Bremerhaven

Hein Mück hat sich fein gemacht

Wer lange nicht da war, der wird Bremerhaven kaum wiedererkennen: Maritime und andere Erlebniswelten mit moderner Architektur und hohem Anspruch locken neue Gäste

Ein Emigrant, der auf Hawaii zum königlichen Hofschneider avanciert. Ein Globetrotter, den man rund um die Welt begleiten kann - und dabei doch nur einen Kilometer zurücklegt. Ein Wirt, der eine echte Seemannskneipe führt, "die letzte vor New York". Außerdem Fischhändler Fiedler, Fischkoch Natusch, Elvis Presley, Lale Andersen und natürlich "Hein Mück aus Bremerhaven", einst Symbolfigur einer Stadt, die für Seefahrt, Schiffbau und Fischerei stand wie keine andere im Norden. Sie alle repräsentieren diese Stadt, die jahrzehntelang im grauen Abseits lag, inzwischen aber eines der überraschendsten Städteziele in Norddeutschland ist.

Fangen wir mit Paul Lemke an, 1851 im Osten des Deutschen Reiches geboren, gelernter Schneider, einer von sieben Millionen Menschen, die zwischen 1830 und 1974 von Bremerhaven aus in die Neue Welt aufbrachen. Und einer von 18 Emigranten, deren Bordkarte die Besucher des Deutschen Auswandererhauses in die Hand bekommen. Sie folgen damit ihren Spuren, erleben hautnah die Überfahrt, in Lemkes Fall im Zwischendeck auf dem Dampfer "Saale", sie bewegen sich auf schwankenden Planken, hören das Stöhnen der Seekranken und sind dabei, wenn karges Essen ausgeteilt wird.

Für Paul Lemke hat sich seinerzeit die Emigration gelohnt. Das zeigen die Stationen im Museum und die Biografie-Schubladen, die man dort mit seinem "Boarding Pass" öffnen kann. Er ist von New York nach Hawaii gezogen, hat prächtige Uniformen für die königliche Kapelle geschneidert, seine Frau Agnes nachgeholt und sich schon bald als Hofschneider im Südseeparadies eingerichtet. Eine Karriere, die in gewisser Weise zur Seestadt Bremerhaven passt.

Die wurde 1827 aus der Not Bremens heraus geboren, als dort die Häfen zu versanden drohten. Von der Wesermündung aus, gut 60 Kilometer von der Hansestadt entfernt, starteten schon bald die legendären Dampfer des Norddeutschen Lloyd nach Amerika. Der Vorposten der Bremer Kaufleute wuchs zum größten deutschen Fischereihafen, zum renommierten Werftenplatz, zum größten Auswandererhafen. "In allen fernen Zonen, wo nur Menschen wohnen", kannte man die raue Stadt am Meer. Seit 1928 der Lloyddampfer "Columbus" erstmals in Bremerhaven festmachte, galt die Columbuskaje als "Kaje der Tränen". Nach dem Krieg aber machte sie nur noch einmal weltweit Schlagzeilen. Das war am 1. Oktober 1958, als Elvis Presley den Truppentransporter "General Randall" verließ, um in Deutschland seinen Wehrdienst abzuleisten.

Danach kam schwere See auf an der Außenweser. Die klassische Hafenwirtschaft brach zusammen, Bremerhaven wurde zum Problemfall. Die Stadt "ist tot ... nicht zukunftsfähig", hieß es noch 2004 im Magazin "Focus". Aber "Hein Mück", der "Matrose mit ner weiten Hose", ließ sich nicht unterkriegen, auf einmal war, ganz wie im alten Gassenhauer, wieder "der Deubel los". Heute jedenfalls, nur wenige Jahre später, lockt eine Seemeile voller Spannung und Spaß immer mehr Besucher in die totgesagte Stadt.

Aus den neuen "Havenwelten", wie diese spektakuläre Promenade heißt, ragt 148 Meter hoch das steinerne Segel des Hotels "Sail City" heraus. Daneben hat sich das "Klimahaus" etabliert. Unter ihm das "Mediterraneo", ein Einkaufszentrum mit toskanischem Ambiente. Schräg gegenüber das berührend-spannende Auswandererhaus, etwas weiter nördlich der Zoo am Meer, die alte Strandhalle, die restaurierten Leuchtfeuer "Pingelturm" und "Minarett". Nach Süden zu das Schifffahrtsmuseum, davor das Feuerschiff "Elbe 3", die Bark "Seute Deern", der Haffkahn "Emma", Walfänger, Schlepper, Tragflächenboote.

