Südamerika

Frieden für die Ninjas

Foto: srt

Der weiße Strand von Mazunte im Süden Mexikos ist heute ein Ökoparadies für Meeresschildkröten. Das war leider nicht immer so

Juan, der Bootsführer, kann es selbst kaum fassen: "Ein Blauwal!" Schon mehr als eine Stunde lenkt er das Motorboot kreuz und quer über das spiegelglatte Meer vor der Küste zwischen Mazunte und Puerto Angel. Und nichts: kein Tümmler, kein Grauwal, kein Orca. Doch plötzlich steigt keine 20 Meter vom Boot entfernt ein langer Buckel aus dem Wasser. Als das imposante Wesen dann beim nächsten Mal ganz nah am Boot auftaucht, gibt es keinen Zweifel mehr. Die charakteristischen zwei Blaslöcher, die sehr flache Schnauze, der helle Bauch: Hier grüßt das größte Lebewesen der Welt - wenngleich mit seinen rund 15 Metern Körperlänge noch in einem eher pubertären Stadium.

Die außergewöhnliche Begegnung versetzt alle Bootsinsassen in Hochstimmung. Die wird noch gesteigert, als sich weitere Tiere zeigen: Ein prächtiger Mantarochen "winkt" mit seinen meterlangen Flossen, fliegende Fische kreuzen die Bahn. Als wären sie bestellt, dümpeln plötzlich überall vor sich hindösende Wasserschildkröten im Meer herum. Nur der Panzer der bis zu eineinhalb Meter langen Tiere ragt aus dem Wasser. Die anmutigen Meeresbewohner lassen sich nicht einmal stören, wenn mehrere Leute aus dem Motorboot ins Wasser gleiten und ganz nah an sie heranschwimmen. Doch das war hier nicht immer so. Noch vor 20 Jahren war der Ort Mazunte Hauptstadt eines grausamen Massakers: der Abschlachtung der Meeresschildkröten, die den traumhaften Landschaftsabschnitt seit Generationen aufsuchen und aufgrund dieser berechenbaren Wiederkehr geradewegs ins offene Messer liefen.

Juans Vater war wie fast alle anderen Männer auch an dem blutigen Geschäft, das die Lebensgrundlage für die meisten Familien hier bildete, beteiligt. "Das Meer war rot vor Blut, in der Hochsaison wurden mehr als 1000 Schildkröten getötet. Pro Tag." Man kann sich vorstellen, dass diese Praktik sowie entsprechende Weiterverarbeitungsfabriken dem Tourismus nicht zuträglich waren. 1990 kam zum Glück die Wende. In diesem Jahr erließ die Regierung ein Gesetz, das die Tiere unter Schutz stellte. Eine Katastrophe für die Bewohner - zunächst. Mittlerweile jedoch ist die Bevölkerungszahl des Dorfes um das Zwei- bis Dreifache gewachsen, der Plan des nachhaltigen Tourismus zumindest teilweise aufgegangen. Zwar sind immer noch viele Leute aufgrund der entzogenen Haupteinnahmequelle arm, doch für neue Einkommen und vor allem eine Perspektive sorgt der boomende Individualtourismus. Viele der Urlauber aus Nordamerika und Europa kommen nicht nur wegen der sanft ansteigenden Küste und der dank vieler Buchten und vorgelagerter Felsen ungemein abwechslungsreichen Landschaft, sondern auch wegen des hier praktizierten Umweltschutzes. Im Centro Mexicano de la Tortuga in Mazunte, dem landesweiten Zentrum der Schildkrötenforschung, wird viel für verletzte und kranke Tiere getan. Und mit dem Museum auch viel für interessierte Besucher.

Am spannendsten ist es aber in der Natur selbst. Besonders viel los ist im Herbst, wenn bei Neumond Zehntausende der frei lebenden Meeresschildkröten - rund fünfmal so viele wie vor 1990 - zum Eierlegen an den Strand von Mazunte strömen.

Die Umgebung lernt man an Bord eines Bootes, zu Fuß oder hoch zu Pferde kennen. Wer es abenteuerlich mag, der steigt am Strand von La Ventanilla ins Kanu und paddelt durch die Mangrovensümpfe, wo sich auch etliche Krokodile sonnen. Vorsicht jedoch beim Baden im Meer. Die Strömungen und hohen Wellen sind nicht zu unterschätzen. In Zipolite, dem bekannten Hippiedorf ein paar Kilometer südöstlich, sollte man auf das Schwimmen ganz verzichten. Hier geht kein Einheimischer ins Meer - zu tückisch ist die Brandung, zu viel ist in der Vergangenheit passiert. Doch in dem netten Örtchen gibt es auch so genug zu erleben.

Vor allem FKK-Fans finden Gleichgesinnte. Außerdem verwandelt sich die Hauptstraße jeden Tag ab fünf Uhr nachmittags in eine quirlige Fußgängerzone. Dann werden Decken am Boden ausgebreitet und Schmuck verkauft. Tattoo-Stuben erweitern ihren Verkaufsbereich auf die Straße, und der süßliche Marihuanaduft ist kaum zu ignorieren. Der entspannten Stimmung kann man sich nicht entziehen, erst recht nicht im Restaurant Buon Vento, wo die Gäste im Außenbereich ihre Füße in den Sand stecken können, während ihnen zur Pizza ein Margarita-Cocktail serviert und auf einer Leinwand ein Filmklassiker gezeigt wird.

Ähnlich entspannt geht es in San Agustinillo zu, einem kleinen Dorf zwischen Mazunte und Zipolite. Da werden die Plastiktische der Strandbars eben mal von der eigentlichen Veranda ans Meer vorgetragen, damit die Gäste näher an den im Sand buddelnden Kindern speisen können. Nebenbei sorgen fliegende Händler für Unterhaltung, weil sie in einer unaufdringlichen Art sommerliche Leinenhosen, Hängematten, Silberschmuck und selbst gemachte Zimt-Kokos-Fladen verkaufen - und für Hartgesottene Michelada: Bier mit Chili, Worchester, Salz und Limettensaft. Schmeckt absolut gewöhnungsbedürftig, ist aber sehr mexikanisch.

Video: 4000 Mini-Schildkröten in die Freiheit entlassen