Hausboote

Magisches Masuren

Mit Charterbooten über die größte Seenplatte Polens - die Zwölf-Stundenkilometer-Reise entschleunigt und wirkt wie Balsam fürs Gemüt

Wenn unsere Erde eine Seele hat, muss sie hier beheimatet sein: in den magischen Weiten Masurens. Wo die Stille greifbar wird und man der Welt auf wunderbare Weise abhandenkommen kann. Wenn die Sonne hinter den dunklen Wäldern versinkt, die Reiher und Kormorane sich zum Abendessen aufschwingen und der Jezioro Sniarwy (Spirdingsee) leise sein Wiegenlied gluckst.

Ich stehe mit einem Drink in der Hand an Deck der träge im Wasser liegenden "Blei" und beobachte Maltzi beim Aale-Angeln. Jeden Abend setzt sich mein guter Freund in das grüne Beiboot und lockt die Fische. Jeden Abend hofft er auf den ganz großen Fang. Doch statt fetter Aale zappeln nur aufgeregte Rotaugen am Haken, die Maltzi gleich wieder ins Wasser wirft.

Wir sind auf den Spuren von Dönhoff, Lenz und Wiechert. Nicht zu Ross, sondern per Hausboot der Charterfirma Kuhnle. Ganz gemütlich cruisen wir mit dem "Wohnmobil des Wassers" auf der polnischen Seenplatte.

Noch brauchen Skipper hierfür einen Sportbootführerschein Binnengewässer. Allerdings plant die polnische Regierung, die Führerscheinpflicht für Boote unter 13 Metern und unter 15 km/h (bis 100 PS) in der nächsten Saison aufzuheben.

Unsere "Blei" stammt aus der Kormoran-Reihe (Modell 1140) und kostet für eine Woche je nach Saison zwischen 1560 oder 2790 Euro. Die Stahlschiffe sind zwischen 9,40 und 12,80 Meter lang, 3,90 Meter breit und bieten Platz für zwei bis acht Personen. Die kuscheligen und komfortablen Kajüten verfügen sogar über eine eigene Nasszelle mit Dusche und WC. Doch die Männer springen natürlich lieber in den 18 Grad warmen, klaren See.

Wir sind zu fünft. Die Frauen schlafen am Bug. Da, wo die Ankerkette gerne an der Bordwand rüttelt und sich nachts so anhört, als würden Tausende Klabautermänner-Füße übers Vordeck trampeln. Davon bekommen die Männer im Heck nichts mit. Sven am allerwenigsten. Er hat die beste "Koje": Im Frühstückssalon mit atemberaubendem Panoramablick. Doch so viel Luxus verlangt Opfer. Sven darf immer erst in die Koje, wenn die letzte Poker-Karte verkloppt wurde.

Fünf Tage dauert unsere verträumte Reise von Piaski im schönen Reservat Cruttinnen über Mikolaijki (Nikolaiken) und Glycko (Lötzen) bis hoch in den Norden zur Halbinsel Jez und nach Wegorzewo (Angerburg).

Das sind knapp 65 Kilometer Luftlinie. Mit einem 62 PS-Motor, der maximal zwölf Kilometer die Stunde schafft, dauert das eine Weile. Doch wir genießen die Langsamkeit des Seins. Unser Blick schweift über sumpfige Wiesen, dösende Angler am Ufer, versteckte Segelboote im leuchtenden Schilf und die dahinter liegenden üppig schillernden Laubwälder. "Wälder, in denen die Fußspuren des lieben Gottes, der hier spazieren geht, noch golden leuchten", wie der Schriftsteller Ernst Wiechert so treffend formulierte. Würzig riecht der Atem der grünen Lunge Europas mit ihren rund 3000 Seen. Eine verschlafene Schönheit, die entschleunigt.

Tagsüber verlieren wir uns im unendlichen Kobaltblau des Himmels und bestaunen die großen weißen Wolken. Das Gebirge Masurens, wie die Einheimischen sie nennen. Nachts haben wir das Gefühl, als falle das funkelnde Firmament vom Himmel auf uns herab.

Der erste Stopp ist das Naturschutzgebiet Popielno (Popiellnen) mit seinen urigen Hütten, den berühmten Tarpan-Wildpferden und wuchtigen Wisenten. Immer wieder treffen wir, wie Siegfried Lenz sagt, auf "das unscheinbare Gold der menschlichen Gesellschaft". Schrullige Charaktere, kauzige Typen. Sie sitzen am Straßenrand, pulen Kerne aus riesigen Sonnenblumenköpfen, stecken sie in den Mund und spucken die Hülle auf die Straße. Die Armut der Gegend, man liest sie in ihren Gesichtern.

Auf kleinen Märkten der größeren Häfen bieten die Bauern frisches Obst und Gemüse an. Doch die wahren Gourmetperlen liegen an den Kanälen. Es sind Restauracja ohne viel Schnickschnack. Simpel, aber gut. Manche, wie das Fischrestaurant am Kanal Grunwaldzki (Grünewaldkanal), wirken gar verlassen. Aber anklopfen lohnt sich. Denn wir haben hier für umgerechnet sieben Euro pro Person den zauberhaftesten frischen Zander verspeist - inklusive Getränke und Trinkgeld.

