reykjavík zum heißen Tipp unter Trendscouts. Nur mit der harten Arbeit ihrer Großeltern hatte das nicht mehr viel zu tun, fand Baldursdóttir. "Ich wollte ein Zeichen setzen mit meinem Buch. Ich glaube, mir ist das auch gelungen damals", sagt sie.

Baldursdóttir ist eine sehr schöne Frau Anfang 60, die ihr Herz nicht nur an Island und seine Geschichte, sondern auch an Norddeutschland verschenkt hat - viele Jahre spielte ihr Mann in Wilhelmshaven Handball. Doch schon vor längerer Zeit ist die Geschichtenerzählerin auf die Insel zurückgekehrt. Die Finanzkrise hat sie gut überstanden. Nun empfindet sie Island wieder als eine Insel, die sich auf sich selbst besinnt. Die weiß, was ihr eigentlicher Reichtum ist. Und weil das so pur und unprätentiös ist, verteilt man gar nicht erst dicke Labels wie "Made In Iceland". Die Flasche Quellwasser wird, mit einem Stück Pergamentpapier lose verschlossen, einfach zum Essen auf den Tisch gestellt. Anderes gibt es auf Nachfrage. Und wer einmal in den Genuss eines isländischen Lammbratens kam, der will ohnehin nie wieder einen anderen. Frisch und zart, nach Kräutern duftend - keine Spur der strengen Hammelnote, die man sonst von diesem Gericht kennt. Es gibt keinen einzigen McDonald's auf Island, nicht einmal in Kevlavík, wo bis vor wenigen Jahren noch amerikanische Soldaten stationiert waren. Isländer überlegen genau, was sie konsumieren. Wie sie sprechen. Wie sie ihre Kinder nennen. Das hat nichts mit Ausgrenzung zu tun. Sondern mit einem Besinnen auf sich selbst, einem Geist des: "Ihr könnt uns viel erzählen, wir machen das, was uns richtig erscheint."

Auch in Seydisfjördur ist dieser Geist zu spüren. Und auch dieser Ort kämpft um seine Existenz, seitdem die Fischerei-Industrie nicht mehr einträglich genug ist. In der Kirche steht Olá Saevarsdóttir. Sie ist so etwas wie der gute Geist des Ortes, geboren und aufgewachsen in Seydisfjördur und nun in so vielen Gremien und Vereinen zur Rettung des Ortes engagiert, dass sie jeder seit Langem kennt.

In Seydisfjördur ist es so, wie man sich als kleines Kind eine heile Welt vorstellte, wenn man gerade wieder ein Buch von Astrid Lindgren gelesen hatte. Es gibt einen kleinen Ortskern mit bunt gestrichenen Häusern, weißen Dächern, einem kleinen Hafen und der wahrscheinlich schönsten Kirche Islands. Sie ist hellblau und aus Holz, hinter ihr beginnen die grün bemoosten Hügel. Seydisfjördur ist ein wunderbarer Ort für eine Zeitreise. Man ist hier sehr dankbar für die Stille. Für neue alte Hotelzimmer, die das Leben vor 100 Jahren noch einmal erfahrbar machen. Und für Menschen wie Philippe.

Der vollbärtige Franzose sitzt in der einzigen Kneipe des Ortes, er ist Künstler und zapft Bier und strickt. Jeden Tag und jeden Abend. Die Schals, die er herstellt, verkauft er in der kleinen Kneipe, und sie gehen so gut, dass er ständig zu tun hat. Große Nadeln stechen in isländische Wolle, es ist ein Spektakel, bei dem jeder gern zuschaut. Vielleicht wird Philippe eines Tages wieder fortgehen. Aber wenn, dann hat er, egal wo auf der Welt, eine verdammt gute Geschichte zu erzählen.

Mehr Artikel aus dieser Rubrik gibt's hier: Reise