Ostsee-Insel

Rügen mit Pinsel und Palette entdecken

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Beate Köhne

Foto: ©Beate Koehne

Seit Mitte des 18. Jahrhunderts zieht diese Insel Maler magisch an - in Kunstkursen kommt man nun den Motiven alter Meister näher.

Wohin die Fahrt geht bestimmt der Wind. Kommt er von Osten? Dann fliegen an der Steilküste die Blätter weg. Also besser auf zum sogenannten Hexenwald am Großen Jasmunder Bodden. Der steht zwar in keinem Reiseführer, dafür aber sitzen Maler dort windgeschützt und müssen sich nicht dauernd neugierig über die Schulter gucken lassen. "Für uns sind nicht die touristischen, sondern die malerischen Orte interessant", erklärt Gudrun Arnold.

Seit bald 50 Jahren lebt die Künstlerin auf Rügen, und wann immer es geht, arbeitet sie draußen. Wer wüsste da besser, wann das Licht in der Kreptitzer Heide mild und golden wird, wo die Steilküste von der Sonne beschienen wird und dass sich die weite Fahrt bis zu den Zickerschen Bergen wirklich lohnt? Kap Arkona, sagt Gudrun Arnold, sei zum Malen generell zu windig. Auch der Königsstuhl wird erst gar nicht besucht. Bei 300 000 Besuchern pro Jahr kann man sich das Gedränge am berühmtesten aller Kreidefelsen nur zu gut vorstellen.

Das Rund aus Krüppelbuchen bei Lietzow dagegen lässt sich ganz in Ruhe bestaunen. Gebückt stehen sie im Kreis wie tratschende Alte, einander umschlingend mit knorrigen Ästen. Ihre Blätter verraten, dass sie voller Leben stecken. Elke, Verwaltungsangestellte aus Aachen, tuscht die bizarren Bäume zart mit Aquarell, sodass sie ganz chinesisch wirken. Bei Karin, IT-Architektin aus Hamburg, wächst ein knallbunter Märchenwald, und Rosi, Rentnerin aus Hannover, lässt einen Baum sich emporwinden wie eine olivgrüne Schlange.

Farbwahl, Pinselführung und sogar die Motive sind so verschieden wie die Charaktere, die bei der einwöchigen Malreise aufeinander treffen. Einer möchte neue Techniken lernen, der andere einfach drauflos pinseln, einer bezeichnet sich als blutiger Anfänger, der nächste organisiert Ausstellungen. Alle sind angereist, weil sie Spaß daran haben, sich mit Pinsel und Farben auszudrücken. Da sind sie gerade auf Rügen in guter Gesellschaft. Seit den 60er-Jahren des 18. Jahrhunderts zieht Deutschlands größte Insel die Maler an.

Jakob Philipp Hackert war der Erste, der ganz genau hinschaute und die Landschaft in Zeichnungen, Aquarellen und Radierungen festhielt. Lyonel Feininger hat hier gemalt und Adolph Menzel, Walter Leistikow und Hans von Marées sowie natürlich Caspar David Friedrich und Karl Friedrich Schinkel. Als der Wissenschaftler und spätere Nobelpreisträger Wilhelm Oswald zwischen 1886 und 1910 einen von zahlreichen Malurlauben auf Rügen verbrachte, schrieb er: "Die neuartige Landschaft, die ich auf Rügen in unvorhergesehener Mannigfaltigkeit antraf, wirkte in hohem Maße anregend auf mich, sodass ich mich mehr und mehr zu einer gewissen Freiheit in der Auffassung und Darstellung durcharbeitete."

Motive finden Maler auf Rügen genug. Doch Gudrun Arnold möchte, dass ihre Teilnehmer lernen, ganz genau hinzuschauen. Wie hängen die Blätter am Baum? Welche Farbe hat die Rinde? "Ihr malt noch zu sehr aus dem Kopf", erklärt die Kursleiterin am dritten Tag. Was dabei herauskomme ähnele mehr dem Klischee eines Baumes als dem Baum selber. Nur wer sich die Zeit nehme, Farben, Formen und Strukturen genau zu beobachten, bemerke, dass ein Baumstamm nicht zwangsläufig braun sei und ein Kreidefelsen nicht nur weiß. So entfernt man sich ein Stück weit vom malerischen Klischee und begibt sich auf den Weg zur eigenen Bildsprache.

Schon Caspar David Friedrich ging es nicht darum, die Rügener Kreidefelsen genau auf die Leinwand zu bannen. Vor Ort skizzierte er detailliert, dann zog er sich mitsamt den Skizzen in sein Dresdner Atelier zurück, um sein eigenes, sehr romantisches Rügenbild in Öl zu verewigen. Daher ist es auch müßig darüber zu spekulieren, ob auf seinem Bild "Kreidefelsen auf Rügen" nun die Wissower Klinken zu sehen sind oder nicht. Lange Zeit galten sie den Kunsthistorikern als das wahrscheinlichste Motiv. Doch die Kreideküste verändert sich permanent, vor 200 Jahren sah sie ganz anders aus als heute.

In der Piratenbucht schimmert das Meer heute tiefgrün, ein Anzeichen für Kreidespuren im Wasser, wie Gudrun Arnold erklärt. Erst vor Kurzem sei hier ein großes Stück Fels hinabgestürzt. Manche Malerin hält das nicht davon ab, sich an die Kante zu setzen - wo sonst ist so unglaubliches Grün zu sehen, ein Chromoxid gemischt mit Preußischblau und geringem Weißanteil? Auf Klappstühlen sitzen sie verteilt, die Kursleiterin wandert reihum und gibt Ratschläge. Hier fehlt eine Linie, dort lässt sich an der Komposition feilen. Sind diese Schatten nicht eher blau?

Nach der Rückkehr ins Atelier wird die Ausbeute des Tages an die Wand geheftet. Im Anbau im Garten der Pension können die Maler auch außerhalb der offiziellen Kurszeiten jederzeit arbeiten oder sich austauschen. Eine der Teilnehmerinnen hat zuvor noch nie in der Natur gemalt und ist heute nicht zufrieden mit ihrer Landschaft. "Karin, das nächste Mal setze ich mich einfach neben dich und male von dir ab", sagt sie. Karin lacht und sucht nach Tipps für die Zweifelnde. Sie selber ist Wiederholungstäterin, sie hat den gleichen Kurs vor eineinhalb Jahren schon einmal besucht. "Seitdem sehe ich Farben wirklich anders", meint sie. Karin weiß daher auch, dass der Malkurs mit der Abreise noch nicht beendet sein wird: "Wenn man die Bilder nach einer Woche erneut anschaut", sagt sie, "dann sieht man auf einmal viel klarer, was an ihnen nicht stimmt."