Wer in Masuren unterwegs ist, muss auch mal nach Nikolaiken, heißt es. Warum diese Hafenstadt mit ihrer zusammengewürfelten Möchtegern- Romantikarchitektur als masurisches Venedig gilt, bleibt allerdings eines der Rätsel dieser Reise. Wir haben Glück: Da wir nicht in der Hauptsaison unterwegs sind, dürfen wir das Ballermann-Flair nur erahnen, nicht erleben. Lustlos streifen wir durch die öden Straßen, vorbei an unzähligen Bernsteinschmuckläden. Das Gold der Ostsee glitzert in den Schaufenstern. Doch so geballt verliert es jeglichen Reiz.

Also weiter nach Sztynort (Steinort). Pilgerhochburg vieler gebürtiger Ostpreußen. Denn hier, 15 Kilometer entfernt vom Führerhauptquartier Wolfsschanze, liegt das Schloss des hingerichteten Nazi-Widerstandskämpfers Heinrich Graf von Lehndorff, einem Cousin von Marion Gräfin Dönhoff. Wir machen die Leinen fest am brüchigen Steg im Yachthafen und laufen hoch zum einst feudalen Herrenhaus.

Ausgeschlachtet wie ein Wrack liegt es samt Stallanlagen auf einem Hügel. Erst die Nazis, dann die Kommunisten plünderten, was nicht niet- und nagelfest war. Am Ende aber selbst das. Dachziegel fehlen, Fenster und Türen sind mit Brettern verrammelt, die Fassade bröckelt vor sich hin, und auf den Schornsteinen nisten Störche. Einzig das alte Kopfsteinpflaster und die prächtigen Eichenalleen flüstern Geschichten von früher. Eine deutsch-polnische Stiftung will das Schloss nun sanieren.

Wir mieten uns Fahrräder (zwei Stunden für 20 Zloty) und machen uns auf zur Wolfsschanze. Entlang der Straßen, auf denen bereits Graf Lehndorff 66 Jahre vor uns fuhr. Knapp 40 Minuten dauert die Fahrt.

Gefühlt: locker das Doppelte. Das Hirn hüpft wie ein Flummi auf dem preußischen Kopfsteinpflaster. Wir kommen vorbei an kleinen Dörfern mit grauen Häusern, bunt blühenden Gärten und hübschen Dorfkirchen.

Hunde laufen bellend neben uns her, und vor den Häusern sitzen Bäuerinnen mit Schürze und putzen Gemüse. Hier steckt sie also, die verloren gegangene Zeit. Am Kreisel befindet sich die einzige Dorfkneipe im Radius von 50 Kilometern. Treffpunkt für Alt und Jung auf ein Mittags-Bierchen. Jeder Fremde, der vorbeikommt, wird neugierig beäugt.

Hinter den von Nazis verlegten Asphaltplatten liegt es dann, das Mahnmal für Masurens schlimmste Zeit. Mitten im Wald türmen sich acht Meter dicke Betonbrocken. Die Reste der 1945 in die Luft gesprengten Bunkeranlage. Wir zahlen zwölf Zloty Eintritt und zwei Zloty Parkgebühr pro Stunde für die Räder. Ein freundlicher, hagerer Mann bietet uns eine Privatführung an, für 50 Zloty. Edward Korpalski ist Geschichtslehrer und bessert so sein Gehalt auf. Er wohnt ganz in der Nähe und hat ein Buch über diesen Ort geschrieben. Er zeigt uns, wo Graf Stauffenberg am 20. Juli 1944 die Bombe in der Nähe Hitlers zündete. Heute steht da nur noch eine Gedenktafel. Am Ende der Tour kaufen wir Korpalskis Buch. Der Autor besteht auf eine Widmung und schreibt stolz "für die sehr wunderbare, sehr schöne und liebe Frau Daniela zur Erinnerung an unser herzliches Treffen im geschichtsträchtigen Wald".

Immer mehr verstehe ich, was der in Masuren geborene Siegfried Lenz meinte, als er schrieb: "Meine Heimat lag sozusagen im Rücken der Geschichte; sie hat keine berühmten Physiker hervorgebracht, keine Rollschuhmeister oder Präsidenten; was hier vielmehr vorgefunden wurde, war das unscheinbare Gold der menschlichen Gesellschaft: Holzarbeiter und Bauern, Fischer, Deputatarbeiter, kleine Handwerker und Besenbinder. Gleichgültig und geduldig lebten sie ihre Tage, und wenn sie bei uns miteinander sprachen, so erzählten sie von uralten Neuigkeiten, von der Schafschur und vom Torfstechen, vom Vollmond und seinem Einfluss auf neue Kartoffeln, vom Borkenkäfer und von der Liebe."

Bei stürmischem Wetter geht es wieder zurück zum Niedersee. Der Himmel reißt auf, als wir zum letzten Mal den Anker in eine einsame Bucht werfen. Während ich mir einen Drink mixe, packt Maltzi wieder die Angel aus und macht das Beiboot klar. Zum letzten Mal. Irgendwann müssen sich die 80 Zloty Angelerlaubnis, umgerechnet 20 Euro, für die fünf Tage ja lohnen.

Wir konnten es alle nicht glauben, aber am nächsten Morgen zappelte er tatsächlich doch noch an der Angel, der fette Aal. Oh wundersames, wunderbares Masuren.

Mit dem Hausboot durch Masuren