Meilen & Mehr

Verschärfte Form des Reisens

Eine Glosse von Frank Berno Timm

Adjektive, lernen wir in der Schule, kann man steigern. "Gut" ist so ein Beispiel. Bei anderen klappt es nicht, auch wenn man es immer wieder versucht: "Oft" steht dafür, auch "optimal" oder "voll".

Und Substantive? Gibt es eine verschärfte Form von Reisen? Na klar: Umziehen. Und das geht so: Für einen Kurztrip hole ich die Tasche aus dem Schrank, packe Wechselwäsche ein. Nehme aus dem Büro Kamera und Notizbuch mit und mache mich auf den Weg. Der Umzieher sackt nicht nur Wechselwäsche in die Kiste, sondern zerlegt gleich noch den Schrank, stopft alle Koffer und Taschen voll, sichert Schreibtisch, PC und Krimskrams, fegt und wischt die geräumte Bleibe und verschrottet die kümmerlichen Reste - wenn das keine Steigerung ist. Es gibt Verschenkorgien statt Mitbringsel: Überzählige Möbel und Gerätschaften, die Modelleisenbahn, Tochters Hängematte, Spielautos für die zwei Brüderkinder benachbarter Freunde in der nächsten Stadt.

Statt schöner Landschaften in den Blick unterwegs kommt beim Einpacken der letzte Brief der Verflossenen aus einer Ritze hervor. Anstelle neuer Menschen wird die Bärenkraft umzugshelfender Freunde und Tagelöhner getestet. Nebenbei gibt's Abschiede in Serie: Stammlokale, Freunde, Familie, Weggefährten und Kollegen. Anstelle von einem Auto für die Reise braucht es zwei: Im Lkw dampfen Unmassen an Kisten, Möbel und die Zimmerpflanzen nordwärts, im Dienstwägelchen alles, was keinen Schaden nehmen darf. Knifflig: Alles muss passen, gleich beim ersten Mal.

Unterwegs zwei knappe Pausen, kein Blick für die Landschaft, es muss vorwärts gehen. Schließlich will der Lastwagen am selben Tag ausgeladen und die neue Bleibe bald eingeräumt sein. Ach ja: abbrechende Fingernägel, immer wieder blaue Flecken, unsägliche Schwitzerei, ab und an ein blutender Finger und ein kleiner Stromschlag beim Lampeaufhängen würzen das Umziehen zusätzlich - von Kleinschäden wie Glasbruch mal abgesehen.

Das Beste zum Schluss: erste Rundgänge am neuen Lebensort. Der Alltag wird ein angenehmes Reisen durch Sitten und Gebräuche, Preise, Wege und Gewohnheiten. Die ersten Wochen vergehen wie im Flug. Allerletzte Kisten müssen ausgeräumt, die neue Bleibe veredelt werden.

Gemütliches Reisen ist vorzuziehen, keine Frage. Umziehen hat wenig mit Genuss oder neuen Einsichten zu tun. Mir reicht die Reisetasche für die nächste Tour - bis auf Weiteres.