Osterinsel

Tapati-Festival: Triathlon für eine Königin

Beim Tapati-Festival auf der Osterinsel wird einmal im Jahr um den Titel der Reina Rapa Nui gekämpft - zuschauen und mitmachen ist erlaubt

Nur mit einem Lendenschurz bekleidet und unter der 20-Kilogramm-Last von zwei Bananenstauden, die rechts und links von der Schulter hängen, rennen die besten Athleten der Osterinsel um den Kratersee des erloschenen Vulkans Rano Raraku. Begeistert feuern die Zuschauer am Wegesrand die Sportler an. Diese kommen auch an einigen der riesigen Moai-Statuen vorbei, welche die Südsee-Insel weltberühmt machten. Starke Windböen wirbeln den feinen Sand des Kraters hoch, sodass man sich immer wieder die Augen reiben und das Kamera-Objektiv putzen muss. Die grelle Sonne blendet. Wildpferde, die sich sonst vorwiegend am Ufer des Sees aufhalten, haben sich an den Kraterrand zurückgezogen.

Der Laufwettbewerb ist Teil des Triathlons, der beim jährlichen Festival "Tapati Rapa Nui" auf diesem geheimnisvollen Pazifik-Eiland veranstaltet wird. Die beiden anderen Disziplinen des Dreier-Wettkampfes: Paddeln in Kanus, die aus Binsen gefertigt wurden, und Schwimmen im Kratersee.

"14-mal habe ich den Triathlon gewonnen, zweimal belegte ich den zweiten Platz. Jetzt bin ich 38 Jahre alt, da wird es Zeit, zurückzutreten. Künftig trainiere ich junge Athleten." Mit diesen Worten erklärt Tuma, der erfolgreichste Sportler der Osterinsel, warum er an dem Triathlon nicht mehr teilnimmt. Er ist noch immer ein Modell-Athlet und hätte in seinen besten Jahren wohl auch in Europa oder den USA Karriere machen können. "Aber ich hatte keine Sponsoren", sagt Tuma rückblickend. Von der Bevölkerung wird Tuma verehrt. Er gilt als Vorbild nicht nur als Sportler, sondern auch wegen seines sympathischen Auftretens.

Das zweiwöchige Tapati-Festival ist eines der bedeutendsten Kultur- und Sport-Ereignisse der polynesischen Insel-Welt im Pazifischen Ozean und findet Anfang bis Mitte Februar statt. Die Tradition geht zurück bis zum Jahr 1967. Damals dauerte das Fest nur eine Woche (Tapati = Woche). Inzwischen hat es sich von einem Globetrotter-Geheimtipp zum international beachteten touristischen Anziehungspunkt entwickelt. Wer das beliebte Tapati erleben will, sollte sich etwa sechs Monate im Voraus um Flüge und Unterkunft bemühen.

Rapa Nui (Entferntes Land) heißt die Insel bei ihren nahezu 6000 Bewohnern, auch Te Pito o te Henua (Nabel der Welt). Auf Spanisch, der offiziellen Sprache, sagt man Isla de Pascua, im Englischen Easter Island. Doch die Einheimischen verständigen sich auch in ihrer eigenen Sprache Rapa Nui. Entdeckt wurde die von Polynesiern bewohnte Insel zu Ostern 1722 vom holländischen Seefahrer Jacob Roggeveen - er gab ihr deshalb den Namen Osterinsel. Seit 1888 gehört sie zu Chile, obwohl das südamerikanische Festland in 3765 Kilometer Entfernung liegt.

Ziel des Festivals ist, am Ende eine neue Königin zu krönen. Zwei junge Kandidatinnen und ihre Teams kämpfen in kulturellen und sportlichen Wettbewerben um Punkte, die von einer Jury vergeben werden. Die Gewinnerin wird symbolische Tapati-Königin für ein Jahr, sie verfügt über keinerlei politische Macht und übt auch sonst keine offiziellen Funktionen aus.

Die Teams werden von den Familien und Freunden der jeweiligen Kandidatin gebildet. Sie selbst sollte eine Rapa Nui sein, ledig und kinderlos, die einheimische Sprache beherrschen und Fragen zur Insel-Kultur beantworten können. Monatelang dauern die Vorbereitungen auf das Festival. Es werden Kostüme genäht, Tänze und Bühnenauftritte einstudiert und handwerkliche Fähigkeiten trainiert. Tapati wird von den Insulanern für die Insulaner gestaltet und dient dem Erhalt der Kultur. Fremde sind nicht nur als Zuschauer willkommen - sie dürfen sogar an Tänzen und Paraden teilnehmen.