Ein touristischer "Hafenbus" steuert die Sehenswürdigkeiten an. Bis tief in die neuen Containeranlagen und bis in die letzten Ecken des Fischereihafens dringt der Doppeldecker vor. Reiseführerin Marlis Hinze schnackt klug und witzig von alten und neuen Zeiten. Man kommt ordentlich herum mit ihr, aber wer gleich den ganzen Globus erobern will, muss dann doch Axel Werner folgen. Start und Ziel seiner faszinierenden Reise ist die Position 8° 34{minute} Ost - das Klimahaus, die jüngste Attraktion in den Havenwelten.

Der Architekt Axel Werner, der diesen Trip tatsächlich unternommen hat, folgt dem Bremerhavener Längengrad (in seiner Fortsetzung auf der anderen Seite der Weltkugel: 171° 26{minute} West) und trifft dabei zuerst Hedy und Werner Infanger auf einem Schweizer Bergbauernhof. Über Sardinien geht es in den Wüstensand von Niger und weiter nach Kamerun, in einen Kral. Der Besucher erlebt dort die tropische Hitze und gleich darauf bittere Kälte am Südpol. Auch das Eis in diesem nachgebauten Raum einer Antarktis-Forschungsstation ist echt, ebenso Palmen und Temperaturen im Südseedorf auf Samoa und Vegetation in Alaska.

Diese Reise durch fünf Klimazonen, gut einen Kilometer lang, spricht alle Sinne an, emotional und zugleich wissenschaftlich fundiert. Auch in allen anderen Bereichen des Erlebniszentrums werden die Phänomene Klima und Wetter ebenso spielerisch wie ernsthaft ins Bewusstsein gerückt, eine Erfolgsgeschichte. Fast eine Million Besucher, weit mehr als erwartet, waren seit der Eröffnung vor 14 Monaten schon da, die meisten hochgradig beeindruckt.

Im gewissen Sinne ist die weite Welt auch bei Martin Benecke zu Hause. Ihm gehört die "letzte Kneipe vor New York", der "Treffpunkt Kaiserhafen" am alten Bananenkai: Galionsfiguren, Positionslampen, Fische im Aquarium, ein Trio, das Seemannslieder spielt. Aus der Kombüse kommen Piratensalat und Neptuns Teller, Labskaus und Seezunge. Martin Benecke wird von seinen Gästen, den Truckern in Lederweste, den Arbeitern im Blaumann, den Damen und Herren in Nadelstreifen, ernst genommen. Der ehemalige Binnenschiffer spricht ihre Sprache.

Das gilt auch für Patrick Fiedler, der im "Schaufenster Fischereihafen" Köstlichkeiten aus dem Meer in jeder Größe und Zubereitung verkauft und serviert, in dritter Generation schon. Und ebenso für Wilhelm Hartmann, den alten Seebären, der nebenan Aale und Makrelen räuchert. Und für Lutz Natusch, den Wirt des gleichnamigen Restaurants, der, wenn er nicht den "Botschafter Bremerhavens" in Bayern gibt, gern von Zeiten erzählt, als die Kajen in "Fishtown" voll waren von Kuttern und seine Mutter in ihrer Kneipe alle Hände voll zu tun hatte.

Die Zahl der Kutter ist nicht mehr hoch. Aber dafür laufen alle zwei Jahre wieder Windjammer aus aller Welt den alten Hafen und die neuen Havenwelten an. Allein am Mittwoch, zum Auftakt der Sail 2010, kommen 177 Segelschiffe, unter ihnen die Schulschiffe "Gorch Fock" aus Deutschland, "Santa Maria Manuela" aus Portugal und die "Dewaruci" aus Indonesien, die 1953 bei Stülcken in Hamburg vom Stapel gelaufen ist.

Dutzende Shanty-Chöre wollen in der nächsten Woche die Besucher bei Laune halten. Überall werden sentimentale Erinnerungen hochkommen, erst recht an der Linzer Straße. Dort steht eine Laterne, "und steht sie noch davor ...", als Hommage an Lale Andersen, die in Lehe geboren wurde, einem Dorf, heute Stadtteil von Bremerhaven. Bevor Hafenführerin Marlis Hinze am Ende ihrer Tour den Doppeldeckerbus verlässt, dreht sie für ein paar Minuten die Zeit zurück und singt, meistens zusammen mit ihren Gästen, Lales Lied "... wie einst Lili Marleen". In der letzten Kneipe vor New Yor hat "Hein Mück" mal wieder Hochkonjunktur.

Sail 2010 - Die Arbeit des Hafenkapitäns

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