Das Anfertigen von Muschelketten und Blumenkränzen sowie die Herstellung von Körben und Hüten aus Palmenblättern gehören ebenso zu den Wettbewerben wie die Arbeit von Schnitzern und Steinmetzen, die Moais aus Holz oder Stein erschaffen. Bei einem Wettstreit werden auf hölzernen Tafeln Zeichen der bisher noch nicht entschlüsselten Bilderschrift Rongo Rongo eingraviert.

Halsbrecherisch geht es beim Abfahrtsrennen zu: Wild aussehende, durchtrainierte Männer liegen - nur einen Lendenschurz tragend, den Körper bemalt - auf harten, aus Bananenbaumstämmen zusammengeflickten Schlitten. So rasen sie mit atemberaubender Geschwindigkeit den grasbewachsenen Abhang des 302 Meter hohen Berges Maunga Pui hinab. Blaue Flecken sind garantiert, Knochenbrüche nicht ausgeschlossen. Ein Krankenwagen steht für alle Fälle bereit. Nicht jeder Teilnehmer kommt gemeinsam mit seinem Schlitten unten an. Ein aufregendes und gefährliches Vergnügen!

Verwegen sehen auch die Cowboy-Typen aus, die Pferderennen auf einer holprigen Straße entlang der Küste bestreiten. Bei ihren rasanten Wettkämpfen ziehen die Reiter mit ihren Pferden mächtige Staubwolken hinter sich her. Und fast täglich messen die besten Wassersportler ihre Kräfte vor der Küste.

Kulturelle Höhepunkte sind die abendlichen Tanz-, Gesangs- und Vortragswettbewerbe auf einer extra errichteten Freilichtbühne mit kunstvoll gestalteter Kulisse direkt am Meeresufer von Hanga Roa, der einzigen Siedlung der Insel. Bis nach Mitternacht ziehen sich diese Folklore-Veranstaltungen hin. Etliche Sportler, die tagsüber an Wettkämpfen teilnehmen, agieren abends als Tänzer oder Musiker auf der Bühne. Der wohl erfahrenste ist Manu, Mitglied der Musik- und Tanzgruppe Maori Tupuna. Als Künstler engagiert er sich intensiv für die Insel-Kultur, tritt in Schulen und Kindergärten auf und ist wie Tuma ein Vorbild vor allem für die Jugend. "Ich lebe nur für die Musik und das Tanzen, ich tue es für mein Volk", sagt er. "Die Kultur der Rapa Nui muss an die nächste Generation weitergegeben werden!"

Ausgelassene Stimmung herrscht bei der bunten Straßenparade quer durch Hanga Roa. Geschmückte Festwagen, Musik- und Tanzgruppen und nicht zuletzt die Körperbemalungen der Beteiligten vermitteln emotional mitreißend einen Eindruck der beinahe vergessenen Kultur. Dabei wird ohne Scheu viel nackte Haut gezeigt - das gibt zusätzliche Punkte von der Jury. Lendenschurz bei Männern und ein Feder- oder Binsenrock bei Frauen sind typische Kleidungsstücke auf der Parade.

Die stundenlange Prozedur der Körperbemalungen unter freiem Himmel vor Beginn des Straßenumzugs ist ein Ereignis für sich. Vor Badewannen, gefüllt mit rotbrauner, weißer oder grauer Brühe, die aus Erdfarben und Wurzeln gemixt wird, bilden sich lange Warteschlangen. Männer und Kinder in Badehose, Frauen im Bikini oder auch "oben ohne" tauchen nacheinander hinein. Insulaner stehen mit Farbnäpfen bereit, um die Körper mit Motiven der Insel-Mythologie zu bemalen.

Mit Spannung wird in der letzten Abend-Show die feierliche Krönung der neuen Königin erwartet. Welche Kandidatin erhält die begehrte hölzerne Krone? In den Jubel um die strahlende Siegerin mischt sich auch Wehmut, weil die ereignisreichen Tage nun zu Ende sind. Für ein Jahr ist es wieder ruhig auf der Osterinsel - bis zum nächsten Tapati-Festival. Dann wird erneut eine Königin gekrönt. Und Tuma verrät, dass er doch noch ein letztes Mal am Triathlon teilnehmen will.